Die Sittlichen


Der Verlag Paul Steegemann in Hannover hat einen Privatdruck herausgebracht: ›Frauen‹ von Paul Verlaine. Die Übertragung stammt von Curt Moreck. Vier Gedichte aus diesem merkwürdigen Buch sind zusammen mit vier andern aus des gleichen Verfassers ›Hommes‹ in den alten ›Opalen‹, übertragen von H. A., erschienen. Ich glaube, dass die alte Übertragung, die mit Gassenworten arbeitete, den Stil dieser Verse gut traf. Moreck stilisiert, mildert und ist im ganzen bestrebt, aus einem zerwühlten Bett eine sauber hergerichtete Ottomane zu machen. Für mein Gefühl ist es nun nicht Fisch noch Fleisch, denn es gibt ein falsches Bild: Verlaine hat in dieser Epoche seines Lebens, wo er nach katholischen Verzückungen in ganz andern als kirchlichen Domen zelebrierte, durchaus nicht »Unflat in Gold verwandelt, das Verwerfliche geheiligt, das Unaussprechliche sagbar gemacht« wie Curt Moreck behauptet. Ein Moorbad ist ein Moorbad, und wenn man so etwas negiert, muß man es nicht übersetzen. Wert und Reiz des Moorbades liegen im Moor, nicht in kristallklarem Wasser.

Aber das sind artistische Einwände. Die Übersetzung ist nicht eben schlecht (ausgezeichnet gelungen ist die kleine freche Idylle ›Volkstümliche Gemälde‹), der Druck ist ganz anständig, die Ausstattung gut. Wer dergleichen sammelt oder wer eine Freundin hat, die nicht nur die Wanderung liebt, sondern auch die Landschaften dazu, der mag sich das Büchlein wohl kaufen. Aber er wird auf Schwierigkeiten stoßen.

Das sittlichste Organ Deutschlands: das ›Börsenblatt für den deutschen Buchhandel‹ hat sich geweigert, die Anzeige dieses Werks aufzunehmen. Es ist bekannt, dass die Redaktion dieses Monopolanzeigenmarktes die wissenschaftlich-politisch bedeutenden, aber dem Ludendorff-Deutschland nicht genehmen Werke Richard Grellings und andrer unter den Begriff Unsittliche Literatur subsumiert. Die Proteste des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller haben bisher an dieser eigenmächtigen Zensur größenwahnsinniger Buchhändler nichts zu ändern vermocht. Ein Appell an die gut und fortschrittlich organisierten Drucker des ›Börsenblatts‹ scheint mir nötig.

Das sittlichste Blatt der deutschen Gegenwart kann aber mit seiner Moral vereinigen, die Schrift des steckbrieflich gesuchten Bauer, des frühem Obersten, anpreisen zu lassen, und es kann mit seiner Moral vereinigen, Schriften aus dem Verlag Wilhelm Borngräber anzuzeigen. Im Fall Borngräber wäre ich gegen eine Zensur des ›Buchhändler-Börsenblatts‹ (man soll diese Dinge dem Staatsanwalt überlassen) – wenn nicht das ›Börsenblatt‹ grade an dem Verlaine solchen Anstoß genommen hätte. Die wahre Antipathie richtet sich nicht gegen den toten Franzosen, sondern gegen den lebendigen Deutschen: der Verleger gefällt den Reaktionären in Leipzig nicht. Paul Steegemann hat mit anerkennenswertem Fleiß eine große Reihe junger moderner Autoren und politischer Radikaler herausgebracht, und weil Kurt Hiller oder Heinrich Vogeler-Worpswede oder Heinrich Mann oder Rudolf Leonhard nicht auf den deutschen Kriegerverein eingeschworen sind, bekommt es Leipzig mit der Angst vor dem Bolschewismus und hat nun ein Ausschlußverfahren gegen den politisch unbequemen Verleger in die Wege geleitet. Das also und nicht die Dirnenanbetung Verlaines ist der Kern.

Das ›Börsenblatt‹ ist kein reines Privatunternehmen mehr. Es ist ein offiziöses Monopolorgan: die Sortimenter und die Verleger, die im Börsenverein organisiert sind (und das sind so ziemlich alle maßgebenden), sind auf dieses Blatt angewiesen. Seine Hauszensur ist eine Unbotmäßigkeit, solange nicht der größte Teil von Verlegern und Sortimentern mit ihr einverstanden ist, und das will ich noch nicht glauben. Sie muß entfernt werden. Freilich ist es leichter, Lieder zu singen wie dieses hier, das in Lüneburg auf einer Kreisvereinssitzung des Börsenvereins im Chorus vorgetragen wurde – aber es genügt eine Strophe:

 

Hoch jetzt des Aufruhrs Feuer loht,

sich lockern alle Bande,

Verrat den deutschen Helden droht,

nichts fehlt zu Deutschlands Schande,

und die Genossen frech und dreist,

bekämpfen Wissen, Fleiß und Geist,

es herrscht nur noch die Straße

sowie die jüd'sche Rasse.

 

Soweit die deutsche Sangesbrust.

Materialknappheit und Schwierigkeiten der Beschaffung von Rohmaterialien haben in den letzten Monaten fast zu einer Aufhebung fester Nettopreise im Buchhandel geführt. Damit ist der feste Ladenpreis in Frage gestellt; die Schwankungen der Preisfestsetzung pflanzen sich in unregelmäßigen Wellen in dem Kleinhandel fort, und der deutsche Buchhandel steht, wenn nicht alles täuscht, für die nächsten Jahre vor schweren Erschütterungen und großen Umwälzungen. Der Vorstand des Börsenvereins sollte bedenken, daß diese ungerechtfertigte Hauszensur seiner nicht würdig, und dass seine Stellung nicht mehr so fest ist wie vor fünfzig Jahren. Die versetzte Wut verärgerter Spießer, die sich bei jeder Gelegenheit an der Republik, an den Revolutionären, am Radikalismus, an dem lieben Gott rächen wollen, wird den Lauf der Dinge auch nicht aufhalten. Es empfiehlt sich für einen, der auf einem dünnbeinigen Taburett sitzt, mitnichten, wilde Indianertänze aufzuführen. Sonst kippt das Taburett um, der Tänzer sitzt auf der Kehrseite, und frei und ungehindert wächst um ihn herum die Literatur, die er nicht hat haben wollen, und die doch da ist, weil wir sie brauchen.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 12.08.1920, Nr. 33, S. 189.





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