Das Varieté von der andern Seite


Neulich haben wir im Wintergarten hinter die Kulissen geguckt. Eigentlich möchte man ja den Dingen ganz auf den Grund sehen, möchte dabei sein, wie auf den Probebühnen der Artisten die Nummern zustande kommen, möchte sehen, wer wen wie engagiert – aber man sah auch so schon einiges.

Die Kehrseite dieses ersten und einzigen berliner Varietés steht in gradezu groteskem Gegensatz zu dem, was sich da vorne abspielt. Es ist da hinten kein leichtes Arbeiten: die Bühne ist nicht sehr tief, und man muß mit den Requisiten vor und zurück und wieder zurück und wieder vor. Aber das besorgen die paar Arbeiter in schlurchenden Filzpantinen sehr gut, und das Ganze klappt wie geölt. Oben auf dem Schnürboden lümmeln ein paar, und da hinten hat alles ein sehr gemächliches Tempo.

Die Hauskapelle schmettert die Ouvertüre, ein Potpourri aus Offenbach, und während vorn der Cancan hüpft und das Publikum murmelt, stehen hinter einer straffen, groben Sackleinewand – so sieht der Vorhang von hinten aus – die Exzentriks mit roten Nasen und blauen Backen und treten sich zum Zeitvertreib auf den Bäuchen herum. Dann klingelt jemand sehr scharf, der Regisseur (im Smoking) geht langsam von der Bühne, sagt mit Schwung: »Auf!« – und die Arbeiter oben drehen den Vorhang in die Höhe. Der Kunstmaler Söderström und ich, wir dürfen an den Bühnenausguck des Feuerwehrmanns treten, »Aoh! Isch wärde Sie zeigen eine kleine Kunststuck ... « Und schon kugeln sie schreiend übereinander her. Sie schwitzen unter der Schminke, und ihre Augen sind durchaus nicht so fröhlich wie ihr Gebrüll. Im übrigen hatten wir grade Karwoche, und die Regierungsräte liefen herum und paßten auf, dass auch alle hübsch fromm seien, und dass niemand mehr lachte, als es in Gemäßheit Lukas 23, 46 angemessen war. Nun gut, das Programm war denn auch entsprechend traurig, und bis auf ein paar Ausnahmen mußte der Regisseur den Humor bestreiten. Das tat er denn redlich. Man denke sich einen mäßig großen Raum von allerhand Gerümpel erfüllt; aber das Gerümpel entpuppt sich bei Rampenlicht als strahlende Requisiten, und Stühle, Tische, Holzkeulen, Papageienkäfige sind nach einem wohlerwogenen Plan aufgebaut. Aus irgend einem Grunde ist das alles entsetzlich traurig: die aufgespannten Rückwandprospekte, die gewöhnlich einen feenhaften Saal oder irgend eine romantische Landschaft darstellen, zeigen sich hier als trübes Segeltuch, auf dem in dicken schwarzen Buchstaben ›Imprägniert‹ steht. Dahinter quäkt einer. Das ist der Mann, der vorhin mit seiner kleinen Puppe und seinem redenden Bauch nach vorne gegangen ist. Sie sind beide wachsgelb geschminkt, und nun singen sie sich eins. Ab und zu lachen die Leute, und das Ganze tut einem sehr leid. Die Arbeiter unterhalten sich flüsternd, der Clown geht ernst in der Kniebeuge spazieren, niemand achtet auf ihn. Die Sache draußen ist so weit gediehen, dass der Vorhang fallen kann und sich wieder und wieder über dem dankenden Künstler hebt. Ich dachte mir immer: in solchem Augenblick ist der Mann von der ›Stallwache‹ sprungbereit am Ausguck, um genau abzuschätzen, wie oft man noch heben und senken dürfe. Der Herr Regisseur setzten aber in diesem Moment dem Kunstmaler und mir auseinander, wie sich der große Baggesen im Leben benehme, und er war grade dabei, die Frau auf das trefflichste zu kopieren, als er sich plötzlich unterbrach und nachlässig das Wort »Schllllluß!« in die Luft sprach. Und dann hörten die Arbeiter auf, den Vorhang hochzuziehen. Wir waren starr. »Aber woher wissen Sie ... ?« Er höre das. Er ahne schon immer, wann die Leute genug hätten. Und dann ging er dazu über, einen deutschen Ringer nachzumachen, der Maxe hieß und einen kolossalen Bizeps aufzuweisen hatte.

Das Programm wickelte sich ab. Wir standen zwischen den Kulissen. Ab und zu lief uns jemand eine Kulisse in den Leib, und wir spähten aufmerksam durch alle Ritzen. Wir sahen den Weltmeisterschaftsspringer und den Mimiker, der, funkelnd vom Erfolg, abtrat und sich dann erweichen ließ, noch einen oder den andern deutschen Bundesfürsten zuzugeben. Und wir sahen die weitaus beste Nummer dieses Programms: Argentina, eine famose Tänzerin, die sich mit einem süßlich bewußten Lächeln an das Publikum festsaugte, es nicht mehr los ließ und mit den Kastagnetten lockte und anstachelte. Sie stampfte auf ihren kleinen festen Füßen an der Rampe entlang, durch die Erschütterung stieg der Staub hoch, vermischte sich mit dem Zigarettenrauch und umhüllte alles mit einem feinen gelben Dunst. Die Argentina schob die Schulterknochen auf eine unerhörte Weise zusammen, sie war nicht sehr stark dekolletiert, aber sie züngelte leicht und war nackter als nackt. Erschöpft und ein wenig atemlos ging sie zierlich unter donnerndem Applaus in die Kulisse, wo ihr eine alte Frau einen dicken Theatermantel umlegte. Und wir begriffen plötzlich, warum die alten Herren in der Oper von Paris immer in den Ballettgarderoben herumkriechen.

Dann sahen wir ein Stück Programm von vorn. Die Desmond trat auf, und ihr Tanz sagte ununterbrochen: »Seht einmal, wie wenig ich anhabe! Nur ein weißes Höschen, einen Büstenhalter aus Stoff und einen leichten Gazeschleier, durch den ihr hindurchsehen könnt. Herrgott, was bin ich nackend!« Aber wir waren dafür gar nicht zu haben, und auch die Männer, die bei ihrem Tanz geschnauft hatten, wagten nachher nicht zu klatschen. Einige zischten sogar. Und als wir dieses zimperliche Genrebild überstanden hatten, und noch ein paar mäßige Nummern dazu, gingen wir wieder nach hinten, um das Schönste zu sehen, was dieser Wintergarten bieten kann: die Girls.

Vorn auf der Bühne sang Papagei Lora das schöne Lied von unsres alten Kaisers Lieblingsblume, und die Tränen liefen einem nur so herunter vor Lachen. »Wollen wir das noch mal singen?« hörte man den Dresseur fragen. Und sie sangen es noch mal. Aber dann kamen aus ihren Garderoben die zwölf Sunshine Girls, und sie schwatzten und lachten leise, und es war wie in einem Vogelkäfig. Sie sahen alle aus wie dicke, kleine, gelbe Luftballons, und sie schleppten gleichmütig das sinnlose Zeug zusammen – diesmal waren es Golfschläger – womit sie nachher Wunder verrichten würden. Sie fletschten den Regisseur freundlich an, die Verständigung war mangelhaft, man stand sich also gut. Sie waren einander völlig ähnlich: es war Blasphemie, die eine auf dem Stuhl heimlich für hübscher zu halten als die andern. Und dann rauschte draußen der Beifall, der Vorhang auf und wieder herunter, der Regisseur sagte: »Schllllluß!« und man trug Lora heraus, der noch der Bauch bibberte. Und dann stieß mich Söderström an das Guckloch, und auf einmal waren die zwölf englischen Sonnenschein-Mädchen auf der Bühne und standen in zierlichen Gruppen umher. Und dann trieb das Orchester sie an, und sie trieben das Orchester an, und sie schleuderten ihre Golfschläger und ihre Rackets in die Luft. Und dann, ja, dann sangen sie. Sie sangen mit ihren kleinen Vogelstimmen ein dummes Lied, der Reflektor überschüttete sie mit gelbem und weißem Licht, und ihre Augen waren puppenhaft starr und sahen aus wie kugeliges Glas. Sie taten noch allerhand, der Puder stäubte, und die Gesichter, die mitunter geschminkt und bewegungslos vor unsern Gucklöchern standen, waren bester Toulouse-Lautrec. Und schließlich formierten sie sich in eine einzige Reihe, die wir grade herunter sehen konnten, und dann stürmten sie vor, sodass wir dachten, sie würden ins Orchester fallen, aber ein Trommelwirbel kommandierte ihnen Halt, und da standen sie nun in ihrer schmachtenden Schlußpose: kalkig, geschminkt, gepudert, bunt, flirrend, ein anbetungswürdiges Stück Unnatur.

Und während der Biograph schnatterte, sagte ich zu Söderströmen: »Ist das hier nun nicht ein Stück Zaubermärchen? Wo setzt sich nur der ganze technische Apparat in Geist um? Vorn an den Rampenlichtern? In den Herzen der Zuschauer? Ist das nicht viel mehr wert als die dummen deutschen Possen und Schwänke? Und wie du weißt, ist diese lächerliche Lustbarkeitssteuer drauf und dran, dem ganzen die Gurgel herumzudrehen. Pausback, was sagst du zu der Lustbarkeitssteuer?« – »Schlllllllluß!« sagte er.

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 30.04.1914, Nr. 18, S. 499.





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