Wo hängen unsere Briefkästen –?


Der Plan, der zweifellos in irgendeiner Dienststelle des Reichspostministeriums existiert und auf dem die Briefkästen der Stadt eingezeichnet sind, muß ein merkwürdiges Mosaik ergeben. Gehst du geschäftswandelnd (denn lustwandelnd, das gibt es in Berlin nicht) – gehst du durch die Stadt und achtest einmal darauf, wo so die Briefkästen angebracht sind, dann wirst du etwas Eigentümliches sehen. Nach eifrigem Studium bin ich dahintergekommen, dass die berliner Briefkästen überhaupt nicht angebracht sind – sondern der Briefkastenvogel ist über die Stadt dahingeflogen und hat sie, hier einen Klacks und da einen, einfach fallen lassen. Und da backen sie nun fest, irgendwo: am Vorgitter einer ganz stillen Straße, verschmitzt an der Rückseite eines Bahnhofs; verborgen unter Bäumen und fast unsichtbar um die Ecke ...

Nun, ganz so schlimm wie in Paris ist es nicht – das ist ja wahr. Da kann man getrost ein Preisausschreiben veranstalten: wer zuerst hundert Briefkästen in einer Stunde entdeckt, bekommt – Strafe muß sein – die gesammelten Werke Paul Valérys – such, such den Briefkasten! Denn die hiesige Post möchte nicht, dass so viel Briefe geschrieben werden; die Leute sollen lieber telefonieren, das stärkt die Volkskraft, denn wer das pariser Telefon überwindet – aber das ist wieder eine andere Geschichte. Ja, also die Briefkästen.

Man müßte doch denken, dass sie vor allem einmal da angebracht sind, wo recht viel Leute zusammenströmen: auf allen Bahnhöfen, in allen Bahnhöfen und an allen Bahnhöfen: vor den Theatern, an den Gerichten, an den Banken, und wenn es auch schon ein bißchen besser damit geworden ist, so zeigt doch ihre Verteilung ein Erbübel der Bürokratie: den glanzvollen Sieg des »Apparats« über den, der ihn benutzen soll.

Wo will man fast immer einen eiligen Einschreibebrief expedieren?, telegrafieren?, Marken kaufen?, Geld einzahlen? Auf dem Bahnhof. Wo ist kein Postamt? Auf dem Bahnhof. Allwo auch fast nie eine Apotheke oder auch nur die kleine Niederlassung einer Drogerie zu finden ist – wenn Sie mit der Bahn fahren, dann fahren Sie gefälligst mit der Bahn und treiben Sie kein Allotria.

Sind die längst typisierten Bedürfnisse eines Großstädtischen nicht kinderleicht zu erraten? Sie sind es. Man sehe sich daraufhin an, was in einem Theater, auf einem Sportplatz, in großen Sälen und Hallen an postalischen Einrichtungen zu finden ist, an ärztlichen Hilfsmöglichkeiten – und man frage sich: Wo ist eigentlich die vielgerühmte Zivilisation, die so viel Lärm macht und von der wir so viel lesen? Da ist sie jedenfalls nicht.

Dies Thema eignete sich vorzüglich zu einer Notiz im »Sprechsaal«, wo es dann gewöhnlich so aufhört: »Zu der Frage des Herrn Peter Panter, wo denn in Berlin die Briefkästen hängen, wird uns von der Pressestelle des Reichspostministeriums noch mitgeteilt, dass ... « sich der Steuerzahler selber an die Ecken hängen soll, wenns ihm nicht paßt – aber das Thema ist doch zu groß für einen kleinen Sprechsaal. Es ist das deutscheste aller Themen:

So zu organisieren, dass die »amtlichen Belange« gewahrt werden, ohne Rücksicht auf den Verbraucher. Man kann das an tausend Beispielen belegen, und es ist immer wieder verwunderlich, eines festzustellen. Alle diese beamteten Organisatoren sind doch zu gleicher Zeit wie wir andern: Verbraucher, Kunden und Staatsbürger, die staatliche Einrichtungen benutzen. Haben sie nichts gelernt? Nichts gesehen? Fühlen sie nicht, wie es die anderen Ressorts machen und wie man es nicht machen darf? Sie fühlen es nicht nur – sie wissen es sogar und schimpfen mächtig. Auf die andern. Und machen es genau, ganz genau so. Sie organisieren so häufig unter völliger Ausschaltung aller Gedanken an den, für den doch eigentlich organisiert werden sollte. Ihre Arbeit ist Selbstzweck geworden.

So, jetzt ist es halb acht. Nun will ich langsam Alpenstock und Rettungsgürtel nehmen und mich aufmachen, diesen Brief in einem Postbüro abzugeben. Waren Sie schon mal in einem französischen Postbüro? Sie habens gut. Und de- und wehmütig ziehe ich alles wieder zurück, was ich gegen die deutsche Post gesagt habe, und gegen ihre Schalterbeamten und ihre Organisatoren – ich schlürfe den ganzen Aufsatz wieder ein, nichts habe ich gesagt, peccavibum, jetzt liegt der Brief schon im Postkasten. Wenn er nun ankommt, ist es Schuld der Post. Denn welche Briefe kommen an?

Binnenbriefe, Absagen der Damen und Zeitungsartikel. Was aber die Mitteilungen über das Große Los, Liebeserklärungen unbekannter Abonnentinnen und das Glück betrifft, so ist das alles einmal an uns unterwegs gewesen und – wie uns postamtlicherseits mitgeteilt wird: ohne Verschulden der zuständigen Beamten – leider verlorengegangen.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 29.12.1928, Nr. 613.





 © textlog.de 2004-2019 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright