Ist das deutsche Buch zu teuer –?


Es gibt in Deutschland eine Todsünde: einem Kaufmann vorzuwerfen, dass er seinen Verdienst lediglich durch Preiserhöhung, nicht aber durch Produktionsverbesserung erreichen wolle; alle ›Reichsbünde für ... ‹ springen dem Tadler mit gewaltigem Satz ins Gesicht. In der großen Presse ist so ein Kampf kaum auszufechten –: bedrängt von Syndicis, deren Tätigkeit darin besteht, sich eine auszudenken, von wilden Drohungen geängstigt, sagt sich der Zeitungsverleger schließlich; »Das haben wir doch wohl nicht nötig –!« und noch einmal senken sich die Boykottpistolen und Prozeßrevolver der wilden Räuber in den Geschäftsabruzzen. Lasset uns, ohne Eifer und mit Studium, betrachten, ob das deutsche Buch der schönen Literatur zu teuer ist.

 

Was kostet ein guter deutscher Roman von fünfundzwanzig Bogen, das heißt etwa 400 Seiten –? Gebunden: acht Mark, zehn Mark, manchmal zwölf Mark. Da der Deutsche broschierte Bücher nicht gern und nur für die Eisenbahnlektüre kauft, da von einem normalen Buch der schöngeistigen Literatur nur ein verschwindend kleiner Teil broschiert gekauft wird, so ist hier der Ladenpreis des gebundenen Buches zu betrachten. Von dessen Verkauf hat der Autor nichts – er bekommt seine Tantiemen lediglich vom broschierten Exemplar. Beide Fakten: die Neigung der deutschen Bücherkäufer zum gebundenen Buch und die Nichtbeteiligung des Autors am wirklichen Preise des gebundenen, also des meist gekauften Exemplars sollen hier nicht diskutiert werden. Sie sind Tatsachen, mit denen zu rechnen ist.

Nun scheint mir die Spanne, die zwischen dem Preise des broschierten und dem des gebundenen Buches besteht, zu hoch zu sein. Es gibt viele Verlage, deren Kataloge eine solche Spanne von 50 bis 60 Prozent des Broschurpreises aufweisen: kostet also das broschierte Exemplar drei Mark, so wird das gebundene mit etwa 5 Mark berechnet. Das steht in keinem rechten Verhältnis, hier ist etwas nicht in Ordnung.

Leser fremder Sprachen kennen die französische Methode, eine ganz billige, allgemeine Ausgabe herzustellen, miserabel broschiert, auf Löschpapier mäßig gedruckt; und für Leute, die das Buch nach der ersten Lektüre in ihre Bibliothek stellen wollen, gibt es dann noch eine bessere Ausgabe, die aber nicht ganz unsern Luxusausgaben entspricht, sondern billiger ist und auch nicht so kostbar. Ob sich das in Deutschland einbürgern würde, muß leider bezweifelt werden. Das französische Alltagsbuch kann man fortwerfen; der Deutsche nimmt sein Buch zu ernst, daher entschließt er sich auch schwerer zum Kauf.

Mir erscheint das deutsche Buch als zu teuer, weil es seinen Preis nicht wert ist. Was bedeutet das –?

Absolute Maßstäbe gibt es nicht. Erwerbe ich ein Buch, so muß ich als klarer Rechner fragen – nicht: wieviel das in Francs oder in Dollars ist, worauf es gar nicht ankommt – sondern: »Wie lange muß ich für den Erwerb dieses Buches arbeiten?« Und da stellt sich meines Erachtens heraus, dass fast keiner von uns Autoren verlangen kann, dass Bücherkäufer so lange arbeiten, um uns zu lesen, wie sie es heute tun müssen. Wir wollen einmal alle witzige literarische Ironie beiseite lassen – aber Literatur ist diesen Preis nicht wert. Das ist eine Überschätzung ihrer Bedeutung.

Der arbeitende Mensch soll anständig und luftig wohnen, sich sauber waschen, angemessen gekleidet gehen, sich so gut und reichlich nähren, dass er arbeiten kann und bei guter Gesundheit bleibt; er soll die Seinen ernähren und fördern, er soll kleine Rücklagen machen und in der Lage sein, einen Arzt zu bezahlen. Erst, wenn er das alles mit seiner Arbeit geschafft hat, wird er daran denken, Geld für Kunst auszugeben. Dieses Kunstbudget kann, wie die Dinge in Deutschland heute liegen, nicht groß sein.

Das deutsche Buch ist deshalb mit acht und mit neun Mark zu hoch bezahlt, weil die Monatsgehälter der Angestelltenschaft, die Beamtengehälter und die Arbeitslöhne in gar keinem Verhältnis dazu stehen – die Spanne ist zu groß. Ein Mann mit einem Monatsgehalt von dreihundertundfünfzig Mark gehört schon zu den qualifizierten Angestellten; er muß irgendwelche Spezialkenntnisse haben, in deren Erwerb er Kapital investiert hat. Ein solcher Mann (also etwa einer, dem eine Kasse anvertraut ist) verdient bei fünfundzwanzig Arbeitstagen im Monat und achtstündiger Arbeitszeit 1,75 M. in der Stunde. Der Steuerabzug ist dabei nicht mitgerechnet: die wenigsten Angestellten machen sich klar, dass sie zweiundeinenhalben Tag im Monat für den Staat arbeiten, was man zum Beispiel vom Bauern nicht sagen kann. Der Angestellte muß demnach, um einen deutschen Roman für zehn Mark zu erwerben, etwa sechs Stunden arbeiten: den 33. Teil seiner monatlichen Arbeitskraft. Das ist zu viel. Es ist nicht zuviel für den Autor, wenn der etwas taugt; es ist zu viel im Budget des Angestellten.

Und wie sieht das nun erst bei denen aus, die die Masse der Bücherkäufer ausmachen sollen? Es ist auch hier immer an das Durchschnittsbuch gedacht – der ›Zauberberg‹ war eine Ausnahme, und Ausnahmen gibt es immer. Tatsächlich ist aber die Schicht der deutschen Bücherkäufer nur begrenzt aufnahmefähig; es gibt ein ganz bestimmtes, beinahe zu errechnendes Quantum von Büchern, das diese Schicht in sich aufsaugen kann – mehr nimmt sie eben nicht auf.

In der Festsetzung der Bücherpreise liegt des fernem dieser Mißstand: sie sind zu abgerundet. Von der Inflation her ist ein häßlicher Fleck im deutschen Wirtschaftsleben geblieben: der Mangel an Verständnis für zehn und zwanzig Pfennig Unterschied. Dieses Verständnis für die Wichtigkeit kleiner Summen findet man nur bei Lohnfestsetzungen und Gehaltssätzen. Ein Buch kostet drei Mark (was einsilbig auszusprechen ist und ein einziger Begriff) und zwei Mark und vier Mark. Sicherlich kann man den Kommissionären nicht das Leben mit Fünfpfennigrechnungen sauer machen; aber vierzig und fünfzig Pfennig stellen einen erarbeiteten Wert dar, den man nicht einfach außer acht lassen darf. Jeder Hinweis, dass viele Leute diese beim Buch ersparten fünfzig Pfennig für Zigaretten ausgeben, sind Mathematik und Theorie: volkswirtschaftliche Budgeteinteilungen sind sehr, sehr schwer zu ändern. Man kann aus dem Volkskörper nur herausholen, was er freiwillig hergibt. Er ist zu beeinflussen, grundlegend zu ändern ist er nicht.

Ob die Bücherkäufer ihr ›Buchbudget‹ bisher voll ausgegeben haben, scheint mir zweifelhaft. Der Erfolg der Buchgemeinschaften, die plötzlich ungeahnte neue Quellen erschlossen oder doch sehr scharf abgelenkt haben, beweist es nicht. Aber es zeigt sich in der Preisbildung eine Überschätzung des Wertes der Literatur, die mir unheilvoll zu sein scheint. An wem liegt das –?

Ich glaube nicht, dass an diesem Fehler der Autor starke Schuld trägt. Der verständliche Wunsch, ein ›schön ausgestattetes Buch‹ herauszubringen, wird keinen vernünftigen Autor von Erfahrung veranlassen, auf sinnlos teuern Ausgaben zu bestehen: wir wissen alle, dass dadurch der Absatz gefährdet wird, oder wir sollten es wenigstens wissen. Die Eitelkeit eines Schriftstellers, der sich einbildet, sein Werk erfordere auch äußerlich das ›edelste Material‹, stammt aus der Rilke-Zeit und sollte füglich ad acta gelegt werden. Der Erfolg ist immer der, dass das Buch stecken bleibt, dass es immer wieder dieselben fünfundzwanzigtausend Käufer sind, die hohe Preise anlegen können und wollen, und wenn gar einer politische Schriftstellerei betreibt, so ist er durch diese falsche Auffassung von dem, was Literatur als Ware ist, äußerst geschädigt. Sein Weg ist verstopft, er dringt niemals zu den Leuten, für die er schreibt: zu den gebildeten Arbeitern, den Handwerkern, den kleinen Beamten und zu den geistig interessierten Angestellten.

Ich denke nicht, dass der Autor schuld ist. Dem steht auch entgegen, dass die meisten Verlagsverträge dem Verlag das Recht einräumen, Ausstattung und Ladenpreis zu bestimmen. Der Autor sieht machtlos zu. Also wer hat schuld –? Der Verleger –?

So einfach ist das nicht. Wenn irgendwo auf der ganzen Welt zwei Literaten zusammenkommen, dann schimpfen sie auf ihren Verleger. Dieses beliebte Schimpfen habe ich nie mitgemacht. Verleger sind Kaufleute wie andre auch, und da gibt es solide und tüchtige und gaunerhafte und leichtsinnige und unfähige und ehrenhafte und ahnungslose und falsch und richtig amerikanisierte. Mit einem generellen Urteil ist der Sache nicht beizukommen. Tatsächlich aber neigt der Verleger – wie überhaupt der deutsche Kaufmann – leider dazu, sein Geld lieber mit verhältnismäßig wenigen Abschlüssen über große Objekte zu machen, als durch zahllose Abschlüsse von jeweils kleinem Ausmaß. Das zweite ist nämlich mühsamer. (Trauriges Beispiel: die deutsche Automobil-Industrie.)

Es ist sehr viel schwerer, ganz weite Kreise für ein Buch zu interessieren, und auch nur drei Viertel aller in Frage kommenden Käufer an das Buch heranzubringen als ein Buch ruhig dahinlaufen zu lassen und es so teuer abzusetzen, dass auch der Absatz von fünf Auflagen genügt, um den Verleger mit angemessenem Profit herauskommen zu lassen. Also liegts an der Propaganda –?

Ein Autor, der glaubt, dass man ein Buch lediglich durch Propaganda und durch Riesenanzeigen ›machen‹ könne, versteht nichts von seinem Beruf. Man kann es nicht. Die Wirkung von Anzeigen ist eine sehr merkwürdige Sache; es ist noch niemand ganz dahintergekommen, woraufhin sich eigentlich Leute Bücher kaufen. Günstiger Kritiken wegen? Sehr fraglich. Auf mehr oder minder große Anzeigen hin? Das weiß man nicht genau; denn der Käufer sagts im allgemeinen nicht. Die Verleger und die Kenner der Sache, die ich gehört habe, behaupten allgemein, es sei die sogenannte ›Mundreklame‹ – etwa das morgendliche Telefongespräch der Frau Wendriner (in Berlin wird tatsächlich so der Ruhm gemacht). Das ist wahrscheinlich richtig. Ein Buch setzt sich sehr oft allein durch – wenn es richtig gestartet wird. Das Buch, das reiten soll, muß aber zunächst auf ein Pferd gesetzt werden. Wird es das –?

Was so im allgemeinen als Verlagspropaganda herausgeht, ist nicht sehr wirksam. Die Buchreklame ist nicht differenziert genug, sie wendet sich an einen Normalmenschen, den es nicht gibt, und berücksichtigt viel zu wenig die Interessen einzelner Schichten, die es gibt. Die Redigierung eines ›Waschzettels‹, einer Annonce, eines Prospektes gehört zu den schwierigsten Dingen, und ich glaube nicht, dass der Durchschnittsverleger hierzu Kräfte beschäftigt, die er gut genug bezahlt und die demnach qualifiziert sind. Da wird viel Schematisches getan.

Hat nun der Verleger eine wirksame Hilfe bei dem Sortimenter? Der Buchhändler ist einer der wenigen Kaufleute, der das Recht für sich beansprucht, seine Ware nicht genau zu kennen: ihre Quantität wachse ihm über den Kopf, sagt er. Tatsächlich gibt es in der mittlern Provinzstadt Deutschlands allerhöchstens jeweils eine Buchhandlung, die auf dem Gebiet der schönen Literatur gut Auskunft zu geben weiß und die gebildetes Verkaufspersonal hat. Niemand kann auch nur annähernd alles lesen, was erscheint – aber jeder Fachmann kann eine Übersicht haben, die fundiert ist. Im allgemeinen weiß ein bücherkaufender Literat besser über Verlage, Autoren und Richtungen Bescheid als der Sortimentsangestellte, und das ist eine Folge ungenügender Bezahlung. Hier wird falsch kalkuliert. Es wird immer derselbe Fehler begangen: statt die Produktion zu steigern, wird sie verteuert. Höhere Löhne der Sortimentsangestellten würden vielleicht für den Anfang den Preis des Buches erhöhen, denn die Sortimenter sind, nicht ganz ohne ihre Schuld, keineswegs auf Rosen gebettet; aber es rentierte sich. Ein Kaufmann soll aus seinem Markt herausholen, was drin ist. Der Buchhandel kann sich mehr nehmen, als er bekommt. Kann man zum Beispiel in deutschen Buchhandlungen der schönsten Beschäftigung frönen, die es gibt: in Büchern wühlen? Man hat so häufig den Eindruck, zu stören ...

Ich glaube, dass Verlage und Sortimenter mehr für den Buchabsatz und damit für die Verbilligung des zu teuern deutschen Buches tun können als es der Fall ist. Ich bin neulich, als ich vom künstlich aufgeplusterten, vom ›zu dicken‹ Buch gesprochen habe, von einem Sortimenter auf die Pflicht der Presse hingewiesen worden, mehr Interesse für Literatur zu wecken. Ich sagte schon, dass die geschäftliche Wirkung unsrer Kritiken nicht ganz geklärt ist. Daß die fachliche, interessante und grundsätzlich bedeutsame Buchkritik gegen die maßlos überschätzte Theaterkritik zurücktritt, ist ihre eigne Schuld – drüben arbeiten Ihering und Polgar, und auf der Buchseite geht es nur von Fall zu Fall gut. Die Presse kann vieles für das Buch tun – das Entscheidende liegt anderswo.

Es liegt beim Verlag, der seine Propaganda quantitativ ein wenig und qualitativ sehr zu steigern hätte. Und es liegt beim Sortiment, das nicht dazu da ist, Bücher ›zu besorgen‹, sondern Bücher kaufwert zu machen.

Ich will mich gern belehren lassen, wenn ich geirrt habe.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 07.02.1928, Nr. 6, S. 208.





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