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Jacob Voorhoeve Homöopathie in der Praxis I. Darstellung der Grundsätze und Lehren der Homöopathie

III. Abschnitt.
Hahnemanns Leben und Wirken

"Thy fame is blown abroad from all the heights,

Through all the nations, and a sound is heard

As of a mighty wind ....." 1)

(Longfellow.)

 

 

Der geniale Meister gehörte nicht zu den Vornehmen und Reichen dieser Welt. Als Sohn eines armen Porzellanmalers wurde Christian Friedrich Samuel Hahnemann am 10. April 1755 zu Meissen in Sachsen geboren. Durch seinen Fleiß und sein schnelles Auffassungsvermögen zog er die Aufmerksamkeit seines Lehrers auf sich, und dieser veranlaßte den Vater, seinen Sohn die Fürstenschule (Gymnasium) besuchen zu lassen, wozu ihm finanzielle Unterstützung seitens einiger Freunde gewährt wurde. Der Jüng­ling beschämte das in ihn gesetzte Vertrauen nicht, denn bereits im Jahre 1775 konnte er mit ehrenvollem Abgangszeugnis die Schule verlassen, um, dem Drange seines Herzens folgend, das Studium der Medizin zu beginnen. Sein Vater konnte ihm bloß 20 Taler als Reise- und Kostgeld mitgeben; dies war alles, was der junge Mann beim Anfang seiner Laufbahn besaß ohne Aussicht auf irgend welche weitere Unterstützung. Während seiner Studienzeit, die er in Leipzig, Wien und Erlangen verbrachte, hatte er daher mit vielen Entbehrungen zu kämpfen und mußte sich seinen Unterhalt erwerben, indem er in seiner freien Zeit Privatstunden gab. Hierbei kamen ihm seine gründlichen Kenntnisse der englischen, französischen, italienischen, griechischen, lateinischen und arabischen Sprache gut zustatten.

Im Jahre 1779 wurde Hahnemann von der Universität zu Erlangen nach abgelegter Prüfung zum Doctor medicinae promoviert. Bald darauf ver­heiratete er sich mit der Stieftochter des Apothekers Häseler in Dessau, wo er sich auch zur Ausübung der Praxis niederließ. Dieser Ehe, welche im Jahre 1830 durch den Tod der Gattin gelöst wurde, entsprossen 9 Töchter und 2 Söhne. Da Hahnemann von den Resultaten der damaligen Medizin durchaus unbefriedigt war und die Gefahren der übertriebenen Aderlaß- und Abführmethode erkannte, gab er als ehrlicher Mann seine Praxis alsbald auf und fing an, sich mit chemischen Untersuchungen zu beschäftigen, während er das tägliche Brot für die Seinen notdürftig mit dem Übersetzen von Werken über Chemie verdiente. Daß dieser entscheidende Schritt, den wir nicht hoch genug an ihm schätzen können, da er uns einen Blick in seinen edlen, uneigennützigen Charakter tun läßt, ihn in große Schwierigkeiten brachte, ist aus einem Briefe einer seiner Töchter ersichtlich, woraus wir erfahren, daß er in jener Zeit große Not litt, als das geringe Vermögen, welches er sich erworben hatte, bis auf den letzten Heller aufgebraucht war, sodaß er Schmucksachen und Tafelgerät, ja sogar Leinwand und Kleider verkaufen mußte, um seine Familie vor Hunger zu schützen.

In jene Zeit des Mißgeschicks fällt seine Entdeckung des löslichen Queck­silbersalzes: Mercurius solubilis, welches bis heute noch im deutschen Arznei­buch seinen Namen trägt. Zugleich unternahm er in dieser Zeit die im vorigen Abschnitt erwähnten Versuche und Untersuchungen mit der Chinarinde und andern Arzneimitteln, welche den Ausgangspunkt für die homöopathische Heilweise bildeten. Im Jahre 1796 veröffentlichte er in Hufelands "Journal der praktischen Heilkunde" seinen "Versuch über ein neues Prinzip zur Auf­findung der Heilkräfte in Arzneisubstanzen." In diesem berühmt gewordenen Artikel beschreibt er seine Methode der Untersuchung der Arzneimittel auf den gesunden menschlichen Körper und stellt als Regel für die Heilung von Krankheiten das Prinzip: "Similia Similibus Curentur" auf. Dieses Jahr ist also das eigentliche Geburtsjahr der Homöopathie. (Das Wort stammt aus dern Griechischen: homoios (ähnlich) und pathos (Leiden.)2) In einem sehr lesenswerten Buche: "Äskulap auf der Wage" brachte er alle Nachteile der traditionellen Medizin zur Sprache, während er die Grundsätze, Anwendung und Resultate der homöopathischen Heilweise in seinem, in 1810 erschienenen, berühmten Werke "Organon der Heilkunst" darlegte.

Inzwischen hatte er, ermutigt durch die Heilungen, welche er nach seiner neuen Methode erzielte, die ärztliche Praxis wieder aufgenommen, praktizierte in verschiedenen Orten, kam vielfach in Konflikt mit seinen Kollegen von der alten Schule und siedelte im Jahre 1812 nach Leipzig über, wo er einen Lehrstuhl für seine Heilweise errichten wollte, um seinen Ideen bei der jüngeren ärztlichen Generation Eingang zu verschaffen. Man stellte ihm für die Ausübung seiner Lehrtätigkeit zur Bedingung, daß er eine These aufstellen und dieselbe vor der medizinischen Fakultät öffentlich verteidigen solle. Dieses tat er und setzte seine gelehrten Zuhörer durch seine vielumfassenden Kenntnisse und völlige Beherrschung des Gegenstandes derart in Erstaunen, daß die Fakultät ihn öffentlich beglückwünschte und ihm die Freiheit zu dozieren verlieh.

Die Studenten besuchten seine Vorlesungen eifrig, jedoch mehr um sich zu amüsieren und ihn zu verspotten, als um zu lernen.

Wenn Hahnemann den Hörsaal betrat, ging er mit dem ihm eigenen, gemessenen Gang nach dem Katheder, setzte sich auf seinen Stuhl, legte seine Uhr vor sich hin auf das Pult, öffnete sein Buch, las das Kapitel vor, welches er erklären wollte und fing dann seinen Vortrag an. Wenn er in seiner eigentümlichen Art auf die Mißbräuche und den Schlendrian der zeitgenössischen Medizin zu sprechen kam, geriet er stets in Feuer, sein Antlitz rötete sich und seine Augen funkelten vor Empörung. Dabei ließ er sich nicht im mindesten durch das Gelächter oder Zischen seiner Zuhörer stören, sondern wartete ruhig, bis sie ausgetobt hatten und setzte dann seine Rede fort. Er hielt hier während elf Jahren zweimal wöchentlich eine Vorlesung. Durch seinen unermüdlichen Eifer, seine gründlichen Kenntnisse und seinen Scharfsinn wußte er schließlich doch eine nicht geringe Anzahl Studenten an sich zu fesseln, welche mit ihm eine Reihe Versuche mit Arzneimitteln an sich selbst unternahmen, und deren Namen in der homöopathischen Arznei­mittellehre verewigt sind.

So gewann seine Lehre trotz aller Anfeindung doch zahlreiche Anhänger unter den Ärzten jener Zeit; in Leipzig wurde ein homöopathisches Kranken­haus errichtet; Hahnemanns Praxis dehnte sich immer mehr aus; sein Name wurde in weiten Kreisen bekannt, sodaß er auch die Aufmerksamkeit des Herzogs von Anhalt auf sich zog, welcher ihn einlud sein Leibarzt zu werden und nach seiner Residenz Köthen überzusiedeln, welcher Aufforderung Hahnemann im Jahre 1821 denn auch nachkam. Hier in Köthen stand er auf der Höhe seines Ruhmes. Ununterbrochen arbeitete er an dem Ausbau seiner Heilmethode und wurde von zahllosen Kranken von nah und fern aufgesucht. Hier schrieb er sein großes Werk über die "Chronischen Krank­heiten". Von hier aus entstand aber auch eine Trennung zwischen ihm und verschiedenen seiner Anhänger, welche nicht einverstanden waren mit der ausschließlichen Benutzung der Hochpotenzen, welche Hahnemann in diesem Lebensabschnitt mit der Hartnäckigkeit eines Greises verteidigte, während er sich früher hauptsächlich der niederen Verdünnungen bedient hatte.

Im Jahre 1835 ging der beinahe 80-jährige Gelehrte eine neue Ehe ein und zwar mit einer Französin, Fräulein Mélanie d'Hervilly-Gohier, und siedelte bald darauf nach Paris über. Hier wurde der alte Hahnemann wieder jung, nahm teil am großstädtischen Leben und kam in den wenigen Jahren, welche ihm noch übrig blieben, zu einem früher ungeahnten Wohlstande. Von allen Seiten strömten ihm die vornehmen und reichen Patienten zu. Acht Jahre lebte er, wie er sebst bezeugte, in durchaus glücklicher Ehe; seine Frau, welche ihm bis an sein Lebensende treu ergeben war, stand ihm in jeder Hinsicht helfend zur Seite; und als sein Tod, den er vorhergesagt hatte, am 2ten Juli 1843 eintrat, war sie so verwirrt, dass sie sogar vergaß, seinen Tod den Freunden und näheren Bekannten anzuzeigen, weshalb nur wenige der sterblichen Hülle des bedeutenden Mannes das letzte Geleit geben konnten.

Der bekannte Homöopath Jahr schrieb 2 Tage nach Hahnemanns Tod folgendes über dessen letzte Augenblicke: "Ja, lieben Freunde, unser ehrwürdiger alter Vater Hahnemann hat seinen Lauf vollendet! Er starb an Lungenlähmung. Gleich im Anfang seiner Krankheit hat er seiner Umgebung gesagt, daß diese seine letzte sein werde, indem seine Hülle verbraucht sei. Bis zuletzt zeugten seine Worte von der fortwährenden Klarheit seines Geistes und der Ruhe, mit der er sein Ende herannahen sah. Auf eine Klage seiner Frau, welche meinte, daß die Vorsehung ihm eigentlich einen Erlaß aller Leiden schuldig wäre, weil er so viel Leid bei anderen gelindert habe, antwortete er: "Mir? warum denn mir? Jeder auf dieser Welt wirkt nach den Gaben und Kräften, die Gott ihm geschenkt hat und kann von einem mehr oder weniger nur vor dem Richterstuhl der Menschen, nicht aber bei Gott die Rede sein: die Vorsehung ist mir nichts, ich aber bin ihr viel, ja alles schuldig." Der Verlust unseres großen Meisters wird hier von allen seinen Schülern ohne Unterschied ihrer Privatmeinungen gleich tief und stark empfunden."

Die Freunde und Schüler Hahnemanns vergassen ihre Uneinigkeit und die Schwachheiten, welche ihrem Lehrer, wie jedem Sterblichen, angeklebt hatten; sie vereinigten sich in der Erinnerung an die Lichtseiten seines Charakters und die Größe seines genialen Geistes und ehrten ihn im Jahre 1851 durch die Errichtung eines Denkmals in Leipzig als den Begründer der Homöopathie.

Wer noch Zweifel hegt an der Bedeutung Hahnemanns und seiner Entdeckung, richte seine Blicke auf zwei wichtige Ereignisse, welche 50 Jahre später mit goldenen Buchstaben in die Annalen der Homöopathie ein­getragen wurden. Im Jahre 1900 wurde in der Hauptstadt Frankreichs unter offizieller Beteiligung der Behörden und der Direktion der Weltausstel­lung ein Internationaler Kongreß für Homöopathie abgehalten, bei welcher Gelegenheit auf dem berühmten Friedhofe Père-Lachaise ein Denkmal auf dem bis dahin vernachlässigten Grabe Hahnemanns errichtet wurde; und in demselben Jahre wurde in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika in Gegenwart des Präsidenten der Republik und der höchsten Würdenträger des Staates ein Denkmal zur Ehre des Begründers der Homöopathie enthüllt, welches alle bestehenden an Größe und Schönheit übertrifft. In seiner Eröffnungsansprache sagte der Finanzminister Griggs, daß dieses Denkmal, welches an einem der schönsten Punkte der Bundeshauptstadt mit Zustimmung der amerikanischen Regierung errichtet wurde, ein offenbarer Beweis dafür sei, "daß Hahnemann und seine Entdeckung nicht nur Deutschland, sondern der ganzen Welt angehören!"

 

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1) Dein Ruf ging aus in alle Welt,

Wie das Rauschen eines mächtigen Windes.

2) Eigentlich wäre das Wort Homöotherapie ein besserer Ausdruck für diese Behandlungsweise; aber der Name Homöopathie ist nun einmal von Hahnemann selbst eingeführt und hat im Laufe der Jahre Bürgerrecht erlangt, sodaß er jetzt als der Ausdruck für die Grundsätze derjenigen Heilweise gilt, welche die Krankheiten nach dem Simile- oder Ähnlichkeitsprinzip behandelt.



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II. Entdeckung der Homöopathie - IV. Ein wichtiger Brief Hahnemanns