Buch voller Tiere


Dies also war Jules Renard, der Autor von ›Poil de Carotte‹, einem Buch, das jeder Franzose kennt. Von dem ist dieses entzückende kleine Werkchen ›Histoires Naturelles‹ (mit hübschen Zeichnungen bei Flammarion, 26 rue Racine, zu Paris erschienen). Damit ist es so:

Es ist bewußt anthropozentrisch.

Es ist vom Menschen her gesehen, aber mit einer so feinen Ironie, mit so viel dichterischem Gefühl, mit einer solchen Wärme und mit so viel bezaubernder Bosheit! Bei uns können das Alfred Polgar und die Fürstin Lichnowsky, von der ja bekanntlich die verblüffend schöne Entdeckung stammt, dass die Katzen katholisch sind ... Bei den Franzosen machen das viele – Colette und andere –, aber durch dieses Buch muß man sich hindurchschmunzeln; Renard liebt die Natur, macht sich leise über sie lustig, wie ein Mann, der den Schöpfungskatalog des lieben Gottes mit Figurinen bemalt, von oben bis unten. Vom Epigramm bis zum silbernsten Essay ist alles da.

Meinen Lieblingssatz von ihm: »Der Hahn sieht uns immer so an, als ob er sagen wollte: Ja, wollen Sie denn nicht grüßen?« den habe ich hier nicht gefunden, muß wohl anderswo stehen. Aber was gibt es da sonst nicht noch alles!

Die Tauben: »Sie bleiben ein bißchen kindisch, ihr ganzes Leben lang. Sie wollen mit aller Gewalt glauben, dass man Kinder mit dem Schnabel macht. Und auf die Dauer ist die hereditäre Manie unerträglich, immer etwas in der Kehle zu haben, was nicht heruntergeht ... « Und dann, natürlich unübersetzbar, ein Taubengespräch: »Viens, mon grrros ... viens, mon grrros ... viens, mon grrrros!« (Die deutsche Entenmama sagt zu ihrer Tochter, nach deren Hochzeit: »Brav – brav – braav – braav –«)

Der Pfau wartet auf seine Braut. Der Schwan frißt Wellenköpfe, die er zuckend abpflücken will; davon wird er dick, dick wie eine Gans ... Das Kapitel über den Hund habe ich nicht gelesen – ich bin im Reichsverband Deutscher Hundegegner e. V. – Vom Bullen: »Die Frauen erkennen den Stier an den Haaren, die er in die Stirn frisiert trägt.« Der Esel ruft nicht: I – A, er ist eine Pumpe. (Endlich mal einer, der das sagt!) Der Ziegenbock heißt Alexander, natürlich. Herrlich, die Maus. Sie wagt sich aus der Mauerritze, klabastert im Zimmer umher, nagt, läuft ... jedesmal, wenn sich der Dichter am Tisch bewegt, bleibt sie wie versteinert stehen ... Dann schreibt er wieder, und dann läuft sie wieder. Nun ist sie am Tischbein, nun an seinem Fuß, da nagt sie seinen ländlichen Holzschuh an ... Jetzt darf er sich nicht mehr bewegen: »Ich muß weiterschreiben, ich muß, und weil ich Angst habe, dass sie mich in meiner Einsamkeit wieder allein läßt, fange ich an zu malen, ich schreibe kleine Nichtse, so dünn, so dünn, wie das, was sie knabbert.«

Manchmal nur winzige Dialoge. So dieser:

Die Mauer: »Welch Schauer läuft mir über den Rücken?« – Die Eidechse: »Das bin ich.«

Die Schlange. Da steht erst auf einer Seite, als Kapitelüberschrift, feierlich und allein: Die Schlange. Dann kommt eine gemalene Schlange. Dreh um die Seite, da ist das Kapitel:

Die Schlange. Und nun der Text:

»Zu lang.«

Und die Frösche und die Schnecken und die Spinnen; und die Raupen und die Schmetterlinge und die Wespen; und dann ein herrliches Kapitel von den Ameisen. Das heißt so:

»Jede Ameise sieht aus wie die Ziffer 3.

Und es gibt so viele – so viele –!

Es gibt 3 33 333 3333 33333 3333333 ... in infinitum.«

So eine Naturgeschichte ist das; eine, die uns belehrt, dass der Floh eigentlich, seiner wahren Beschaffenheit nach, ein Tabakkrümel mit Sprungfeder ist, und daneben Szenen im Garten und alles, was du willst.

Das müßte einer oder noch besser: eine nachdichten. Mit Übersetzung ist da nichts getan. Man muß die Tiere so lieben, die französische Sprache, die deutsche Sprache und diesen kleinen König der Tiere: Jules Renard.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 18.09.1927.





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