Roger Caillois, L'aridité. In: Mesures. Cahiers trimestriels.
15e avril 1938, No. 2. Paris: Librairie José Corti. S. 7-12


Der Aufsatz von Caillois im Aprilheft von »Mesures« bestätigt, in wie hohem Maße die Vorbehalte, mit denen Adorno 1) die »Mante religieuse« versieht, berechtigt sind. Diese dialectique de la servitude volontaire beleuchtet, unheimlich, verschlungene Gedankengänge, in denen ein Rastignac herumlungert, der nicht mit dem Hause Nucingen, sondern mit der Clique autoritärer Propagandachefs zu rechnen hat. Die namhafte Begabung von C[aillois] hat in diesem Essai einen Gegenstand, an dem sie sich nicht mehr anders bekunden kann als in der Gestalt der Frechheit. Es ist abstoßend, wie die historisch bedingten Charakterzüge des heutigen Bourgeois durch ihre metaphysische Hypostasierung zu einer mit elegantem Griffel umrissenen Remarque am Rande des Zeitalters zusammentreten. Die gedrängten Striche dieses Dessins tragen alle Merkmale pathologischer Grausamkeit. Sie gibt nun einmal die unabdingbare Grundlage für die Erschließung des »höheren Sinnes« ab, der der Praxis des Monopolkapitals innewohnt, welches seine Mittel »lieber der Zerstörung verschreibt als sie dem Nutzen oder dem Glück zuzuwenden« (S. 9). Wenn C[aillois] sagt, »on travaille à la libération des êtres qu'on désire asservir et qu'on souhaite ne voir obéissants qu'envers soi« (S. 12), so hat er ganz einfach die faschistische Praxis gekennzeichnet. – Es ist traurig, einen schlammigen breiten Strom aus hochgelegenen Quellen gespeist zu sehen.

 

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1) vgl. dieses Heft, S. 410 [T. W. Adorno, Bespr. von Roger Caillois, La mante religieuse, Paris 1937, in: Zeitschrift für Sozialforschung 7 (1938), S. 410 f.


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