An meinen Sohn


Wenn du mal groß bist, Leopold,

dann sieh dich um in Deutschland-Preußen,

wo eure Flagge Schwarz-Rot-Gold

im Wind weht über lauter Preußen.

Stell dich auf einen Aussichtsstand,

und vor dir liegt dein Vaterland:

 

Ganz oben thront die Schicht mit Geld,

die hat die Kohlen, Stahl und Rüben;

die lenkt den Lauf der deutschen Welt,

die läßt die Reichswehr kräftig üben.

Augen gradeaus!

 

Gehorsam harret ihres Winks

das Korps der Rache in Talaren:

die segnen rechts und wüten links,

so lernten sies auf Seminaren.

Im Namen des Volkes –!

 

Da schwätzt der Reichstag, lieber Gott!

Hörst du den alten Breitscheid reden?

Er ist voll Ironie und Spott –

zum Schluß bewilligen sie dann jeden Etat.

 

Und unter allen den Gewalten

da kannst du, Leopold mein Sohn,

dein Leben lang die Schnauze halten –

von wegen Subordination.

Aber lauter Republikaner,

lauter Republikaner!

 

Und willst du wissen, wem du das

verdankst, dies Reich von kleinen Strebern:

dann wein dir nicht die Äuglein naß –

dann wandle du zu deutschen Gräbern.

Auf jedem ein Gedenkstein:

 

Da liegen, die zu meiner Zeit

aus Angst vorm Volk die eignen Ziele

verrieten – taktisch so gescheit!

und klug! und überhaupt Schlemihle.

 

Sie machten schon im Umsturz schlapp

und saßen ängstlich auf der Banke.

Charakter war bei denen knapp ...

Leg einen Kranz auf jedes Grab

und dann sag leise, leise:

Danke.

 

 

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 14.09.1926, Nr. 37, S. 409.





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