Bestätigung


Das macht immer Freude, sich bestätigt zu sehen. Und es macht doppelt Freude, wenn man hört, dass die Wahrheit so alt ist wie das Geschehnis, und wenn man sieht, dass es von Anfang an kluge und einsichtige Männer gegeben hat, die den Mut zu eben dieser Wahrheit hatten. Manche haben ihn heute noch nicht.

Der freiburger Universitätsprofessor Dr. Hermann Kantorowicz, ein Jurist, hatte ihn aber. Im September 1916 hat er bei höheren deutschen Dienststellen – bei Zivil- und Militärämtern – eine Denkschrift eingereicht, die nun – im Verlage von J. Bielefeld in Freiburg – gedruckt vorliegt. Und sie enthält Punkt für Punkt das, was hier so oft gestanden hat und stehen mußte, wollte man nicht, dass Geschichtslügen und dumme Fälschung Besitz von den Köpfen ergriff. Sie bestätigt genau das, was meine Kameraden und ich hier sooft sagen durften: dass der »Offiziershaß im deutschen Heer« (so heißt die Broschüre) ein erheblicher Faktor der Niederlage gewesen ist. Manche leugnen ihn heute noch.

Nun, er bestand. Er bestand in dem Maße, dass ... Aber hört! »Er frage Feldsoldaten aus dem Volke, deren volles Vertrauen er besitzt, was sie vom Gegner halten: er wird in den meisten Fällen eine kühle, sachliche Antwort bekommen. Dann frage er sie, wie sie gegen den Offiziersstand gesinnt seien: er wird in den meisten Fällen das Auge auch der ruhigsten aufflammen sehen im inneren Leid, vor ingrimmiger Empörung.« So war es.

Ich kann euch das Buch nicht ausschreiben – Ihr müßts selber lesen; es ist sehr lehrreich. Aber wenn ihr die Kapitelüberschriften hört, die damals, als das geschrieben wurde, noch wie Revolutionsaufrufe wirken mußten, dann wißt ihr Bescheid: »Die Ungerechtigkeit in der Verpflegung.« – »Die Ungerechtigkeit in der Besoldung.« – »Die Ungerechtigkeit in der Verteilung der Auszeichnungen.«

Habt ihr vergessen?

Ihr habt nicht vergessen. Und ich würde diese alte, mutige Schrift eines deutschen Professors – welche Ausnahme! – gar nicht zitieren, wenn nicht jetzt, vor den Wahlen, wieder die alten Lügen auftauchen werden: von der Marine, die das Heer verriet – das glaubte und sagte sogar der verflossene Herr Noske! –, von der Heimat, die das Heer erdolcht hat – von allem möglichen, das schuld gewesen sein soll. Aber über Agitatoren, Reaktionäre und kindliche Broschürenschreiber hinweg leuchtet die Wahrheit. Die Wahrheit von einem Volk, das unter seinen eigenen Landsleuten zusammengebrochen ist, von einem Volke, das neben seinen unzähligen Feinden draußen einen schrecklichen im Lande hatte: den eigenen Offizier.

Säße Herr Kantorowicz unter dem verkappten Rektor Meyer an der berliner Universität: wer weiß, vielleicht hätte ihn dieser Wackere schon geschaßt. So ist er noch da und wir haben allen Grund, ihn zu seiner Tat zu beglückwünschen. Wenn ihr wissen wollt, wie man gleichzeitig gerecht und scharf über den deutschen Offizier urteilen kann, dann lest dieses Buch.

 

 

Ignaz Wrobel

Berliner Volkszeitung, 01.05.1920.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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