Der neue Morand


Über dem neuen Novellenband Paul Morands: ›L'Europe Galante‹ (bei Bernard Grasset in Paris) steht der Nebentitel: Chronik des zwanzigsten Jahrhunderts. Chronik des zwanzigsten Jahrhunderts? Cum grano cocaïni.

Der Liebesgott der reichen Leute ist mitunter ein Floh. Er sticht, und wenn man lange genug zögert, gewährt juckendes Kratzen eine völlige Befriedigung. Nicht zu früh: dann wars keine Sensation. Nicht zu spät: dann brennts nicht mehr. Morand trifft genau den richtigen Zeitpunkt. Er juckt gut.

Von der französischen Leihbibliothek aus stofflichen Gründen verschlungen, ist aus dem Oeuvre des jungen Meisters hauptsächlich zu nennen: ›Ouvert la nuit‹, ein sehr amüsanter Geschichtenkranz; ›Fermé la nuit‹, ein amüsanter; und ›Lewis et Irène‹, eine Finanzgeschichte der Liebe.

Das technische Niveau der romanischen Erzählungsliteratur liegt höher als das deutsche; gemacht sind diese Geschichten aus dem Handgelenk. Morand flirtet sich durch den Kontinent, wobei ›flirten‹ in der Bedeutung jener englischen Anekdote aufzufassen wäre, wo vom Sergeanten berichtet wird, der 's Mädchen ohne Umstände in die dunkle Ecke drückt und dort gar nicht mehr verhandelt. Das Mädchen: »Oh – Sie Flirt!«

Manche Geschichten spielen in Paris, viele in Rußland, eine besonders unanständige in Lissabon, Was die russischen angeht, so muß ich ja sagen, dass ich sie nicht mehr lesen mag. Diese grelle Bilderbuchbuntheit, dieses dem Westen unverständliche Rußland, vom Emigranten aus gesehen, dieses ratlose Ironisieren einer Welt, die für den Betrachter in Wahrheit außerhalb seiner Geographie liegt – ich mag nicht mehr. Nicht mehr die Bartmänner, die so schön unmotiviert daherleben, wie wir das gelernt haben; nicht mehr die jüdisch-revolutionären Dichter, das beschneite Moskau und das nicht mehr oder doch schon wieder teilweise verlassene Petersburg, und schon gar nicht mehr die russischen Frauen mit ihren dreißig Epitheta. Rußland? Aber das ist so wenig Rußland wie diese gräßliche ›Cave Caucasienne‹ in Paris, wo ein Harpyiengesindel von russischen Oberkellnern und die von elf bis drei Uhr schwermütigen Zigeuner englischen Vergnügungsreisenden und ihren Damen pariser Nachtleben vorgaukeln. Also das nicht. Aber weil Spiegelbilder meist mehr vom Spiegel als vom Gespiegelten aussagen, so ist am besten das eigne Milieu des Autors gelungen.

Morand ist Diplomat. Es sind ihrer mehrere, eine ganze Reihe, die da am Quai d'Orsay zu gleicher Zeit Akten und Bücher schreiben: der klug verspielte Giraudoux, Crémieux – dass noch bis vor kurzem Paul Claudel in Tokio als Gesandter saß, werden Sie wissen. (Bei uns könnte man sich Maximilian Harden, Thomas oder Heinrich Mann als Gesandte vorstellen – im übrigen passen Auswärtiges Amt und Literaten nicht zusammen, was auf beide kein gutes Licht wirft.) Ja, also Morand brilliert, wenn er Autotopographie gibt. Reiche Leute sind ein besonderer Volksstamm, über dessen Sitten und Gebräuche uns fast immer falsch berichtet wird. Die spöttische Kälte, die Sentimentalität mittags um zwölf Uhr in einem vollen Restaurant, die vollendete Routine in einem ausverkauften Bett, die glatte Selbstverständlichkeit, mit der das Schach der Gesellschaft gespielt wird, die Spielregeln, die immer dieselben bleiben und nur dann nicht gelten, wenn der andre sie anwendet, der Haufe von Klatsch, Beziehungen, Wissen, Ahnen, der nur Vorwand für den Erzählenden ist ... er hat seine kleine große Welt gut gesehn.

Eine Geschichte spielt an der Ruhr. Franzosen, die am Stadttheater in Halberstadt einen Possen-Marquis zu sehen bekommen, werden entweder lächeln oder böse sein: So etwas gibts in Frankreich nicht! Der Herr Walter v. Ruhm – merkwürdig, wie niemals ein Fremder fremde Namen erfinden kann! – existiert wahrscheinlich nicht, so nicht, nicht ganz so. Auch steht von ihm geschrieben: er habe eine reiche Heirat gemacht, weil er Geld brauchte, ruiniert durch den französischen Ruhr-Einfall. O ahnungsloser Engel du! Solch einen Ruhr-Einfall wünscht sich das Industriepack noch viele Male. Also ganz stimmts nicht. Aber es ist doch lustig zu sehen, wie sich dieser Industriellentypus in den Augen eines Franzosen darstellt, der die Deutschen nicht haßt (man haßt überhaupt keine Völker – sie sind einem unangenehm), wie sich der bewegt, mit dem Hakenkreuz im Manschettenknopf (unwahrscheinlich) und mit der leicht angesoffnen Erotik (wahrscheinlich). Die Geschichte ist ein wenig affenteuerlich, aber hübsch bunt. Die Gestalt der Francine sogar spitzendünn, reizend die kleinen Nebenbemerkungen. Das Heim v. Ruhms. »Picasso, Braque, niemals habe ich etwas von diesen Malern in Paris gehört.« Und: »Frauen sollten ihre Liebesbriefe nicht an das Objekt ihrer Liebe senden, sondern an Freundinnen, vielleicht an Zufallsvertraute; diese Briefe hätten mehr Chance, verstanden zu werden, oder; gelesen zu werden. So empfange denn, Liebste, diese etwas plötzlichen Geständnisse; sie sind übrigens authentisch.« Es geht dann zwischen dem Hakenkreuzmann und der Francine hin beziehungsweise her – aber nichts weiter. Mit allen Fingerspitzen zugleich ist ein alkoholisierter Abend gefühlt, der Mann ist dabei. (Anmerkung für die ›Deutsche Allgemeine Zeitung‹: Welch eine degenerierte Nation!) Über den dreien schwebt eine Wolke von Spannung, eisgekühltem Alkohol, Kitzel, Zigarettenluft und Nachtstunde. »Alles konnte eintreten. Nichts geschah.« Von solchen Stellen wimmelt das Buch.

Wie es ja denn überhaupt mühelos das ist, wozu sich in der deutschen Literatur die Herren Autoren immer erst einen Ruck geben: mondän. Selbst Sternheim schreibt, wenn er von Paris spricht, gern mit der frisierten Schnauze, redet spitz und glaubt, alle Welt verachten zu müssen, weil er irgendwelchen kleinen Käse gegessen hat. Und Fritze Unruh? Da lachen ja die Hühner. Wie in dem Dingsda, dem ›Flügel der Nike‹, Paris geschildert wird, das ist kaum zu glauben. Was mir da an Lakaien, Gobelins, feingeschliffenen Kristallen, edler Literatur, Grafen und Gräfinnen unter die Nase gerieben wird – hier! hier! siehst dus? merkst dus? –, und wie dann nebenbei auch nicht ein Komma mit der Wirklichkeit übereinstimmt ... das wird nur übertroffen von der Schilderung eines Diners beim deutschen Botschafter, einem Meisterstück ungewollten Humors. Wäre das pazifistische Wirken Unruhs nicht anständig und im Ausland nützlich gewesen: man war versucht, ihn herzlich dumm zu nennen. »Neben meiner Tasse liegt ein langes Weißbrot ... ›Warum‹, fragt Jacques und hilft es mir zerschneiden, ›sprechen Ihre Landsleute so schlecht über Sie?‹ – ›Wo?‹ stotterte ich, von dieser unmittelbaren Frage getroffen. – ›Hier in Paris! Fast jeder Schriftsteller, der mich besucht, hat eine schlechte Meinung von Ihnen!‹« Weil, Jacques, er kein Deutsch kann, kein Snob, sondern ein taktloser Schnopp ist, und weil bis auf die Seitenzahlen keine wahre Angabe in dem Buche zu finden ist. Sie halten es doch für Deutsch? In einer alten berliner Faschingszeitung war einmal vor Jahren das Verfahren der Schundromane parodiert, die statt der Zwischenbemerkung ›sagte er‹ die Tätigkeit des Redenden setzten. Davon verspricht sich Unruh eine ganz besondere stilistische Feinheit. »›O Gott!‹ legt Victor die Stirn auf die Faust.« – »›Nein, nein!‹ rückt sich der Diplomat die Krawatte.« Und, am treffendsten: »›Vraiment‹, muß er mehrfach aufstoßen, ›exzellent, was?‹« Da kann man nichts tun, als heftig ›Vraiment!‹ sagen. Übrigens können diese Weltreisenden nur zu Hause mit den ausländischen Verwandten protzen, die draußen gar nichts von ihnen wissen wollen. »Das Paris Herrn v. Unruhs« – schreibt Geneviève Bianquis in der Revue ›Les Langues Modernes‹ – »besteht aus mehr oder minder beschäftigungslosen jungen Leuten, die sich hauptsächlich damit beschäftigen, Champagner zu trinken und durch die Nachtlokale zu ziehen.« Und eine deutsche Kollegin dieser Französin schreibt mir: »Ach, warum hat er nicht den Mut, so trivial zu sein, wie er wirklich ist –!« Weil das gebildete Bürgertum seiner Zeitung weltmännische Marke haben will, Fräulein. Die pariser Zeitschrift ›Vient de paraître‹ hat neulich eine ganze Reihe dieser Herren erheblich abgeführt. Eine Figur ›Gavroche‹ zu nennen, stand da ungefähr, ›mon petit chou‹ zu schreiben, genügt noch nicht, um als ein alter Bewohner von Montmartre zu gelten. Laßt das, junge Herren! Davon versteht ihr nichts und könnt ihr uns nichts erzählen. Erzählt uns von Berlin, von Deutschland, das ist eure Domäne. Unruh wurde in dem Blatt einfach ausgelacht. Aber, wenn man sonst nichts kann, was macht man da? Sich wichtig.

Entschuldigen Sie, Herr Morand, dass ich Sie habe warten lassen. Ja, am hübschsten ist die Confiserie in diesem Laden. »Rien ne ›atteint, mais tout le touche«– das ist wirklich ein Damenideal. Und die kleinen bösen Blinzler auf die Französinnen ... Bei einer zärtlichen Schlacht: »Elle ne s‹écriait pas: ›Qu estce que je tiens!‹ comme les Françaises qui affectent de céder en délirant sous l'excès de la boisson et avec un oeuil prudent.« Das schmeckt lecker.

Und fast jede Geschichte hat eine Spitze und tausend kleine Dächer, manche ist gruselig wie ein Buch aus der Frankfurter Societätsdruckerei, und auch hier fällt mir auf, wie einfach das Leben zu sein scheint. Man möchte fast nicht glauben. Da lernt einer Chauffeur, der es vorher nie gewesen, und das klappt! und er kennt alle Wege! und während das Patrons-Ehepaar mit einem andern Ehepaar im dunkeln Wald eine Quatruole bildet – Annonce: Die Freuden des Landlebens –, sitzt der Chauffeur, ein rumänischer Student, am Steuer und lernt beim Schein seiner elektrischen Lampe das Pensum für das morgige Examen beim Professor Basch in der Sorbonne ... Morand! Nichts verschweigen und nichts hinzusetzen –? Wir wollen Sie lieber unvereidigt lassen.

Nein, dieser Chauffeur ist so wenig ein Chauffeur, wie der Finanzmann Lewis ein Finanzmann war. Das telefoniert, macht ein paar Reisen, gibt ein paar Anweisungen ... früher fragte man sich immer in den französischen Romanen: Wovon leben die Leute? Heute: Wie arbeiten diese Leute?

Es ist eine amüsante Welt. Manchmal von den Grenzen eines Arrondissements eingeschlossen, manchmal universell weit. Sehr selten spricht nicht der Mann, sondern das Männchen; sehr, sehr selten belauert mich ein rascher Blick, ob ich auch bemerkt habe, wie potent, wie international er ist ... Ja, ich habs bemerkt.

Aber die schönste Geschichte heißt: Madame Fredda. Eine ziemlich umfangreiche Dame spricht den jungen Herrn an der Madeleine an, man ißt abends zusammen, und sie entblättert sich als Blumenzüchterin aus Amsterdam, die da in Paris einkaufen will. Sie kauft ihn gleich mit. Sie ist für rasches Wachstum. Sie hat keine Zeit. Das hört, am Tisch, so auf: »Je vous ai abordé, monsieur le Joli, parce que je voudrais connaître l'amour avec un Français. Les Français ont, chez nous, une énorme réputation extraordinaire. Chambre 221. Garçon, payer.« Das sitzt. Vergleichbar mit jenem ausgezeichneten Aktschluß bei Georg Kaiser in ›Nebeneinander‹, jenem Aktschluß, den der Schauspieler Forster noch durch einen guten Zusatz gesteigert hat: »In Geschäften kenne ich keine Gefühle. Lützow 2601.«

Und sehr gut setzt Morand noch einen Schnörkel an den Schluß. Der junge Mann will erst aufbegehren, beleidigt sein ... »Aber er gehörte zu jener Generation, die vor den Blumen die Waffen sinken läßt, vor den Blumen und vor diesem neuen Europa ... und die nicht gelernt hat, jemals nein zu sagen.«

Kein Zweifel: der Herr Morand lebt nicht nur in Frankreich, sondern auch im Jahre 1925, was in seinem Lande nicht überall das gleiche ist. Er hat einen gut sitzenden Stil, die Ironie der letzten Monate, den Hut des Jahres und das Tempo seiner Zeit. Manchmal gehts kindlich zu, da wird gespielt: Verwechsel, Verwechsel die Geschlechterchen, manchmal laufen die Nuancen wie (mit der Feder) geschmiert – aber lustig ists doch.

Hulle, bekommen Sie diese Zeilen zu Gesicht? Dann packen Sie sich das Buch auf den Nachttisch. Und an einem regnerischen Juli-Abend, wenn aus unerklärlichen Gründen niemand weiter da ist, zünden Sie sich eine schwere Zigarette an, legen sich auf die Seite und beginnen, zu blättern. Sie werden die Liebesparoxysmen von vielen Paaren und mehr erleben. Sie werden lächeln. Und weils ja wunderschön ist, am Kamin zu sitzen, wenn draußen der Regen prasselt, werden Sie fühlen:

Endlich allein.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 25.08.1925, Nr. 34, S. 293.





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