Ventura Garcia Calderon: La vengeance du Condor.
Paris: Sans-Pareil 1925.


Wie beglückend können nicht Namen in Büchern für Lesende sein. Davon ahnen gewöhnlich die Kritiker nichts, weil sie vergessen haben, wie sie als Jungen im Lederstrumpf oder Karl May an den Namen sich festsogen, weil sie nicht wissen, daß für das lesende Dienstmädchen der Name des Helden der halbe Roman ist und weil sie keine Zeit haben, in Reisebeschreibungen dem Rausch der fremden Wörter für Städte, Menschen und Tiere sich hinzugeben. Es ist auch selten, daß dem Erwachsenen Bücher in die Hand fallen, die durchsichtig und schlicht genug erzählt sind, um den exotischen Namen ihren Zauber zu lassen. Wer ihn kennenlernen will (und lesen wie er nur als Junge gelesen hat), der greife (denn hier tut's nur der altmodische Konjunktiv) zu dem peruanischen Geschichtenbuch »La vengeance du Condor«. Da steht unter den zwanzig Erzählungen kaum eine, die länger wäre als zehn Seiten, und die meisten haben nur fünf oder sechs. Gerade Raum genug, um Pferd und Reiter mitten im breiten epischen Zug von Gebirg oder Ebene ein paar Sätze machen zu lassen, die an Schönheit und Vollkommenheit alle novellistische Schulreiterei schlagen: Sätze über Flußbetten oder Abgründe, begleitet vom Schrei der Indianer und erzählt in der nüchternsten Sprache des Bleichgesichts. Des unübertrefflichen Erzählers Ventura Garcia Calderon.


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