Fauste! Fauste!


Die Marionetten sind wieder in Berlin. »Paul Branns Marionetten aus München sind hierselbst eingetroffen und werden einem hohen Publiko, Adel pp. im großen Saal von Keller & Reiner etwas vorzuagieren die Ehre haben« ... Ach, niemand rufts aus. Aber eigentlich dürfte der Gemeindediener mit der Schelle und der versoffenen Amtsstimme nicht fehlen – und eine Stadt, in die er nicht hineinpaßt, kann auch diesen Versuch, das alte Faust-Spiel wieder aufzuführen, nur eben als einen kulturhistorisch interessanten Versuch auffassen. Ein sauber geleckter Ausstellungsraum, ein sauberes Theaterchen, elektrisches Licht: das alles will nicht zu dem Puppenspiel passen, das man sich nur im Tanzsaal einer Dorfwirtschaft vorstellen mag, bei blakenden Öllampen und untermischt mit derben Späßen des Wurschtl. Der war direkt stubenrein geworden und nicht wiederzuerkennen.

Das mag man auf einem modernen Marionettentheater nicht sehen. Viel lieber möchte man eine richtige kleine Liebesgeschichte haben, so ein zierliches Ding mit Trennung und kleiner, feiner Musik; und wenn es schon etwas Historisches sein soll – dann Mozart und ein glöckleinklingendes Rokoko. Nur der Feuilletonist vermöchte hier die Drähte symbolisch aufzufassen: wir andern fanden alles zu lang und zu schwer. Zu schwer für die Puppen und – für den Regisseur. Denn auch hier ist Rhodos; und was bei den erwachsenen Schauspielern nicht richtig ist, wirkt hier doppelt verkehrt. Zudem wurden die Puppen nicht sehr gut bewegt; neulich bei Puhonny, im Theater der Moden, wackelte jedes viel differenzierter mit den Holzgliederchen und schlenkerte amüsant mit den Beinchen und gab ausdrucksvoller wieder, was es sagte. Hier aber sagte die Puppe nichts – sondern man fühlte, wie einer sprach und einer bewegte.

Nein, nein. Wir wollen Sinnfälligeres, bessere Musik, einen tapfern Cassian und eine verliebte Serva padrona.

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 09.10.1913, Nr. 41, S. 986.





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