1) Wasser

1) Unter allen Getränken ist und bleibt reines, frisches, kaltes Wasser für Gesunde, so wie für alle Fieberkranke, das beste Getränk; doch ist es merkwürdig, dass die Physiologen das nähere Verhältnis und das Studium des Trinkens im Verhältnis zu dem des Essens und des Verdauens sehr vernachlässigt haben, so dass man die Innern Vorgänge dabei in den Verdauungsorganen noch nicht einmal genau kennt. Dass das Wasser absorbiert und in den Kreislauf aufgenommen wird, ist gewiss, aber wo dies geschieht, ist noch zweifelhaft. Das Wasser mischt sich im Magen mit Schleim, Magensaft und Speichel, wird trübe und verschwindet gewöhnlich nach zehn Minuten; ob aber durch Absorption, oder weil es durch die untere Öffnung des Magens in den Zwölffingerdarm entfernt wird, vermögen wir nicht zu bestimmen. Einige behaupten, es werde von den Saugadern mit dem Milchsaft (Chylus) aufgesogen, Andere, die aufsaugenden Gefäße könnten nicht aufnehmen, was nicht bereits den Einfluss des Magensaftes erlitten hätte; allein Versuche lehren, dass Flüssigkeiten, die Nahrungsstoffe enthalten, erst in einen Zustand von Festigkeit oder Koagulation übergehen müssen, bevor sie durch die untere Magenöffnung oder den Pylorus gehen können. Ob wirklich der Einfluss der Milch- und Lymphgefäße sich auf indifferente Flüssigkeiten erstreckt, ist eine sobald nicht zu lösende Frage. Magendie nimmt an, dass die Lymphgefäße nicht absorbieren, und glaubt, dies durch seine Versuche erweisen zu können. — Dass nahrlose Flüssigkeiten nicht von den Milchgefäßen absorbiert werden, hat Magendie gleichfalls durch das Experiment an Hunden dargetan.

Mögen nun aber die Lymph- und Milchgefäße ganz allein die Absorption der Flüssigkeiten vollziehen, oder, wie Magendie und seine Anhänger behaupten, die Venen einen Teil dieser Funktion übernehmen, so viel ist wenigstens gewiss, dass alle Flüssigkeiten endlich in den Kreislauf des Blutes gelangen und das Volumen des Bluts vermehren. Gleichwohl kann eine bedeutende Ausdehnung der Gefäße dadurch nicht entstehen oder längere Zeit bestehen, weil sofort die sezernierende Tätigkeit, besonders in den Nieren, einen Teil des in die Blutmasse aufgenommenen Fluidums (Wasser, Milch, Wein, Branntwein, Bier etc.) wieder fortschafft.

In Krankheiten verhält sich die Sache aber anders. Die Haut- und Nierenfunktion ist bei Fiebern zu Anfange meist untätiger, als in gesunden Tagen, — die Blutgefässe dehnen sich stärker aus, das Herz pulsiert kräftiger, der Mensch fühlt Angst, Hitze; der Atem ist rasch, alle Pulse schlagen stärker. Hier griffen ältere Ärzte sogleich zum Aderlass. Es ist dieses aber nur ein Palliativ, — es vermindert direkt die Blutmasse. Naturgemäßer ist es aber bei gewöhnlichen Fiebern ohne Lokalleiden, das durch den Durst angezeigte Bedürfnis nach reichlicherer Zufuhr von Flüssigkeiten, wodurch die verschlossenen Ausführungsgänge allmählich wieder geöffnet werden, in vollem Masse zu befriedigen. Nach dem reichlichen Genuss kalten Wassers und sonstiger diluierender Getränke in regelmäßigen Fiebern verschwindet bald die Angst, die trockne brennende Haut wird feucht, es stellt sich Schweiß und stärkere Harnsekretion mit Erleichterung aller Zufälle ein (vgl. die Artikel: Blutentziehungen und Wasser).


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