Pariser Gelächter


Neben der Todestraurigkeit der großen Pomp-Revuen, die mir so bekannt vorkommen, obgleich ich nicht weiß, was ›Haller‹ auf französisch heißt, gibt es die kleinen, und wenn sie von Rip sind, dann sind sie gut. Diese hier – im Théâtre du Palais Royal – heißt ›Das goldene Zeitalter‹ und ist sogar sehr gut, und sie ist wirklich durch und durch französisch und gar nicht für die Amerikaner gemacht. Die glücklichen Schauspieler waten knietief in Gelächter.

Zunächst einmal hat Rip eine fulminante Technik: für die Couplets und für die Wirkungen des Theaters, das findet sich selten in derselben Hand. Seine Texte sind sauberste Handarbeit, auf Rand genäht, das sitzt und schließt und paßt wie angegossen. Es gibt Bilder; von ›durchgehender Handlung‹ ist zum Glück keine Rede, aber diese Bilder sind durchweg gelungen, und drei mehr als das.

Der König von Albanien kriegt eins auf den Reiherhelm, Literatenkrachs entstehen neu – glückliches Land, wo so etwas populär ist! Den Streit zwischen Gémier und Bernstein hat man noch nicht vergessen, und wenn es gegen Kollegen geht, dann ist Rip frech wie ein Spatz; es erscheint der Komiker Dorville als Konkurrent des Eisernen Justav, dem er sogar ein sanft ironisches Lied widmet, einmal spielen sie die ›Rückkehr zur Natur‹, da zieht Rip einfach alle Leute aus, und auf einmal ist alles komisch: der nackte Negerboy, der die Tür öffnet, der nackte Herr des Hauses, die nackte Dame des Hauses, und der Präsident des Senats mit der Ehrenlegions-Rosette auf dem schwarzen Badeanzug, er trägt dazu passenderweise einen Zylinder, und nur die Tante aus der Provinz hat einen langen Rock und fällt peinlich auf. Worauf sie sich entschließt, die neue pariser Mode mitzumachen, sie kommt also ziemlich ausgezogen herausgeklappert, auf den Brüstchen aber trägt sie für die Moral und gegen den Regen zwei spitze Trichter ...

Die drei besten Szenen aber sind so:

Probe im Moulin Rouge, mit der Mistinguett, welche sehr geschäftstüchtig ist. Aufmarsch der verschiedenen Revueleute: die Maschinisten und der Herr Direktor und die Girls, und, richtig, die Autoren – und jeder singt: »Ach Irma – ach, Irma – ohne mich verkracht die Firma!« und dann erscheint der ›Stern‹ und kriegt erst einmal so viel Geld, wie es gar nicht gibt; und nimmt von dem Interviewer Geld, und als der mal aufs Töpfchen gehen muß, spricht jene: »Geradeaus die zweite Tür rechts – fünfzig Centimes, bitte!« – Und dann kommt sie heraus, in zerlumpten Bettlerkleidern, mit einem Körbchen in der Hand, und probiert.

Nun steht aber nebenbei auf einem Tischchen ein Telefon, und in die Probe hinein klingelt es, und jedesmal bricht die falsche Mistinguett ihr Jammerlied ab, in dem sie herausplärrt, dass sie nichts zu essen habe, und macht am Telefon Börsengeschäfte und treibt Mieten ein und Hypothekenzinsen und was der Mensch so braucht ... Beinahe hätte ich hinaufgerufen: »Gründen Sie doch eine Mistinguett-GmbH. – das soll vorkommen!« aber ich bin ein feiner Mann, und außerdem habe ich auch zu sehr lachen müssen, denn immer, wenn sie abgehängt hatte, begann sie von neuem:

»In meinen Hosen pfeift der Wind –

Ich armes Proletarierkind!«

Es war sehr schön. Rip überstrahlt das alles mit seinem Witz – Sie kennen doch die Beleuchtungstricks der großen Revuen? Rip hat die ›fesses lumineuses‹ erfunden, i, wo werde ich das übersetzen!

Und dann ist da eine Szene, die eben das Handgelenk des Autors zeigt. Es tritt ein schüchterner Polizeikommissar auf, der um die Hand eines jungen Mädchens anhalten soll – es aber nicht kann: er traut sich nicht. »Ich bin so schüchtern«, sagt er zu seinem Freund, »so schüchtern ... ! Heute haben sie mir im Café dreimal denselben Witz erzählt – meinen Sie, ich könnte sagen: Bitte, den hab ich schon gehört! Ich kann das nicht ... « – »C'est bizarre ... « sagt der Freund, »übrigens – kennst du das mit der Arche Noah? Wo der Elefant nicht einschlafen kann, weil es so bumst, und dann schickt er herauf, und da sagt der Noah: ›Entschuldigen Sie vielmals, Herr Elefant – aber das ist der Tausendfuß – der zieht sich grade die Stiefel aus!‹« – »Großartig!« sagt der schüchterne Kommissar und lacht sich tot. Freund ab. Kommissar, ins Publikum: »Das ist doch dieselbe Geschichte, die sie mir heute im Café erzählt haben!« – Und wie er nun diesen Witz ununterbrochen erzählt bekommt – lang und kurz, niedlich von seiner Braut, dramatisch bewegt von einem Marseiller, verkorkst von einer Ausländerin (»Und da sagt Noah: Das ist der Ohrwurm, der sich die Hosen auszieht!«) – das ist nun zum Entzücken gar. Am besten aber ist die dritte Szene.

›Sur les Toits‹. Auf den Dächern. Auf den Dächern arbeiten zwei Handwerker und reparieren da den Blechbelag. Und der Dicke, es ist Dorville, der so parisern kann wie Graetz berlinert, der Dicke verzapft Politik. Was er so in den Blättern gelesen hat: Keinen Krieg mehr! Und keine Grenzen! Und keinen König! Und keine Steuern! Und alles durcheinander. Und der Kollege führt ihn, ohne es eigentlich zu wollen, sanft ab, ein dialektisches Kunststück, das grade so gut umgekehrt vor sich gehen könnte. Perlen der Unterhaltung: »Du liest den ›Ami du Peuple‹, Cognasse?« – Cognasse ist leicht geniert; der ›Ami du Peuple‹ des Herrn Coty kostet zwar drei Sous weniger als die andern Zeitungen, aber sehr kommunistisch ist er ja nun grade nicht ... »Je ne le lis pas«, sagt er. »Je l'achète!« – Es war so verblüffend echt – ganz Paris stand da auf den Dächern ... Und da hört man plötzlich leise, ganz leise Militärmusik, Klingkling Bummbumm und Tschindrara – die Musik wird lauter und lauter – »Cognasse! Guck! Soldaten!« – Und sie treten an die Rampe und sehen auf die fingierte Straße hinunter ... nun ist die Musik ganz laut, der schnelle Takt der französischen Militärmärsche klingt an unser Ohr, nun wird sie wieder leiser, verklingt fast ... und da muß nun wohl unten die Fahne vorbeigezogen sein – denn den beiden da oben gibt es einen Ruck, und Cognasse, der radikale Cognasse, und sein Genosse – sie nehmen beide die Mützen herunter. Pause. »Du grüßt die Fahne, Cognasse?« sagt der erstaunte Genosse. Cognasse kommt wieder zu sich. »Quatsch!« sagt er. »Ich kenne den Fahnenträger!«

Wobei denn schnell zu sagen, dass es in Frankreich keinen Militärfimmel gibt, und dass der französische Offizier etwas hinter dem ›Zivilisten‹ rangiert. Und dass es doch leider, leider sehr wahr ist, was sich da auf den Dächern abspielt ...

Wie denn überhaupt das französische Cabaret und die kleinen Revuen einen reaktionären Witz aufweisen, den wir nicht haben, und der sich zum Teil daraus erklärt, dass das Land links regiert wird, die Opposition hat es ja immer leichter. Die Satire des Herrn Rip ist politisch von einer geradezu imposanten Gesinnungslosigkeit, aber, um die Wahrheit zu sagen, sie ist den Linken über. Die haben keinen solchen zu versenden. Es ist da eine Szene über und gegen das Frauenstimmrecht, das die Französin nicht nötig hat, weil sie sowieso herrscht – und zwar nicht, wie man denken könnte – sondern durch ihre Sparsamkeit, durch ihre Kraft, den Haushalt zu führen, das Geld einzuteilen, die Geschäfte zu verwalten – in dieser Szene werden Thesen aus dem Jahre 1896 breitgetreten, unter dem jubelnden Beifall einer strahlenden Bürgerschicht, die sich in ihren Ur-Instinkten gestärkt fühlt. Wir Deutschen sind von rechts her Langeweile gewöhnt, Verständnislosigkeit für die Zeit, Attentate und Holzknüppel. Hier aber gibt es einen reaktionären Witz, eine reaktionäre Geistigkeit und etwas für uns schier Unverständliches: einen intellektuell untermauerten Nationalismus, der übrigens niemals offensiv ist.

So kann eine richtige Theaterkritik nicht aufhören. Die Damen Josylla, Dorny (die die Mistinguett himmlisch kopiert), Sinoel und Franconay entledigten sich ihrer Aufgabe. Warum aber alle pariser Schauspielerinnen heiser sind, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Vielleicht wären sie es nicht, wenn Frankreich eine Prohibition hätte. Und selbst der gewitzigste Halsarzt könnte ihnen keinen andern Ratschlag geben als: »Schön gurgeln, nicht so viel saufen und nachts gut zudecken!«

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 16.11.1928, Nr. 543.





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