Das Ding, das fliegt


Neulich stak ich in einem pariser Kino, das lag so weit draußen, dass man dahin reisen mußte, und natürlich war es der kleine Mann mit dem Hütchen und dem Stöckchen, der da auf der Leinwand zappelte – also hat sich die Reise gelohnt. Die Pariser haben einen hübschen Führer durch ihre Theater und Kinos – in dem steht das Programm jedes, auch des kleinsten Kinos, nach Gegenden, nach Stoffen, nach Schauspielern geordnet – das sollte es in Berlin auch geben. Ja, und da war also zuerst die übliche Wochenschau.

 

ITALIEN

Eine alte liebe Gewohnheit, keine Kinotexte zu lesen (das versetzt einen schnell ins Märchenland, weil man nie weiß, was gespielt wird) – eine liebe Gewohnheit also verbot mir, mich zu unterrichten, was sie denn da aus Italien vorführten. Man sah nur einen riesigen Platz, schwarz von Menschen, die alle mit den Hüten winkten und mit den Armen fuchtelten – und oben, an den spitzen Kirchtürmen vorbei, flog ein Ding. Es war eine Sache, die aussah wie eine Kaffeemaschine, eine Art Luftrotorschiff, dessen riesige Zylinder sich sehr schnell drehten. Was das war, warum das flog. Warum, keine Ahnung, wie ... ? Aber es flog.

Und ich muß sagen, dass mir das Herz vor Schreck stehenblieb. Ich erlebte das Wunder des Menschenfluges noch einmal, zum zweiten Male. Es war alles wie neu. Aber warum war es das?

Weil das Ding, das flog, gar keine Ähnlichkeit mit unsern Flugzeugen hatte. Es sah nicht aus wie ein Vogel, es war nicht leicht und elegant – es war eine schwerfällige Maschine, die da, durchaus reglements- und ordnungswidrig, über die Dächer davonflog ... Vorher hatten sie normale Flugzeuge gezeigt, die über ein leeres Feld dahinschwebten, fortsausten, zu einem Punkt zusammenschmolzen ... wir sahen kaum hin. Aber dieses, das ungewohnte Ding, das flog, das war etwas anderes. Etwas Neues.

Schade, dass man nicht vielem, was geschieht, die gewohnte Form nehmen kann. Man erlebte märchenhafte Sensationen, ganz neue Gefühle – man sähe alles viel natürlicher, erstmalig, neu. Denken Sie zum Beispiel: Wie wäre es, wenn man den Menschen, die bestimmte Funktionen ausüben, die Berufskleider auszöge!

Eine ganz alte französische Dame, die schon als junges Mädchen unter Napoleon dem Dritten etwas von Politik gewußt hatte, sagte einst ein so weises Wort, das ich gar nicht vergessen kann. »Méfiez-vous des gens, qui portent un costume!« sagte sie. Nehmt euch vor Leuten in acht, die verkleidet sind ... Ja, das ist sehr wahr.

Wie sähe Krieg aus, wenn die Krieger in Zivil herumschössen? Wie sähe eine Gerichtsverhandlung aus, bei der es keine Talare gäbe? Wie sähe ein Gottesdienst aus ... ? Aber das ist ja gerade das Geheimnis, die Kraft und die gewollte Wirkung der Uniform, dass gezeigt werden soll: Hier ist nichts dem gemeinen Dasein, euerm täglichen Leben Angemessenes! Achtung, hier ist etwas ganz anderes – etwas, das mit andern Augen gesehen werden, mit andern Maßstäben gemessen werden will – hier ist Neuland! Aufgepaßt!

Gut und schön. Aber es ist nicht nur eine fatale Gewohnheit, die so gekleideten Leute in der Phantasie aus- und umzuziehen; es ist auch sehr förderlich, es trägt viel zu ihrer richtigen Beurteilung bei, wenn man es tut. Sie glauben gar nicht, wie anders der Polizist, der Richter, der General aussehen, wenn man ihn sich, ganz schnell, in Zivil vorstellt – wenn man die Rolle mit einem besetzt, der so gekleidet ist wie ich und Sie. Auf einmal ist alles ganz anders.

Gewohntes Zivil verändert erschreckend das Gesicht. Die »Zivil«-Bilder der Schauspieler sind noch gar nichts gegen die Veränderung, die mit einem Mann in Berufskleidung vor sich geht, wenn er sie ablegt ... oder wenn wir ihn gedanklich umziehen (was nicht ganz einfach ist). Meist sinkt er beträchtlich ... Die Würde läßt nach, der Effekt wird gleich Null, vorbei das fast Übernatürliche, er ist so peinlich nah – und weil wir nun erst ganz auf derselben Ebene stehen, verstehen wir ihn auch ganz und können ihn ganz beurteilen. Das fällt dann meistens nicht gerade zu seinem Vorteil aus ...

Plötzlich sieht ganz anders aus, was er tut und bisher zu unserm Nichterstaunen getan hat. Nun staunen wir.

Hohl scheinen allegorische Gesten; Mord ist plötzlich Mord; Brutalität Brutalität; geölt klingen Salbader-Worte – »Warum sprechen Sie nicht natürlich, Herr Schulze ... « möchten wir fragen. Denn auch Titel sind ein Kostüm, und wenn der Kaiser keine Kleider anhat, ist er gar nicht mehr der Kaiser, sondern eben der hagere Mensch in buttergelben Unterhosen aus dem Andersenschen Märchen ... So groß ist die Kraft des Kostüms.

Wie stumpft Gewohnheit ab! Wenn es in der Luft surrt, sagen die Leute: »Ja – das ist wohl ein Flieger« und sehen gar nicht weiter danach hin – man starrt ja auch nicht jedem Automobil am Wege nach. Käme aber plötzlich der Freund in einem Schreibtischsessel automatisch angerollt, da würdest du schon den Kopf heben. Weil das neu wäre, und weil der rollende Sessel dich wieder von neuem zum Nachdenken brächte: wie wunderbar es doch ist, dass es Kräfte gibt, die die tote Materie in Bewegung versetzen können!

Manchmal soll man die Dinge desillusionieren. Das ist sehr gesund. Es verlegt die Gehirnmoleküle in lehrreicher Weise, es fördert die geistige Verdauung, beseitigt die Gedankenträgheit und macht frei. Dann sehen wir plötzlich den Wald, den wir vorher vor lauter Bäumen nicht gesehen haben; das große Staunen hebt an, und wir wissen plötzlich wieder, klar und objektiv, was das ist: ein Ding, das fliegt.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 06.09.1927.





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