Europa mit dem Ausrufungszeichen


Die Druckerei von Gebrüder Feyl in Berlin, die den Almanach »Europa« des Verlags Gustav Kiepenheuer gedruckt hat, wird in die schönste Bredouille gekommen sein: so viel Ausrufungszeichen hat keine Druckerei. Denn hier geht es garantiert ekstatisch zu.

Da, wo in meiner Bibliothek die alten Secessions-Kataloge stehen, staubt auch ein kleines Bändchen über die Barrisons mit bunten Fotografien und daneben Streitschriften der Künstler aus den Jahren 1900-1908. Manchmal ziehe ich die Bändchen und Broschüren heraus. Der Staub hat sich auf ihnen zu Wollkügelchen verdickt; wenn man bläst, verpustet man einen gradezu historischen Dreck. Ich sollte meine Bibliothek besser abstauben und die Herren ihren Stil. Und dann lese ich ...

Ach, waren sie mutig, damals! Ach, waren das Helden! Wie mausetot ist das, wie mordslangweilig, wie überholt und, vor allem, wie unendlich harmlos! Mord und Donner gegen alle die Schurken, die nicht an den Pointillismus glaubten. Nun gut, sie hatten vielleicht unrecht – aber wem hat das nun etwas genützt? Wem geschadet? Ist der Krieg deswegen nicht gekommen? Was soll das?

Heute nimmt man das Maul bedeutend voller als damals. Unter Europa tun wirs heute nicht mehr – das weniger besteht denn je –, und die Kontinente purzeln nur so umher, wenn einer ein kleines Gedicht macht, um das niemand sich kümmert. Wenn man diese Anhäufung der neuen avantgarde-Flügelmänner durchblättert, so muß man das mit den Augen eines tun, der das Buch im Jahre 1935 wiederfindet und nun seinesteils den Wollkrümelstaub wegbläst. Kaum zur Welt gekommen, ist das blaß, tot und alt. Das ist nun die ganze »Kühnheit«, so herum zu malen und nicht so herum? Das ist »mutig«, Epigonengedichte nicht mehr wie Paul Heyse, sondern wie Apollinaire zu schreiben? Das soll Europa sein? Das ist nicht einmal die geistige Elite Europas. Aber früher waren die Leute doch etwas bescheidener, und sie haben auch ein bißchen länger gewartet, bis sie herauskamen. Ein Siebenmonatskind? In Gottes Namen. Aber dieser Almanach liegt unmittelbar nach keiner Konzeption.

Durchschnitt wird nicht amüsanter, wenn man ihn im französischen Originaltext bringt, und so viel Ekstase und wildes Getue, wie in diesem Almanach zu finden ist, wird heute überall mühelos im Klein- und Großbetrieb hergestellt. Hier, bitte, noch das wilde Orlginal-Getümmel, garantiert echt und jederzeit gebrauchsfertig! Aber es ist leblos, ohne Beziehung zu den Bürgern, die es nicht einmal anfeinden, und keineswegs das Anzeichen einer neuen Generation. Das ist überhaupt nichts. Die Liebesgedichte sind mäßig, die Prosa belanglos, die meisten Bilder ebenso oder ein bißchen besser – die wahren Kräfte Europas von 1940 schlummern anderswo.

Erfrischend sind allein die vier Seiten, die George Grosz über Paris geschrieben hat, und die niemals in diesem Almanach gedruckt worden wären, wenn der Verfasser nicht Grosz hieße. Dieser einzige hat wirklich gesagt, wie es heute in Paris aussieht, hat den Kleinkram der lächerlich überschätzten Montparnos gesehen, den Innenbetrieb, die Inzucht, die völlige Belanglosigkeit dieser Tumultwerkstätten für das wahre Europa, und er allein spricht davon, dass die Künstler ihr wahres Abhängigkeitsverhältnis nicht einmal fühlen. Unmittelbar nach seinen ausgezeichneten Sätzen steht aber schon die Reproduktion irgendeines Chagall, die nicht einmal merkwürdig ist, sondern nur unendlich langweilig.

Der Rest ist fast unlesbar. Da ist noch Rudolf Großmann, der seine Modelle zur Abwechslung einmal mit der Schreibfeder abmalt, was recht amüsant ist, da ist noch diese und jene kluge Bemerkung – sonst sind es verkrampfte Brüder, die einem leid tun können. Wie schrecklich muß es sein, den ganzen Tag so herumzulaufen und sich seine Bedeutung nicht eher zu glauben, als bis einem der bürgerliche Feind etwas abkauft! Auch was Sternheim hier zu sagen hat, hat nichts zu sagen. Und gefährlich ist es schon gar nicht. Ein Beitrag aber hat mein Herz gerührt, ein einziger in einem Gewirr von belanglosen Visionscommis: das Gedicht »Icke«.

 

Ick sitze da un esse Klops.

Uff een Mal klopps.

Ick kieke, staune, wundre mir,

Uff een Mal jeht se uff, die Tür.

Nanu, denk ick, ick denk: Nanu,

Jetzt is se uff, erscht war se zu?

Un ick jeh raus und blicke,

Un wer steht draußen? Icke.

 

Dieses Gedicht und die vier Seiten von Grosz – der Rest ist mächtig europäisch, die Hornbrille blitzt, so international wie du sind wir schon lange, mes oreilles sont bien à moi, Kinder, laßt euch bloß nicht fotografieren, da sieht man erst, wie harmlos und spießig eure Feste und Arrangements alle sind, Fotografien desillusionieren, das Buch auch, da war der Oberförster Mischke, der ist beim Kartenmischen gestorben, da war der Surréaliste Maurice Ravkelès, der alte Franzose, der schrieb einen Essai über Jesus Christus, aber nur einen, weil der sich nicht revanchierte, das ist ein lustiger Kontinent, Ausrufungszeichen hab ich nicht, Talent hab ich auch keines, pump ich mir eins, ecce Europa – und wer steht draußen? Icke.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 14.04.1925, Nr. 15, S. 552.





 © textlog.de 2004-2018 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright