Fund-Moral


»Wie sagst du, wenn dir die Tante was gibt –?« – Danke schön.

»Was tust du, wenn du etwas gefunden hast –?« – Ich gebe es ab.

Ja, das sind so Kinderlehren ... Wie ist es denn nun in Wahrheit?

Alle öffentliche Moral hängt davon ab, ob die Leute satt zu essen haben oder nicht. Damit fängt es einmal an. Wer – ausgehungert, arbeitslos, verzweifelt – der Versuchung widersteht, wenn er vierzig Mark findet –: der sage es. Sein Name sei gepriesen; ich für meinen Teil getraue mich nicht, andern Leuten die Leviten zu lesen, wenn sie hungrig sind.

Aber wie steht es denn nun, wenn ein Mann oder eine Frau mittlerer Güte etwas findet? Was tun die mit ihrem Fund?

Wenn sie ihn einfach in die Tasche stecken, dann ... nein, das steht gar nicht im Strafgesetzbuch, das muß man erst herauslesen. Die jungen Juristen im zweiten Semester sind sehr stolz, weil sie wissen, dass dies eine »Fundunterschlagung« ist – das beruhigt ungemein. (Siehe jedoch Entscheidungen des Reichsgerichts, Band 19, 38; Band 42, 420 ... siehe lieber nicht.) Also: Fundunterschlagung?

Erster Impuls: Neugier: Was mag das sein? Zweiter Impuls: Abschätzung des Wertes – teils wiegend, teils wägend hält der Finder seinen Fund in der Hand. Tja ... Hier beginnt der Dämon der Habsucht mit dem Engel der inneren Reinheit einen kleinen

Tanz ... (»Wie können Sie so etwas sagen, Herr Panter! Also ich zum Beispiel ... ich habe neulich in der Untergrundbahn am Halleschen Tor ... « Ja, Sie, gnädige Frau. Sie sind auch ein Engel. Oder Sie sehn wenigstens so aus. Aber verlassen Sie sich drauf: die Welt besteht nicht nur aus Engeln. Das Nähere siehe unter: »Aus den Berliner Gerichten«.) Kampf des Teufels mit dem Engel, mit 8-Unzen-Handschuhen, über zehn Runden. Der Teufel tritt gewöhnlich mit einem schweren Handicap an: mit zwei Pfund Gewissensbissen und einer soliden Sache: Wenn es nun rauskommt? So boxen Sie eine kleine Weile, schließlich pfeift der Finder, und ich glaube: gewöhnlich hat der Engel gesiegt, und man gibt den Kram ab. Unentschieden und remis: man legt den Fund wieder hin und hat nichts gefunden. (Doktorarbeit, meinen lieben Eltern gewidmet: was liegt hier vor? Dereliktion ... ? Unterschlagung ... ? Pfandbruch in Idealkonkurrenz mit leichter Körperverletzung ... ? Stelle anheim.)

Man soll wohl abgeben. Es ist anständiger. Außerdem ... haben Sie schon mal was liegen lassen? etwas verloren? Ich habe einmal in Fontainebleau meine Brieftasche mit brav gespartem Reisegeld, zwei Stunden vor der Reise, verloren ... wo, darf man gar nicht sagen, weil es nicht fein ist. Also auf dem Privet. Und als ich es merkte, da tat ich, wie in der Schrift steht: ich zerriß meine Kleider, aber nicht vor Trauer, sondern aus Wut – es war ein scheußlicher Anblick. Und dann klopfte es an die Tür, und es trat ein das Stubenmädchen und sagte, da sei ein amerikanischer Student, ein Zimmernachbar, der wolle mich sprechen.

Er hatte sie. Die Tasche. Ich stand da, begossen wie ein Pudel ... denn nun galt es: es galt, auf englisch danke zu sagen, und außerdem dem Mann ... , nein, das ging nicht ... Ich gab ihm also brav und bieder zehn v. H. für arme Kinder in ... woher stammte der Mann? Ich habe es vergessen. Und er nahm das nicht. Und ich schlich ab. Man soll doch wohl abgeben, was man findet.

Denn der Verlierer hat schon Kummer genug, wenn er seinen Verlust merkt, und man macht, was so selten ist, einen Menschen wirklich glücklich, dem man das Verlorene zurückgibt. Wobei die schulmeisterliche Angewohnheit mancher Finder, den Verlierer nun auch noch ob seiner Unachtsamkeit zu belehren, in einem herrlichen Gespräch Karl Valentins mit Liesl Karlstadt ein für allemal erledigt wird. »Wann soll denn die Frau auf ihr Handtäscherl Obacht geben? Vorher hat sies doch nicht gewußt, dass es ihr gestohlen wird ... Und nachher – nachher wars doch viel zu spät!« – »Dann soll die Frau nicht aufs Postamt gehn, wenn sie nicht Obacht gibt!« dröhnt die Karlstadt. »Dann kriegt's keine Briefmarken«, sagt Valentin.

Was findet man denn schon –? Einen Regenschirm; eine Damenhandtasche; eine Aktenmappe ... langweilig ist das.

Was findet man nie –? Einen dressierten Igel. Die schöne Maske der »Inconnue de la Seine« – die suche ich nun schon so lange ... die blaue Mauritius ... nie findet man die Sammlung eines Hof-Pornographen ... schade ist das.

Und die Frage aller Fundfragen stellt sich ja erst in diesem Augenblick, der selten genug sein mag, der aber doch vorkommen kann:

Was tust du, wenn der Fund, so du ihn behältst, dein ganzes Leben ändert? Wenn du also mit der Fundunterschlagung nicht einen Regenschirm mit silberner Krücke, ein neues Vogelbauer, einen Füllfederhalter erwirbst, sondern wenn du 875647 Mark und 55 Pfennig findest und dich damit zur Ruhe setzen kannst ... endlich deinen Lieblingsbeschäftigungen nachgehen kannst ... morgens nicht mehr so früh aufstehen ... Briefmarken sammeln ... Papageien züchten ... reisen – und du hast die Summe bar vor dir, brauchst also nicht zu befürchten, dass die Sache herauskommt ... alle Scheine durcheinander, kein Nummernverzeichnis ... Porzellandosen sammeln ... zwei Autos ... reisen ... nach den Balearen – und es sind auch noch lauter Dollars! – da stellt sich die Frage der Fragen.

In dubio wird es ja wohl so sein, dass man, wenn man nicht abgibt, einen Kassenboten oder sonst jemand schwer unglücklich macht. Oder dass man einen Kaufmann völlig ruiniert, der so sein Vermögen aus irgendeinem Zufall mit sich herumschleppt. (Das ist neulich vorgekommen: ein Bäckermeister hatte sein Geschäft, also seine ganze Lebensarbeit verkauft, und am Alexanderplatz hat er die Brieftasche verloren.) Ich weiß: es trägt einem nicht viel ein, und ehrlich währt am längsten, bei mir währt es schon sehr

lange ... aber man soll doch wohl abgeben.

Nur ... wenn ich eine Ausgabe von Villons Balladen finde: die will ich für mich behalten. Sie sind es gewohnt.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 04.12.1930, Nr. 283.





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