Außenseiter der Gesellschaft


In dieser Ecke der Bibliothek pflegen zu stehen: der alte ›Pitaval‹ (recht langweilig und würdig von Paul Ernst bearbeitet); der ›Neue Pitaval‹ (Willibald Alexis, nie wieder erreicht); der ›Moderne Pitaval‹ (eine außerordentlich gut dokumentierte Zusammenstellung, soviel ich mich erinnere, bei Mohr in Tübingen erschienen); die zwölf Bände von Friedländer: ›Moderne Prozesse‹ (ganz schlecht, dumme und kitschige Zeitungsberichte, nur als unmaßgebliche Gedächtnisauffrischung zu benutzen) – und nun will eine neue Sammlung dazugestellt werden: ›Außenseiter der Gesellschaft‹, herausgegeben von Rudolf Leonhard (Verlag Die Schmiede in Berlin). Ein Band liegt mir vor: ›Der Fall des Generalstabschefs Redl‹, erzählt von Egon Erwin Kisch. Das ist ein Schlager ersten Ranges.

Im Vordergrund steht der Fall, jener große Spionagefall, der vor dem Kriege ein schnell ersticktes Aufsehen erregt hat, der Fall mit Daten, Personen, Dokumenten und einer Fotografie des Feschaks, die aus irgendeinem Bande der ›Fackel‹ entnommen zu sein scheint. (Wie sich überhaupt immer mehr herausstellt, dass Österreich eine Erfindung von Karl Kraus ist. Dieser Fall auch.)

Kisch hat die reine Erzählerfreude. Der schmale Band ist ein spannender Kriminalroman, brillant gesteigert, ausgezeichnet aufgebaut. Wieweit die Dokumentation in Ordnung ist, kann ich nicht beurteilen. Einer der beteiligten Offiziere wird als Quelle angegeben; dass er nicht alles, und dass er nicht alles so gesagt hat, wie es in Wahrheit gewesen, ist klar. Die Geschichte hat ein Loch: der Schuß eines Gastes im Hotel wird nachts gehört und bleibt nicht stundenlang unbemerkt ... Aber welche Geschichte –!

Der Oberst Redl bringt viele Menschen wegen Spionage ins Zuchthaus, betreibt von Amts wegen Spionage und Gegenspionage, lebt nur gegen die Spione – und ist selbst einer. (Die Erzählung der Entdeckung: ein Meisterstück.) Der österreichische Generalstab ist kompromittiert, die politischen Folgen sind nicht abzusehen, der Skandal muß erstickt werden, er wird erstickt. »Sie dürfen um einen Revolver bitten, Herr Redl!« – »Ich bitte gehorsamst ... um einen Revolver.« Die Kommission der Zwockl wartet unten auf der Straße, bis sich der oben eine Kugel in den Kopf geschossen hat – so erzählts wenigstens einer der Kameraden. Beschlagnahme, Pech bei der Durchsicht der hinterlassenen Sachen, Pressespektakel, Verscharrung ohne militärische Begleitung (was Strafverschärfung bedeuten soll), Aufdeckung aller Fäden – aus.

Aber hinter diesen dunkeln Geschichten, den kindischen und verbrecherischen Spionagefällen, den bespitzelten Spitzeln, den Leuten, die belauern, dafür bezahlt, zugleich bewacht und im Dienst der Gegenseite geklappt werden – da steht er: der Staat. Da leben diese Vereine, von denen jeder eine Fahne, aber keiner einen Funken Anstand hat, von metaphysischen Fiktionen, betrügen einander und werden betrogen, präparieren Mord und sühnen mit Totschlag, wenn sie einer daran hindern will, verkörpern die Sittlichkeit mit den gemeinsten Mitteln und hindern Europa, Europa zu sein. Denn was ist es jetzt? Ein Vaterlandskomplex mit Ladehemmungen, mit einer Fahne als Totem und Banken als Tabu, Urhorden, die ihre Kinder auffressen, Staaten, deren wahrhafter Ausdruck ihre Generale sind: bunt, dämlich, von den Kaufleuten dotiert und mit einer Verantwortungslosigkeit, die ihren Wunsch, zu töten, auf die andern transponiert, die getötet werden. Innenseiter der Gesellschaft.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 10.03.1925, Nr. 10, S. 359.





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