Kartoffel. Solanum tuberosum

Kartoffel. Die so unschätzbaren Knollen des Solanum tuberosum Linn., welche alljährlich Tausende von Menschen vor dem schrecklichen Hungertode schützen (ich erinnere nur an Irland), sind auch als Haus- und Volksmittel sehr nützlich: äußerlich gerieben und roh, kalt aufgelegt gegen Verbrennung (s. Brandsalben); zur Beförderung der Eiterung ist der warme Kartoffelbrei besser, als der von Hafergrütze (s. Bähungen), und der tägliche Genuss von rohen geschabten Kartoffeln wird als Schutzmittel vor dem Scharbock auf Seereisen gepriesen (s. Birkensaft). Eine einfache Suppe von geriebenen Kartoffeln, Milch und Wasser, mit etwas Petersilie oder Körbel, so wie auch die gestampften Kartoffeln als Brei bekommen bei Durchfällen und Ruhr, auch Personen mit schwachem Magen besser, als viele andere Nahrungsmittel. — Hysterische, hypochondrische, an Flatulenz und habitueller Verstopfung des Leibes leidende Personen können zuweilen nur dann des Nachts gut schlafen, wenn sie den Magen des Abends gehörig mit Pellkartoffeln und gesalzenem Hering, oder mit Kartoffeln, Hering und Zwiebeln, Essig und Öl als Salat angefüllt und kurz vor dem Schlafengehen den sich einstellenden Durst mit einer hinreichenden Menge frischen, weichen und kalten Wassers gestillt haben. Man pflegt im gemeinen Leben zu sagen, dass man fester schläft mit vollem, als mit leerem Magen. Und dies ist auch wirklich der Fall, namentlich bei an Nervenverstimmung oft leidenden Personen, deren Krankheiten: Hypochondrie, Hysterie, wie alle chronischen Neurosen, den Übergang zu den psychischen Krankheiten mit weniger materieller Basis bilden. So habe ich öfters tiefsinnige, melancholische Personen beobachtet, welchen nichts mehr Vergnügen machte, als auf gefährlichen Plätzen: auf hohen Felsen, am Rande von Abgründen, hohen Gebäuden etc. zu verweilen, und wiederum Hysterische, welche — aus einer sonderbaren Grille könnte man sagen — das weiche Federbett verschmähten und auf dem harten Fussboden sich stundenlang in gekrümmter Seitenlage hinstreckten. Die Sache hat aber einen tiefern Grund, als dass wir sie damit abfertigen dürften, es sei eine Grille oder Idiosynkrasie. — Es ist nämlich bei jenen Kranken durch Nervenverstimmung, Sinnestäuschungen und anderen Abnormitäten der Psyche und des Nervensystems oft der Fall, dass sie sich körperlos wähnen und an der Existenz ihrer Selbst zweifeln. Um sich nun von der Existenz ihres körperlichen Daseins mehr zu überzeugen und sich dessen mehr zu vergewissern, bringen sie ihren Körper in festere Berührung mit harten und solchen Gegenständen der Außenwelt, welche ihre Aufmerksamkeit fesseln, völlig in Anspruch nehmen und so durch Ableitung die üble Nerven- und Gemütsstimmung verbannen. So wie der Freund dem Freunde, der Geliebte der Geliebten nicht durchs Wort allein genügt, so wie es auch des Händedrucks, des Kusses, der heißesten Umarmung bedarf, um recht innig zu lieben und unser eigenes Dasein, indem wir in einem anderen Gegenstande leben, inniger zu empfinden und wahrhaft zu genießen, — eben so und auf ähnliche Weise lässt sich auch das vorhin Gesagte deuten. Wird durch Nahrungsmittel der Nervus vagus beschäftigt, so kann er während der Zeit nicht jene unangenehmen Gefühle in der Brust und in der Magengegend erregen, woran so oft Hysterische, Hypochonder und Melancholiker leiden, welche daher instinktmäßig häufig des Tages essen und einen krankhaft erhöhten Appetit haben. Der tägliche Genuss von einer großen Schüssel voll ganzer, gut gekochter Kartoffeln wird noch als ein neues, wirksames Mittel gegen Bauchwassersucht gelobt. Nicht allein ein Doktor von Hellfeld, sondern auch ein Landmann heilten sich dadurch gründlich, und ein anderer Kranke, bei welchem die Kainkawurzel wirkungslos blieb, besserte sich darnach bedeutend (s. Burdach in Hufeland's Journ. 1843. Apr. S. 86).


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