Anonyme Briefe


Lieber Rudolf Leonhard!

Ich habe keinen schlechten Schreck bekommen, als das dicke Paket angekommen ist: ein Stück! ich soll ein Stück lesen –! Wenn Sie wüßten, wie das ist ... aber Sie wissen es, denn Sie sind jahrelang Lektor im Verlag der Schmiede gewesen, die Ihre Arbeit nie verdient hat. Die Beschwerlichkeit, zweihundert Schreibmaschinenseiten zu durchackern; die Langeweile; die Schwierigkeit, ein Land fremder Phantasie mit eignen Gedanken zu bevölkern – denn dies allein ist: lesen; die etwas resignierte Geste, mit der man das Ganze zuklappt – und dann der saugende Blick des Autors: wie hat es dir gefallen? wie ist es mit mir? bin ich nicht ein begabtes Kind? die fade Lüge, die man dann sagen muß ... es ist nicht sehr heiter.

Sie haben ein ausgezeichnetes Theaterstück geschrieben, Rudolf Leonhard.

Es heißt ›Anonyme Briefe‹ – und es zeigt, wie eine ganze Stadt unter den Hagelschauer jener kleinen gefalteten Zettel gerät, die, sobald sie der Postbote ins Haus bringt, keine Zettel mehr sind – sondern Briefe. Wie Firmen durch sie ins Wanken geraten; wie Bettgeheimnisse öffentlich werden, den Voyeurs einen kräftigen Sexualschauer nach dem andern über den Rücken jagend und Neid, Neid; wie sich die Spitzen der Gesellschaft weidwund in die Löcher des Privatlebens verkriechen, und wie sich nun endlich – als Krönung des Ganzen – das Gericht mit breitem Hintern auf den Unflat setzt. Der Verteidiger will Karriere machen, der Vorsitzende ersauft im Wust der §§, der Staatsanwalt donnert, die Polizei macht sich mausig – und richtig, ein Angeklagter ist auch noch da. Aber der wird so nebenbei freigesprochen, nachdem sich der Witz der Juristen an ihm geübt hat – und wenn er sich nachher umbringt, so ist dies allenfalls eine Aktennotiz und nicht einmal das. Ein Selbstmord? Z. d. A.

Sie zeigen uns den Schreiber dieser Briefe nicht – wir hören ihn nur; in drei wundervollen, filmischen Szenen hören wir seine Stimme und sehen nur einmal den Schatten seines Kopfes und sehen seine schreibende Hand.

Man wird Ihr Stück mit den ›Verbrechern‹ vergleichen – aber ich halte es für bedeutend besser; Sie werden vielleicht in den Verdacht kommen, Herr Bruckner zu sein, und ich weiß nicht, ob Sie es sind. Daß aber diese wirbelnde Tragikomödie der ›Anonymen Briefe‹ viele gute Aufführungen verdient, das weiß ich gewiß, und wenn Sie nach der hundertsten Ihren Freunden ein Abendessen geben, dann schreiben Sie ein weingeflecktes Kärtchen an Ihren

Peter Panter

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 26.03.1929, Nr. 13, S. 493.





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