Spanische Atriden

 

 

Dorten standen Henkersknechte,

Dorten stand der rote Meister,

Der, gestützt auf seinem Richtbeil,

Mit schwermüt'ger Miene sprach:

 

'Jetzt, Großmeister von San Jago,

Müßt Ihr Euch zum Tod bereiten,

Eine Viertelstunde sei

Euch bewilligt zum Gebete.'

 

Don Fredrego kniete nieder,

Betete mit frommer Ruhe,

Sprach sodann: 'Ich hab vollendet',

Und empfing den Todesstreich.

 

In demselben Augenblicke,

Als der Kopf zu Boden rollte,

Sprang drauf zu der treue Allan,

Welcher unbemerkt gefolgt war.

 

Er erfaßte, mit den Zähnen,

Bei dem Lockenhaar das Haupt,

Und mit dieser teuern Beute

Schoß er zauberschnell von dannen.

 

Jammer und Geschrei erscholl

Überall auf seinem Wege,

Durch die Gänge und Gemächer,

Treppen auf und Treppen ab.

 

Seit dem Gastmahl des Belsazar

Gab es keine Tischgesellschaft,

Welche so verstöret aussah

Wie die unsre in dem Saale,

 

Als das Ungetüm hereinsprang

Mit dem Haupte Don Fredregos,

Das er mit den Zähnen schleppte

An den träufend blut'gen Haaren.

 

Auf den leer gebliebnen Stuhl,

Welcher seinem Herrn bestimmt war;

Sprang der Hund und, wie ein Kläger,

Hielt er uns das Haupt entgegen.

 

Ach, es war das wohlbekannte

Heldenantlitz, aber blässer,

Aber ernster, durch den Tod,

Und umringelt gar entsetzlich

 

Von der Fülle schwarzer Locken,

Die sich bäumten wie der wilde

Schlangenkopfputz der Meduse,

Auch wie dieser schreckversteinernd.

 

Ja, wir waren wie versteinert,

Sahn uns an mit starrer Miene,

Und gelähmt war jede Zunge

Von der Angst und Etikette.

 

Nur Maria de Padilla

Brach das allgemeine Schweigen;

Händeringend, laut aufschluchzend,

Jammerte sie ahndungsvoll:

 

'Heißen wird es jetzt, ich hätte

Angestiftet solche Mordtat,

Und der Groll trifft meine Kinder,

Meine schuldlos armen Kinder!'«

 

Don Diego unterbrach hier

Seine Rede, denn wir sahen,

Daß die Tafel aufgehoben

Und der Hof den Saal verlassen.

 

Höfisch fein von Sitten, gab

Mir der Ritter das Geleite,

Und wir wandelten selbander

Durch das alte Gotenschloß.

 

In dem Kreuzgang, welcher leitet

Nach des Königs Hundeställen,

Die durch Knurren und Gekläffe

Schon von fernher sich verkünd'gen,

 

Dorten sah ich, in der Wand

Eingemauert und nach außen

Fest mit Eisenwerk vergattert,

Eine Zelle wie ein Käfig.

 

Menschliche Gestalten zwo

Saßen drin, zwei junge Knaben;

Angefesselt bei den Beinen,

Hockten sie auf fauler Streu.

 

Kaum zwölfjährig schien der eine,

Wenig älter war der andre;

Die Gesichter schön und edel,

Aber fahl und welk von Siechtum.

 

Waren ganz zerlumpt, fast nackend,

Und die magern Leibchen trugen

Wunde Spuren der Mißhandlung;

Beide schüttelte das Fieber.

 

Aus der Tiefe ihres Elends

Schauten sie zu mir empor,

Wie mit weißen Geisteraugen,

Daß ich schier darob erschrocken.

 

»Wer sind diese Jammerbilder?«

Rief ich aus, indem ich hastig

Don Diegos Hand ergriff,

Die gezittert, wie ich fühlte.

 

Don Diego schien verlegen,

Sah sich um, ob niemand lausche,

Seufzte tief und sprach am Ende,

Heitern Weltmannston erkünstelnd:

 

»Dieses sind zwei Königskinder,

Früh verwaiset, König Pedro

Hieß der Vater, und die Mutter

War Maria de Padilla.

 

Nach der großen Schlacht bei Narvas,

Wo Henrico Transtamare

Seinen Bruder, König Pedro,

Von der großen Last der Krone

 

Und zugleich von jener größern

Last, die Leben heißt, befreite:

Da traf auch die Bruderskinder

Don Henricos Siegergroßmut.

 

Hat sich ihrer angenommen,

Wie es einem Oheim ziemet,

Und im eignen Schlosse gab er

Ihnen freie Kost und Wohnung.

 

Enge freilich ist das Stübchen,

Das er ihnen angewiesen,

Doch im Sommer ist es kühlig,

Und nicht gar zu kalt im Winter.

 

Ihre Speis' ist Roggenbrot,

Das so schmackhaft ist, als hätt es

Göttin Ceres selbst gebacken

Für ihr liebes Proserpinchen.

 

Manchmal schickt er ihnen auch

Eine Kumpe mit Garbanzos,

Und die Jungen merken dann,

Daß es Sonntag ist in Spanien.

 

Doch nicht immer ist es Sonntag,

Und nicht immer gibt's Garbanzos,

Und der Oberkoppelmeister

Regaliert sie mit der Peitsche.

 

Denn der Oberkoppelmeister,

Der die Ställe mit der Meute

Sowie auch den Neffenkäfig

Unter seiner Aufsicht hat,

 

Ist der unglücksel'ge Gatte

Jener sauren Zitronella

Mit der weißen Tellerkrause,

Die wir heut bei Tisch bewundert,

 

Und sie keift so frech, daß oft

Ihr Gemahl zur Peitsche greift -

Und hierher eilt und die Hunde

Und die armen Knaben züchtigt.

 

Doch der König hat mißbilligt

Solch Verfahren und befahl,

Daß man künftig seine Neffen

Nicht behandle wie die Hunde.

 

Keiner fremden Mietlingsfaust

Wird er ferner anvertrauen

Ihre Zucht, die er hinfüro

Eigenhändig leiten will.«

 

Don Diego stockte plötzlich,

Denn der Seneschall des Schlosses

Kam zu uns und frug uns

Höflich: ob wir wohlgespeist? --

 

 


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