Roland Dorgelès, ›Les Croix de Bois‹


Nun sind also doch die Kriegsbücher dazwischengerutscht, eins, zwei ... Aber das eine ist, um die Wahrheit zu sagen, nicht gerutscht – ich habe es auf den Nachttisch gelegt: es ist das schönste von allen; nicht das größte, aber das schönste. Ich stelle es noch über Remarque. Es sind ›Les Croix de Bois‹, von Roland Dorgelès (erschienen bei Albin Michel, 22 rue Huyghens, Paris). Helm ab zum Gebet.

Ich kenne das Buch, das drüben ein ungeheurer Erfolg gewesen ist, seit Jahren, und ich habe nie darüber berichten können – ich kann es auch heute noch nicht so, wie ich gern möchte. Das macht: es scheint mir unübertragbar zu sein. Wenn das nicht ein großer Künstler in die Finger bekommt; einer, der lange Soldat gewesen ist; einer, der Schützengraben-Französisch und Schützengraben-Deutsch versteht ... und beides wie geschmiert ... vielleicht ... dann vielleicht ... Es ist etwas ganz und gar Einzigartiges. Tausend Beispiele.

Es fängt erst einmal so an:

»In dieser Jahreszeit gab es nicht viel Blumen, aber einige hatte man doch gefunden und sie als Schmuck in die Gewehre des Nachschubs gesteckt, der da, zwischen zwei stummen Spalieren Neugieriger – mit Blumen geschmückt wie ein Kirchhof – in losen Trupps durch die Stadt zog.« So fängt es an. Und dann gehts los.

Dieses unbeirrbare Zivil im Franzosen; wie der Neuangekommene jemand in der Kompanie findet, mit dem er über Paris sprechen kann, er spricht nicht nur über Paris, er spricht auch nicht ›von der Heimat‹ – jeder Satz, den er sagt ist gegen, gegen, gegen den Kommiß ... »Schon, dass ich die Namen aussprechen konnte: das war Wiedergeburt verlorenen Glücks.« Die Brutalität des französischen Militärs wird nicht verschwiegen – dies ist ein wahres Buch. Der Feldwebel (›adjudant‹ entspricht dem nicht ganz), der jedem, der ihm in die Quere kommt, gleich zwölf Kugeln verspricht, »den Gnadenschuß nicht eingerechnet«; einmal von einem der zahlreichen standrechtlich Erschossenen: »Ja, der war aus Cotteville. Er hatte zwei Kinder.« Absatz. »Zwei Kinder, so groß wie die Pfosten, an den sie ihn gebunden haben ... «

Wie das Soldatengeschwätz eingefangen ist – pointenlos, so ... wie sie so dahergeredet haben. Die Marne! Was haben sie von der Schlacht an der Marne behalten? Immerhin: pour une bataille c'était une bataille, wie man drüben sagt. »Weißt du noch: die kleinen Melonen in Tilloy ... « und: »In Gueux haben wir vielleicht Wein bekommen – Mensch, ganze Eimer voll –!« und so. Es sind Züge darin, die nur ein Franzose finden konnte: so der vom Bauer, der von seinem Haus aus den französischen Sturmangriff sehen kann. »Komm rasch raus!« ruft er seiner Frau zu. »Schnell! Los!« – »Nö – ich kann nicht«, ruft die Frau zurück; »die Milch kocht über ... « und das ganz pointenlos, so wie eben einer schreibt, der seine Bauern kennt, und weil jeder Franzose selbst ein Stück vom Bauern in sich trägt, unzerstörbar.

Woher er dies hier hat, weiß ich nicht; es muß ihm der selige Shakespeare nachts im Traum erschienen sein. Das Bauernmädchen ... »sie denkt oft an uns, wenn das Regiment im Graben ist. Und wenn die Kanonen besonders laut dröhnen, dann zählt sie leise jeden Schuß ... : ein wenig ... von Herzen ... mit Schmerzen ... wie wenn sie an einer Margerite zupfte.« Über diese Stelle kann ich niemals hinweglesen.

Und dann jene, die ich hier einmal veröffentlicht habe, wo er davon spricht, wie die Soldaten immer reden und reden und doch gehorchen. (Ich gebe es hier abgekürzt): »Ja, wie sie im Frieden gedient haben, da haben sie gesagt: ›Laßt mich mal hier rauskommen, dann werde ichs ihnen aber besorgen!‹ Und dann sind sie herausgekommen, und dann war gar nichts. Und dann: ›Laß mal Krieg sein, – da werden wir aber – –‹« Und dann hat der Krieg angefangen: große Wiedersehensfreude mit dem Unteroffizier: »Na, geht gut, ja?« Und dann im Krieg: »Mensch, laß das hier aus sein ... aber dann –« Und so in infinitum.

Aber wie soll man das übersetzen? Es ist dasselbe wie bei uns – aber es ist doch nicht dasselbe. Einer weiß, was ihm blüht, wenn er es mit dem Vorgesetzten anlegt. Aber er muß, er kann nicht anders. »Est-ce bête, hein, de jouer sa peau pour un mot ... « Oder dies hier: Ja, die englischen Tommys sind feiner als wir, die Franzosen, das ist wahr – – »Seulement, on a pour nous qu'on sait causer.« Das kann man nicht herüberbekommen; weil das eben bei uns keiner denkt und keiner fühlt.

Manchmal rutscht er auch aus; so, wenn er von den Deutschen spricht; sie streuen unter die Kinder Bonbons, »die sie in Reims gestohlen haben ... « also das ist ein Schwupper. Nicht etwa, weil sie sie genommen haben – natürlich haben sie das getan; sondern weil in diesem Zusammenhang die abrupte Betonung des bürgerlichen Rechts ein Wahnsinn ist. Wenn sie weiter nichts getan hätten ... !

Aber das ist es ja alles nicht. Die Schönheiten, die Einzelszenen, die Massenszenen, die Übersetzungsschwierigkeiten ... wie das geht und geht und weitergeht, der Regen rinnt, und dann besaufen sie sich, und dann ist Nachtangriff, und dann ist Tagangriff, und dann ist da die Sappe (eine der wildesten Episoden, die einen in den Traum verfolgt) – und dann regnet es, und dann sind sie dreckig, und es hört nicht auf und hört nicht auf ...

Ein Meisterwerk.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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