Und immer wieder Max Hölz!


›Briefe aus dem Zuchthaus‹ von Max Hölz (bei Erich Reiß in Berlin erschienen). Während ihr das lest, sitzt er noch immer in seiner Zelle.

Egon Erwin Kisch hat die Briefsammlung mit einem brillanten Nachwort versehn, und der Verlag Erich Reiß hat sich ein wahres Verdienst erworben, so tapfer für einen unschuldig Verurteilten einzutreten. Das wagt nicht jeder (wie der im Buch enthaltene Aufruf zeigt, in dem ich viele sehe, die nicht da sind).

»Meine Ausdrucksformen sind ärmlich«, heißt es in einem der Briefe. Nun, Max Hölz ist kein Literat und will gar keiner sein. Die Briefe, die ich von ihm empfangen habe und auf die ich stolz bin, zeigen ebenso wie die hier gedruckten in keiner Zeile einen Mann, der sich nun künstlich heraufschraubt, zeigen keine weinerliche Sentimentalität – sie zeigen den Mann, der die mutigste Rede vor einem deutschen Gericht gehalten hat, die mir bekannt ist. Unser Ernst Toller, der sich zutiefst auf die Psychologie von Gefangenen versteht, vermag sicherlich am besten zu beurteilen, wie echt das alles ist: das grüblerische Nachdenken, die unbedingte Konsequenz, das anständige Empfinden für den noch ärmern Nebenmann. Hölz hat nicht nötig, sich unsre ›Sympathie zu verdienen‹ – wir ehren in ihm unsre Sache, auch da, wo wir uns mit seinen Taten nicht identifizieren, zu denen er ja heute anders steht als damals, wo er sie beging ... Und wir verabscheuen, indem wir seine Sache vertreten, ein System.

Was dazu gehört, in einer solchen Lage eine Begnadigung abzulehnen, vermag nur der ganz zu würdigen, der einmal eingesperrt gewesen ist. Hölz hat nie bittend die Hände ausgestreckt – Hölz will etwas, das er verlangen kann: Gerechtigkeit. Das, was sie da mit ihm gemacht haben, ist keine.

So verengt auch der Gesichtskreis eines Gefangenen mit der Zeit wird; dieser weitet sich die Mauern seines Käfigs. An Schnüren hängen seine Briefe und sein Geschriebenes von der Decke, neben dem Abtrittseimer schreibt da einer den ganzen Tag, den ganzen Tag. Und kann sich nur unvollkommen wehren. Wir müssen ihm helfen.

Dieser Mann hat die lebenslängliche Strafe nicht verdient. Ob er wegen Hochverrats abgeurteilt werden wird, ob er dieselben milden Richter finden wird wie die Leute von Kapp, das ist eine spätere Sorge. Aber er ist wegen einer Tat abgeurteilt worden, die er nicht begangen hat, die ein andrer getan und eingestanden hat. Das darf nicht sein.

Der Reichsgerichtspräsident, der so oft über das Wesen der Gerechtigkeit öffentlich gesprochen hat, vernehme diesen Schrei:

Her mit dem Wiederaufnahmeverfahren für Max Hölz!

 

 

Kurt Tucholsky

Die Weltbühne, 25.10.1927, Nr. 43, S. 652.





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