Gedenken an Siegfried Jacobsohn


Am 3. Dezember 1926 ist S. J. gestorben – das ist nun ein Jahr her, und wir wissen alle, was er uns gewesen ist.

Tote leben fort – meist legendär; je länger ihr Scheiden zurückliegt, um so idealisierter wird ihre Persönlichkeit gesehen, aber man soll Tote nicht heilig sprechen. Besonders diesen nicht, der eine so große Ehrfurcht vor wertvollem Leben hatte, dass er auf ölige Trauer pfiff; bei ihm feierten Dahingegangene fröhliche Urständ, wann es ihm grade behagte, und das meist außerhalb aller Kalender-Gedenktage. Sie lebten in ihm fort, viele waren für ihn nicht tot; sie wirkten in ihm. So wirkt auch er in einer Reihe seiner Freunde weiter – wir haben nicht nötig, ihn zu verklären.

Beziehungen von Literaten untereinander sind eine merkwürdige Sache. Meist nie ganz frei von Falschheit, von hinterhältigen Reservaten, gemengt mit Neid, halber Freundschaft, gemütlicher Feindschaft, Klatsch ... die Einwohnerschaft dieser Ebene ist reizbar und streckt viele Stacheln aus. Es wäre ganz lächerlich, heute zu erklären: himmlisch-rein wie im Paradies sind wir miteinander gewesen, ungetrübt floß unser Leben mit ihm dahin – Engel auf duftiger Wiese. Davon ist natürlich nichts wahr.

Jeder von den Weltbühnen-Leuten ist einmal andrer Meinung als S. J. gewesen – manche haben sich mit ihm verfeindet und wieder versöhnt, aus sachlichen und aus persönlichen Gründen, und es gibt noch heute einige seiner Gegner, die ihm nie verziehen haben. Ich liebe starke Hasser – in ihnen ist Reinlichkeit, Sauberkeit und männliche Kraft. Was mich betrifft, so weiß ich, dass S. J. mich manchmal angepfiffen hat, und dass ich des öftern auf ihn geschimpft habe wie ein Rohrspatz. Aber immer zu Hause, und nie vor andern. Denn stärker als jeder Kleinkram des täglichen Betriebes, über den man streiten konnte, war das Band, das uns alle, die wir ihn lieb gehabt haben, an ihn fesselte.

Man brauchte nicht immer mit ihm einverstanden zu sein; man konnte wider ihn wettern und mit ihm diskutieren – ich für meinen Teil schäme mich nicht, die absolute Überlegenheit anzuerkennen, die dieser Mann, ohne in vierzehn Jahren auch nur einmal zu verletzen, mich jederzeit empfinden ließ. Er war einfach stärker. Er wußte mehr. Er konnte sein Handwerk besser. Man mußte sich beugen, und es war gut, nachzugeben – denn von allen seinen Ratschlägen, von allen Winken, von allen Kampfbefehlen weiß ich keinen, der nicht zum Nutzen der Sache und nicht zu unser aller Nutzen ausgeschlagen wäre. Wir Berliner neigen zu einer natürlichen Respektlosigkeit – dieser war einer der ganz wenigen, denen gegenüber ich sie mir niemals erlaubt hätte. Und das ergab sich ganz von selbst; wir haben uns geduzt, Witze miteinander gemacht, aber es blieb die Distanz des Wertes. So ist es sicherlich vielen von uns ergangen.

Ich bin damals, vor einem Jahr, nicht imstande gewesen, über S. J. ruhig zu sprechen, nicht über unsre Beziehungen, nicht über seine Persönlichkeit, über gar nichts – ich war ziemlich zu Ende. Arbeit hilft. Heute, wo wir engem Freunde seinen Verlust zwar nicht verwunden haben, wohl aber sprechen können, ohne dass sich die Kehle zusammenzieht, läßt sich eher darlegen, was das mit ihm gewesen ist. Der Mann war der idealste deutsche Redakteur, den unsre Generation gesehen hat.

Ich besitze zwei dicke Briefordner seiner Briefe, und ich habe eine schmerzliche Totenfeier mit ihnen abgehalten, als ich sie las. Es war außerordentlich bezeichnend für den Mann, wie er schrieb.

Er antwortete zunächst pünktlich. Das ist so grausam selten, dass man es anmerken muß – und wenn ich und wohl noch einige seiner Leute Sklaven ihrer Post sind, so haben sie das von ihm geerbt. Er antwortete sofort und außerordentlich gewissenhaft. Das klingt banal – wer aber im Literaturbetrieb steckt, der weiß, dass nichts so reizt, nichts so unzufrieden macht wie einseitige Korrespondenz. Ob Ja oder Nein, darauf kommt es gar nicht an; eine Antwort will man haben. Es soll ein Austausch von statten gehen, das Kind des Briefwechsels soll entstehen. Er ließ nichts unter den Tisch fallen.

Dabei hatte er eine außerordentlich konzise Art der Beantwortung; er pflegte seine Briefe in lauter kleine Absätzchen aufzuteilen, die er numerierte, und wenn ich aus Spaß eine Anfrage unter 117 rubrizierte, dann kam bestimmt unter 117 etwas zurück. Die Sätze waren schneidend scharf, biegsam; die letzte Nuance dessen, was er sagen wollte, stand in ihnen. Und gar nicht ex cathedra, gar nicht voller Würde, obgleich er ein würdiger Mensch war – aber seinen Vollbart hatte er sich schon in früher Jugend abnehmen lassen. Er trug keinen.

Diese Akkuratesse war der Hauptpfeiler jeder Zusammenarbeit mit ihm. Dazu kam das, was Alfred Polgar an ihm einmal die »Treibhausluft der Liebe« genannt hat. Seine Förderung war aus Egoismus altruistisch: es machte ihm nämlich wirklich Vergnügen, wenn er etwas Gutes bekam. Er kitzelte das aus uns heraus, er peitschte es hervor, er lockte, rief, schalt, half, verbesserte – es machte Freude, ihm Freude zu machen. Alles das wären nur interne Redaktionsvorgänge, von denen hier nicht zu sprechen wäre, wenn eben nicht dieser kraftvolle Lebensstrom alle seine ständigen Mitarbeiter durchströmt, gekräftigt, hochgerissen, an der Stange gehalten hätte. Und das kam nun der Sache zugute.

Was mir den Durchschnittsredakteur so leid macht, ist sein Mangel an Geduld. Er hat fast gar keine. Es soll immer alles gleich da sein und von Anfang an vollkommen; er will alles sofort haben, telegrafisch, am liebsten gestern ... Und immer: den ›Schlager‹. So gehts nicht. Wertvolles muß wachsen; wenn man nicht grade die ›Tägliche Rundschau‹ oder sonst ein unlesbares Blatt ist, hat man die journalistische Pflicht, zu experimentieren, tastend zu versuchen, von vorn anzufangen: Das hat S. J. immer getan.

Hier sei angemerkt, wie er ›dazu gehört‹ hat, ohne dazu zu gehören. Er ging in keine Salons, er mied, wo er konnte, die Premieren, er interessierte sich so gar nicht für das, was Snobs ›prominente Abende‹ nennen – darüber lachte er. Aber die Leute aus den Salons kamen zu ihm; seine Eindrücke aus den dritten Vorstellungen waren tiefer als die der hitzigen Premierenbesucher, und was die ›Prominenz‹ betraf, so hatte er für sie das schöne Wort Rudolf Rittners parat: »Lahs ihm! Lahs ihm! Gott wird ihm schon strafen!« Dieser Berliner hatte wirklich einmal alle guten Eigenschaften seiner Stadt.

»Ich warne dich, abergläubisch, wie ich bin«, schrieb er vier Wochen vor seinem Tode, »mich den glücklichsten aller Menschen zu nennen, weil solche Behauptungen gewöhnlich den Erfolg haben, Glück in Unglück zu verwandeln.« Er war aber der glücklichste. Er hat sein Leben lang nur getan, was ihm Freude gemacht hat – ist immer frei gewesen, innerlich und äußerlich, und er hat aus Natur und Menschen und Kunst den letzten Glückstropfen gesogen. Von diesem Glück ist auf uns etwas übergegangen – dergleichen stärkt. Und ich glaube, dass es auch über das Grab hinaus stärken kann.

Wenn es im anständigen Sinn so etwas wie eine Tradition gibt, dann ist er eine. Heute noch frage ich mich oft, was wohl er in diesem oder jenem Fall getan oder gesagt hätte – und ich weiß, dass ich es nicht immer treffe, denn niemand kann sich in einen Toten hineinleben. Aber er ist doch ein Leuchtfeuer, ein Leitstern, ein Pol – schlug bei ihm die Nadel haargenau aus, so werden wir hoffentlich die Himmelsrichtung nicht verfehlen.

Es kann – in seinem Andenken – nur eine geben: die der Wahrheit.

 

 

Kurt Tucholsky

Die Weltbühne, 29.11.1927, Nr. 48, S. 810.





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