Das ist der Herzschlag


Geh ich durch die Straßen um die Berolina,

seh ich die Visagen dicker Geldverdiener,

in dem wilden Gaukelspiel,

Geld besagt heut gar nicht viel,

jeder zählt die braunen Scheine,

eins, zwei, drei, vier.

Wie die Kavaliere mit den Nutten tanzen,

Rußland importiert die Händler und die Wanzen,

in den Lokalen,

sieh, wie sie zahlen,

der Lockenkopp, die Schmalzfrisur,

's ist alles nur Glasur!

Und ob auch fiebernd tobt ein ganzes Land,

was hilft uns über all den Unverstand?

Das ist der Herzschlag, der zusammenhält,

trotz Rebellion in einer Flammenwelt!

Wenn auch der Nachbar schwimmt in süßem Sekt und Rauch bis nachts um vier,

und klettert hoch und immer höher noch das Überseepapier!

Solang die Kiefern stehn im Grunewald,

solang die Sonne auf den Asphalt knallt,

solang wir noch auf Arbeit gehn:

Da sag ich nein! 'ne solche Stadt, die darf nicht untergehn!

 

Ach, ich Unschuldsengel dacht November achtzehn:

Endlich, endlich werde ich's einmal vollbracht sehn,

's blieb wie einst Paradefeld,

Republik war abgemeldt!

Noske ließ Kommis marschieren,

eins, zwei, drei, vier.

Alle hatten nur die Augen links gewendet,

alle hat der Glanz des Achselstücks geblendet,

bis die ertappten

glänzend verkappten

Jagow, Traub und Bredereck

uns zogen in den Dreck.

Doch siehe da, die Zeit war nicht mehr groß,

und warum zog das ab, ganz lüttwitzlos?

Das war der Herzschlag, der zusammenhält,

trotz Kapp und Pack in einer Flammenwelt!

Setzt eure Flinten, eure Säbel, eure Panzerautos ab!

Wir kommen besser ohne euch in unsern guten alten Trab!

Solang in unsern Wäldern rauscht der Wind,

die Ähren golden in der Ernte sind,

sich Mühlen flott im Winde drehn:

Da sag ich nein! Ein solches Land, das darf nicht untergehn!

 

Unabhängige gibts und Mehrheitssozialisten,

Militärs und andre dufte Bolschewisten,

wer nicht hört, wird abgeknallt.

Jeder glaubt nur der Gewalt, jeder Mann hat Ideale,

eins, zwei, drei, vier.

Jeder Stand und jedes Land hat Sondergruppen,

unsre ganze Erde wimmelt voller Truppen!

Immer mit der Ruhe!

Ohne dies Getue

kommt die Welt vielleicht zurück

zum kleinen bißchen Glück.

Und mitten im Spektakel und Gerauf,

Herrgott! Ich geb die Hoffnung doch nicht auf:

Das ist der Herzschlag, der zusammenhält

die Republik in einer Flammenwelt!

Vertragt euch, Kinder, reicht euch wieder mal die alte Bruderhand

auch übern Schlagbaum weg, die ganze Welt ist doch ein einziges Land!

Solang für alle eine Sonne scheint,

das Menschenherz auf Erden lacht und weint,

solang wir Mensch zum Menschen stehn:

Da sag ich ja! Ein solches Land, das kann nicht untergehn!

 

Jetzt im Lenz, wenn alle kleinen Knospen springen,

in Grünau die ersten Finken leise singen:

Zuckt es durch die Großstadt hin,

Tippmamsell und Schneiderin,

jeder Mann hat seine Brautens,

eins, zwei, drei, vier.

Kleine Mädchen kommen in die Lenzeswochen.

Strohhut raus! Hier können Familien Kaffee kochen.

Lenchens weiße Fahne

in der Vorortbahne

wird zerknautscht, wie kam das bloß

auf einen fremden Schoß.

Der Chef im Auto, Maxe auf dem Rad,

was eint denn schließlich doch die ganze Stadt?

Das ist der Herzschlag, der zusammenhält,

süß eingehakt in einer Flammenwelt!

Steigt der Tarif und steigt der Streuselkuchen und das helle Bier,

die Nase hoch! Denn uns kann keiner. Mensch! Vastehste: wir sind wir!

Solang der Dampfer puckert zur Abtei,

sich Pärchen knutschen im April und Mai,

wir Arm in Arm ins Freibad gehn:

Da sag ich nein! Ein' solche Stadt, die darf nicht untergehn!

 

 

Theobald Tiger

Schall und Rauch, 1920, Nr. 17.





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