Eulenburgiana


›Aus dem Leben des Fürsten Eulenburg-Hertefeld‹ von Johannes Haller (Gebrüder Paetel Verlag zu Berlin), ein kulturgeschichtliches Werk allerersten Ranges, das Arthur Eloesser in Nummer 49 des XX. Jahrgangs der ›Weltbühne‹ gewürdigt hat, liegt seit Tagen auf meinem Tisch. Aus dem Buch kann man fürs ganze Leben lernen.

 

Da sind zunächst die Herausgeber politischer Memoiren. Es ist sehr lustig, zu sehen, wie jeder der kaiserlichen Helden, bis herunter zu IHM, einen bürgerlichen Trabanten gefunden hat, der vor Eifer platzt, seinen Heros aus dem Malheur herauszuhauen. Der Kronprinz, Hötzendorf, Kiderlen-Wächter – jeder hat seinen jungen Mann gefunden, der, bitte sehr, bitte gleich, dem Herrn die arg bespritzten Stiefletten blank wichst. (Nur Ludendorffs Bücher sind derart schlecht gemacht, dass man auf Originalarbeit schließen darf.) Das Komische ist nun, dass den Adjunkten die hohe Ehre bald zu Verstand steigt, und nach sechs Wochen Archivarbeit glauben sie wirklich und aufrichtig den gesamten Kram, den jener ihnen eingeblasen hat. Vor Diensteifer und Aufregung verfallen nun alle in denselben Fehler: sie schimpfen entsetzlich auf die Konkurrenz. So ergibt sich ein freundliches Bild deutscher Politik.

Johannes Haller ist insofern ein anständiger Mann, als er seine Tendenz sogleich offen zugesteht: er will Partei sein und ist es. Dagegen ist nichts zu sagen. Nur, natürlich, niemand ist so fürstlich wie ein Kammerdiener, und ich bin sicher, dass Eulenburg keinesfalls einen Satz geschrieben hätte wie den: »Das Buch schämt man sich eigentlich zu erwähnen, da es seinem Inhalt nach zu der Literatur gehört, die auf Bahnhöfen und üblem Orten ihren Absatz findet.« Nun, nun ... da geht der Fürst Haller aber scharf ins Zeug; er glaubt gar nicht, wieviel Memoirenliteratur auch heute noch auf den Bahnhöfen ausliegt. Und man höre nur den gefürsteten Ton des vornehmen Mannes (immer Haller), wenn er von einem bayerischen Hofrat Klug schreibt: »Dieser ehemalige Theaterkassierer hatte sich beim Prinzregenten so unentbehrlich zu machen gewußt ... « Es kann, zum Glück, nicht jeder Universitätsprofessor sein.

 

Dieser Eulenburg war, wie schon aus dem ersten, von ihm selbst geschriebenen Buch ›Aus fünfzig ]ahren‹ hervorgeht, ein feiner und kenntnisreicher Schriftsteller. Ich spreche nicht von seinen dilettantischen Kunstleistungen, die Haller lächerlich überschätzt, die berüchtigten ›Rosenlieder‹ sind eine böse Duftei – aber in dem Augenblick, wo der Diplomat Briefe schreibt oder seine persönlichen Eindrücke notiert, ist er anschaulich, witzig und von der angenehmsten Leichtigkeit. Man nehme dieses kleine Pastell, das wie aus einem Roman von Fontane herausgeschnitten scheint (es handelt sich um eine Freundin seines erbittertsten Feindes, Holstein): »Ich war als Legationssekretär bei einem Diner des Kriegsministers v. Kameke, eines Freundes meiner Eltern, 1887 gebeten, Frau Geheimrat v. Lebbin zu führen. Sie schnitt mich und sagte nur ja und nein, denn ich war ja nur ein Attaché. Gegen Ende des Diners hatte ihr der andre Nachbar zugeflüstert, ich sei der Freund des Prinzen Wilhelm. ›Sie sind der Freund des Prinzen Wilhelm!‹ rief sie aus, und ihre lange Nase und ihre runden braunen Augen glänzten in Neugier und Liebe. ›Weshalb haben Sie mir das nicht gesagt?‹ Dann ging es los – aber jetzt sagte ich nur ja und nein. Das war meine einzige Begegnung mit Frau v. Lebbin.« Und so hundertmal.

 

In Eulenburgs Briefen sind die besten Stellen die, wo er jemand bekämpft, eine Meinung durchsetzen will und zu diesem Zweck schildert. Da finden sich Glanzpunkte. Die Sonne über ihnen ist der große Bericht, den Eulenburg, gefragt, wie denn Holstein gewesen sei, im Jahre 1919 für einen Freund niedergeschrieben hat. Das ist ein Meisterstück der Darstellungskunst, ein Porträt bester Schule – da fehlt auch nichts. Und mit welchen Mitteln ist das gearbeitet! Der Feind wird geschildert – aber wie! Man sieht diesen ganzen merkwürdigen Menschen vor sich, schlau, durchtrieben schlau, ein bedeutender Kopf mit einer Welt von grauen Schatten dahinter. Der Schluß des Berichts kommt nahe an die Sätze: »Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.« Sie lauten so:

»Holstein starb im November 1909, und wohl wesentlich in Folge der moralischen Erschütterungen, die er durch die Genehmigung seines 15. Abschiedsgesuches im April 1906 erlitten hatte. Der Unglückliche wurde oft in Nachtstunden einsam in der Wilhelmstraße beobachtet, wenn er zu den Fenstern des Auswärtigen Amtes hinaufspähte. Ein ergreifender Vorgang, der das völlige Verwachsensein dieses nun hinschwindenden Geistes mit den Räumen darstellt, die er in gesunden Tagen erfüllte.«

 

Im gleichen Anhang ein rührendes Zeugnis von Menschenliebe des guten Herausgebers. Der empfiehlt seinen Fürsten wie ein Kopfwasser und versieht die Reklame mit Empfehlungen. »4. Ein Zeugnis über den Fürsten Eulenburg.« Darin steht das Beste und Schönste, wo man hat. Seit ich Ihr Kopfwasser benutze, bin ich ein andrer Mensch ... »gez. Bertha Nitschke, Oberschwester an der Berliner Charité.« Wenn das nicht hilft ...

 

Aber das ist ja alles nicht der Kern des Buches. Gleichgültig die Betriebsamkeit des Herausgebers, Nebensache Eulenburgs Stilkunst. Hauptsache: die Schilderung, wie damals Politik gemacht wurde.

Keinem der Beteiligten – weder dem Fürsten noch seinem Haller noch den erwähnten Figuren – kommt auch nur einmal zum Bewußtsein, dass das, was da getrieben wird, ein verbrecherischer Wahnsinn ist. Man denke sich Hunderte und Hunderte von Seiten angefüllt mit dem lächerlichsten Personalklatsch, um den sich kein Mensch jemals kümmern würde, wenn nicht eine Sache dabei auf dem Spiel gestanden hätte: Deutschland. Und seine sechzig Millionen.

In der Mitte, Zapfen und Zentrum: der Kaiser.

Der Mann wird einem mit jedem Buch, das man über ihn liest, unsympathischer. Seine Fahrigkeit, seine Faulheit, sein vollkommener Mangel an Takt und Manieren, sein rüdes Herumfuchteln mit Worten, Briefen, Dekreten und Untergebenen: das macht eine Atmosphäre verständlich, die Eulenburg einmal mit dem Stoßseufzer »Dalldorf!« erledigend gekennzeichnet hat. Aber er sah bis zum Tode die Gründe nicht.

Das ist Politik? Dieser komplette Affentanz umeinander, gegeneinander, ohne einander – das soll Weltpolitik sein? Krisen ... wenn Eulenburg von Kanzlerkrisen spricht, denkt man an Nervenkrisen einer Romanfrau aus dem Jahre 1900, mit zerknautschten Taschentüchern und unbeherrschtem Geweine ... Das ist Politik? Das ist ein frecher Mißbrauch von Staatsgeldern und Menschenkräften.

Es gibt keinen von Sterblichen erschaffenen Organismus, der ohne persönliche Reibungen arbeitete. Die nehmen immer einen Teil der Arbeitskraft weg – sie sind die tote Last im Motor. Aber wenn diese tote Last so groß wird, dass fast die ganze Kraft des Motors draufgeht, nur um sich selbst vom Ort zu bewegen, so kommt eben das heraus, was 1914 herausgekommen ist. Wie konnte das anders sein!

Man sehe sich nur an, womit sich die ganze Gesellschaft – auch der süddeutsch-demokratische Kiderlen übrigens – beschäftigt! Mit einem Ressortstunk, der den Beteiligten kaum noch Zeit läßt, sich in ihrer Epoche zurechtzufinden. Welche falsch angewandte Arbeitskraft! Welche vertane Schlauheit! Welche verschwendete Intelligenz! Ein Jammer.

Denn es war ja nicht nur dieser lächerliche Provinzschauspieler, der da in der Mitte taumelte, und den man ›fassen‹ mußte, wenn er grade gut sein Wild abgeschossen hatte, der Schießer; Holstein, Bülow, die andern – neben ihrer bodenlosen Feigheit nach oben, befaßten sie sich zu drei Vierteln des Tages mit nichts als mit Ressortkriegen und Personalnachrichten. Das ist Politik? Das mag deutsche Politik sein. Weltpolitik ist es nicht.

 

Und das scheint mir der größte Fehler der sozialdemokratischen Presse zu sein, dass sie verabsäumt hat, nach 1918 ihre Leser als erstes einmal wissen zu lassen, wie eigentlich regiert worden ist. Da hat man wohl die Marginalien des Kaisers herangezogen, die schnoddrig, aber bei weitem nicht das Schlimmste sind, was er von sich gegeben hat – die Hauptsache hat man nicht getan: man hat vergessen, Jahre hindurch dem Arbeiter an Hand von Tatsachen, von Selbstgeständnissen der Verbrecher, von Dokumenten zu erklären, was die herrschende Klasse mit ihm getrieben hat. Er weiß es heute noch nicht.

Woher sollt ers denn wissen? Als im Jahre 1918 versucht wurde, auch nur die Telegramme des Tennisspielers von Verdun aus dem Haupt-Telegrafenamt zu Berlin und ähnliche Korrespondenz aus dem Schloß Bellevue herauszubekommen, verweigerte Ebert seine Unterschrift, und der famose Wolfgang Heine rettete den Staat und verhinderte es völlig. Den Soldaten, die in die Archive zur Beschlagnahme kamen, wurden von diensttuenden Offizieren ›Ausweise‹ abverlangt, die hatten sie nicht, und brav zogen sie wieder ab. Am nächsten Tag war alles verschwunden. Ich habe neulich einmal deutsche Adlige von der Revolution sprechen hören – das Herz im Leibe zog sich einem zusammen ... Aber sie hatten recht. Die Niederlage ist verdient.

Von alten Sünden lese ich nichts im ›Vorwärts‹. Und wenn, dann mit der ganzen Ungeschicklichkeit aufgemacht, die hochmütige Doktrinäre in der Verachtung aufbringen, gute Journalisten zu sein. Und so sieht das Blatt ja auch aus. Wenn aber die Kurden den Franzosen in Syrien eine Niederlage bereiten – kein Parteiblatt, das es nicht breit und dick brächte. Ich wüßte auch nicht, was für den Arbeiter von heute wichtiger wäre. Die Ursachen seines Elends wird er durch diese Genossen niemals kennen lernen.

 

Die Orden. Holstein an Eulenburg: »Schlagen Sie doch mal S. M. vor, dass er an Robert Koch eine ganz außerordentliche Auszeichnung gibt. Damit wird S. M. viel Beifall ernten und wird dem eitlen Virchow, dem Unterdrücker des wissenschaftlichen Nachwuchses, einen großen Ärger machen.« Viel Vergnügen.

 

Die Presse. Eulenburg: »Die Rede, die der Kaiser bei dem Abschied der Truppen halten wollte, war mir aus seinen Äußerungen ungefähr bekanntgeworden. (›Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht!‹) Da zum Abschied der Truppen einige Reporter aus Berlin eingetroffen sein mußten, ließ ich mir diese durch einige Beamte der Polizei zu einer Besprechung auf die ›Hohenzollern‹ bitten, und zwar so, dass sie grade die Rede des Kaisers verpassen mußten. Ich war sehr höflich mit ihnen ... S. M. habe mir gesagt, wie er sich ungefähr ausdrücken werde. Ich hielt ihnen darauf die Rede ... Mir war ein Stein vom Herzen, dass mir die Überlistung dieser übeln kleinen Reportergesellschaft geglückt war.«

Hier haben oft harte und scharfe Urteile über die Presse gestanden. Diese Reporter haben aber in Kiel ihre Arbeit getan – im Gegensatz zu Herrn Eulenburg, der die seine hätte tun sollen: den Kaiser von tölpelhaften Sinnlosigkeiten abzuhalten. Seine Rolle scheint mir wesentlich übler. Die Sache ist ihm außerdem auch noch schief gegangen. Die Rede wurde von der Presse veröffentlicht.

 

Dieser ganze Tratsch hatte keine finanziellen Hintergründe. Keiner dieser Gesandten, Kanzler, Staatssekretäre hätte jemals solche Einladungen angenommen, wie sie heute üblich sind – die Wirtschaft spielte noch nicht die erste Geige, sondern einen meist opponierenden Brummbaß. Die Diplomaten waren unabhängig, frei, pekuniär gesichert – aber besessen von Ehrgeiz, Streben nach Macht ... und dann diese Resultate. Der Proletarier, der einen Lastwagen umschmeißt, fliegt ins Loch. Der Staatsmann, der ein Volk ins Verderben chauffiert, schreibt Memoiren. Der Lokomotivführer hat die Verantwortung. Der Staatsmann trägt sie. Und dabei halten wir heute noch.

 

Wenn ich die Wahl hätte zwischen Eulenburg und Ulrich Rauscher: ich wählte Gladstone.

 

Alle haben das Unheil richtig vorausgesehen und prophezeit; alle haben es gleich gesagt, dass die Nebenmänner schuld seien; alle bürgerlichen Herausgeber pauken den Titelhelden heraus und den politischen Gegner hinein; alle Nebenleute taugten nichts. Hat man die ganze Memoirenliteratur hinter sich, kennt man die Urteile aller Tischgäste, die dem vis-à-vis zugeprostet und ihm das Schlimmste nicht ins Gesicht, sondern in die Kehrseite gemurmelt haben, so kann man wie Hans v. Bülow über die Gesanglehrer sprechen: »Jeder sagt dem andern nur Schlechtes nach. Und sie haben alle recht.«

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 29.09.1925, Nr. 39, S. 476.





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