Die Zeit


»Die meisten Menschen«, heißt dem Sinne nach eines der klügsten Worte Leo Trotzkis, »sind Anachronismen ihrer eigenen Epoche.« Öffne eine Zeitung: die beiden am häufigsten gedruckten Wörter, die du dort findest, sind: ›Mensch (menschlich)‹ und ›Zeit‹.

In beiden Fällen verkriechen sich die menschlichen Zeitgenossen hinter eine Kulisse, um sich dort ungenierter austoben zu können. Sie glauben ernsthaft, sachlich zu sein, wenn sie im Amt hart und das sind, was man mit einem freundlichen Euphemismus ›unmenschlich‹ nennt, – es ist aber eine Ausrede. Niemand ist ›rein sachlich‹; diese Ausdrücke muß man stets in Anführungszeichen setzen. Das, was der Mensch tut, unter welchen Umständen auch immer, ist der Ausdruck seiner selbst oder Ausdruck seiner Klasse – rein sachlich ist es nicht. Er ist nie unsachlicher, als wenn er glaubt, nur sachlich zu sein.

Und so wie sich jeder Gruppenfeigling hinter die Sache verkriecht, die von ihm verlangt, was er angeblich nur blutenden Privat-Herzens tut; so wie die kirchliche Bürokratie gern hinter das Wort Gottes flüchtet, wenn sie ihren eigenen Kram meint: genau so beruft sich der mondäne Geistige, und wer wollte das nicht sein, auf seine Zeit. Es ist wie ein Zauberwort.

Bei diesem Zeitrummel, dem wir unter anderm auch die langsam vergehende Mode der jungen, jüngsten und allerjüngsten Generation verdanken, spielt ein Hauptirrtum eine große Rolle. Das, was die Herren Zeit zu nennen belieben, ist oft nur die Dominante eines zahlenmäßig kleinen Kreises, der sich gern als den Vorläufer der großen und groben Massen denkt. Meist ist er das mitnichten. Von etwa hundert Kleider- und Geistesmoden dringen achtundneunzig überhaupt nicht durch; sie bleiben Ausflüge der Städter in das Gebiet einer Mode, Privatbelustigungen von winzigen Gruppen – die Massen wissen kaum etwas von ihnen.

Was durchdringt, dringt langsam durch. »Auch die geistigen Moden«, hat ein sehr kluger Humorist gesagt, »werden im Hinterhaus aufgetragen.« Man blättere in dem, was heute Hunderttausende noch lesen, nein: was sie lesen, und man findet: Abklänge des Expressionismus, Nachklänge des ganz alten Naturalismus, Epigonen Gustav Freytags, Nachfahren Wilhelm Raabes ... die Einflüsse der achtziger Jahre sind für viele Menschen noch lange nicht zu Ende.

Es gibt aber, wenn man sich das Vergnügen macht, durch die Zeit einen Querschnitt zu ziehen, bei dem sich der Ziehende gern als die Krönung des Ganzen sieht, vielerlei Schichten, und alle hübsch nebeneinander: Schon, noch, alt, ganz alt ... sämtlich nebeneinander. Nur, was allen diesen Schichten gemeinsam ist: das macht die Zeit aus.

Der zahlenmäßig überwiegende Schutt des Alten bei den Massen muß mitgerechnet werden, und grade dann, wenn er den kleinen Zirkeln gegenüber, die sich fortgeschritten wähnen oder es sind, den Ausschlag gibt. Man hat dann das Recht, zu werten – die Diagnose aber muß ehrlich sein. Gewiß ist es wichtig, die Exponenten der Zeit und der künftigen Entwicklung richtig zu sehen und bei der Wertung nicht einfach abzustimmen – jedoch sind diese Exponenten sehr, sehr schwer zu erkennen. Wenn ein Kreis keine Massenwirkung hat, so ist er deshalb noch nicht wertvoll

– das ist ein gefährlicher Irrtum. Eine Epoche nur nach denjenigen ihrer Erscheinungen zu werten, die in Presse, Buch oder Kunstwerk einen Niederschlag gefunden haben, ist töricht; so haben zum Beispiel die wirtschaftlich Unterdrückten fast niemals den Apparat zur Verfügung, der ihrer Bedeutung entspricht. Es ist zwar richtig, dass Zeiterscheinungen manchmal an besonders empfindlichen Stellen und im kleinen Kreise zuerst sichtbar werden – aber man werte hier vorsichtig. Es gehört ein sechster Sinn für solche Wertung; was Massen wollen, lieben, ablehnen und nun gar, was sie in Zukunft tun werden, muß man wittern. Mit dem Verstand ist es kaum zu eruieren.

Es ist aber bequem, sich als Exponent der Zeit aufzuspielen – es verleiht dem Sprechenden ein großes Gewicht, das er allein nicht hätte, und es schmeichelt seiner Eitelkeit. Und führt doch zu gar nichts.

Es führt höchstens dazu, dass die Zentren des Geistes, Zeitungsleute, Schriftsteller und Modephilosophen, ihr eigenes Land und ihre eigene Epoche oft nicht richtig sehen. Es sind dann Generale ohne Massen, eine höchst lächerliche Erscheinung.

Kleinzeitler sind es – so wie es Kleinstädter gibt. Der Spießer setzt gern in seine Klagen das Wort ›heute‹, als ob nicht zu allen Zeiten die Menschen geistig träge, dummdreist, laut und verfressen gewesen seien. Einen Schritt weiter, und wir haben die gute alte Zeit, ein Leierkastenlied, das zu schön ist, um wahr zu sein.

Noch grotesker sieht das für einen aus, der nacheinander in verschiedenen Städten Europas beobachtend lebt.

Allen gemeinsam ist das Romanische Café, auf das ich nicht so schelten kann, wie das vielfach geschieht. Es ist nicht meine Nummer – aber dergleichen muß sein, das hats immer gegeben, ganz besonders zum Beispiel zwei Jahrhunderte lang in Frankreich, wo sich der Literat mit dem leicht verbummelten Geistlichen verband ... vielleicht rührt daher die fast traditionelle Käuflichkeit des französischen Literaturbetriebes. (Die Herren sind gebeten, das Wort ›louche‹ ins Deutsche zu übersetzen.) Nun, das literarische Café de la Rotonde ist überall gleich, in Belgien, in der Schweiz – auch in England mag es in Ansätzen vorhanden sein.

Aber das ist doch nicht die Welt! Es ist insular. Drum herum leben die bürgerlichen Schichten unbeirrbar ihr Leben zu Ende, zweifelnd leben sie es, unsicher – aber im Grunde unbeirrbar, soweit geistige, radikale Forderungen an sie gestellt werden. Die Proletarier haben zu viel mit sich selbst zu tun; für die sind diese Modeströmungen schon gar nicht vorhanden. Bleibt der ›Zeit-Kreis‹ als Selbstzweck; bleibt der zeitungslesende Bürger, der ängstlich danach schielt, was die Zeit geschlagen hat, nicht grade um sich danach zu richten, aber doch um darüber sprechen zu können.

Gräser bewegen sich im Winde; aber der Boden steht. In jeder Großstadt gibt es zweihundert, vierhundert, fünfhundert Leute unseres Berufes, die – det hebt Ihnen! – ihre gesamte Epoche in toto darstellen wollen; sie stellen aber nur einen klassenmäßigen Ausschnitt dar. Dies ist eine Literatenkrankheit: mehr sein zu wollen als alle die andern. Und der Schriftsteller, der sich die Samtjacke ausgezogen hat, weil er sie versetzen mußte, besann sich plötzlich, dass ein Dachstübchen nicht unbedingt zu ihm gehöre; nun ist er in die Geschäfte gegangen, und in Deutschland verdienen die festangestellten Literaten mehr als in andern mir bekannten Ländern. Sie begnügen sich nun nicht mehr damit, zu schreiben – handeln wollen sie. Und das tun sie denn auch, in beiden Bedeutungen des Wortes.

Zu diesen Äußerungen des sozialen und literarischen Geltungstriebes gehört der Vorwurf: »Er ist nur ein Literat.« Dichten ist: Gerichtstag halten über sich selbst; ich schieße auf einen Gegner, am besten, als wärs ein Stück von mir ... aber das Scheltwort ›Literat‹ ist doch keines. Die Wirkungen Herbert Iherings zum Beispiel stammen aus einer rein geistigen, rein literarischen Sphäre; nur auf dieser Ebene darf man ihn bekämpfen oder ihm beistehen, nur hier wirkt er. Und schon mit dem ›nur‹ tut man ihm unrecht: es ist sein Gebiet, seine Kraftquelle, aus der andere schöpfen sollen – das ist genug und gut so.

In einem sehr larmoyanten Aufsatz hat jüngst Theodor Wolff beklagt, die arme, arme Frau Bergner sei von »Sensationsschreibern und Literaten« angegriffen worden. Ich will hoffen, dass das Feuilleton des ›Berliner Tageblatts‹ nicht von Schustern und Maurermeistern versorgt wird – sondern von Literaten. Was ist der Scheltende? Ein Literat; Politik kritisieren ist noch nicht: Politik machen, ›Zahnarzt‹ ist kein Schimpfwort, denn es gibt vielerlei Sorten von Zahnärzten. ›Literat‹ ist kein Schimpfwort, am allerwenigsten sollte ein Literat es gebrauchen.

Mir scheint in diesem Zusammenhang ein Wort vom kommunistischen Schriftsteller angebracht. Es ist gar kein Zweifel, dass ein Teil der Intellektuellen, die zur Partei gegangen sind, dies aus ganz ehrlichen und reinlichen Beweggründen getan haben. (Von Geld sei hier überhaupt nicht die Rede.) Becher, Renn, Kisch sind auf Grund ihrer Überzeugung der Partei näher getreten – die Bindung, die sie eingegangen sind, ist lediglich ihre Sache; keiner von diesen begeht den Fehler, auf den man so oft stößt:

Sie benutzen nicht die Potenz einer politischen Bewegung zur Hebung ihrer eigenen Ohnmacht. Das gibts. Solche kleinen Pinscher kriechen dann zum Arbeiter, hängen sich an Hammer und Sichel, und wenn unsereiner ihre Schreiberei nicht gut findet, dräuen sie: »Bürger!« Das sind kindliche Spiele, und der Arbeiter fällt im Gegensatz zu seinen Funktionären nicht darauf hinein.

Der Zeit aber wollen wir nicht nachlaufen; wir wollen in ihr leben. Ich will gar nicht einmal davon sprechen, wieviel Charakterstärke dazu gehört, sein Leben zu Ende zu leben, gegen alle andern, so wie es etwa Arno Holz getan hat. Man sehe sich demgegenüber jene Theaterkritiker an, die um jeden jungen Dramatiker ein Lämmerhüpfen veranstalten, aus lauter Angst, nicht mehr für achtundzwanzig gehalten zu werden; nichts ist würdeloser als ein zappelnder Greis. Ich sehe diese Gattung vor mir: mit kurzen Hosen, ein tiroler Hütl auf dem Kopf, asthmatisch, aber eilig und eine irre Furcht in den Augen: Sind wir auch noch modern? Gehören wir auch noch dazu? Sind wir auch – zieh mir mal den Schlips zurecht – nach der letzten Mode gekleidet? Arme Luder.

Nur ein sehr großer Mensch wie Hamsun darf es sich erlauben, dem Tod entgegenlebend sich das wenige aus der Zeit herauszufischen, was ihm noch behagt, was ihm noch nützt. Wir andern wollen mit der Zeit gehen, aber ohne Furcht. Man soll die jüngeren Leute hören, und dabei nicht vergessen, dass es kaum wahrnehmbare, feine Grenzlinien gibt, die nicht zu überbrücken sind. Ein Mann wie Wyneken, der doch mit den Jungen lebt, mag das spüren – es hilft alles nichts, und ich kann es nur dann als tragisch empfinden, wenn jemand nachts darüber weint. Es ist natürlich, und es soll so sein. Ein alter Mann ist stets ein König Lear, es wäre töricht, zu verlangen: Komm, ältle du mit mir.. Und diesen Graben gibt es schon zwischen fünfzig und zwanzig. Die Generation Kästner liebt eben anders, als die Generation Liliencron geliebt hat. Ist das ein Grund zur Verzweiflung? zum Fluch? zum Beifallsgeschrei?

Ich wünschte, unsere geistigen Führer beschäftigten sich ehrlich und innerlich mehr mit der Jugend, und zwar nicht nur mit der Jugend, die ihre Zeit beschreibt, sondern mit der, die sie lebt. Dann, aber nur dann, wären es Menschen der Zeit. Und nicht das, was uns so oft über den Weg klabastert: Affen der Zeit.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 18.02.1930, Nr. 8, S. 283.





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