Paul Hankamer, Die Sprache, ihr Begriff und ihre Deutung im 16. und 17. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Frage der literarhistorischen Gliederung des Zeitraums. Bonn: Friedrich Cohen 1927. XVI, 207 S.


Es ist noch nicht lange her, daß die deutsche Literaturgeschichte dem XVII. Jahrhundert sich mit Elan und Freude an seiner Geistesart zuwandte. Historisch gesehen ist diese Neuorientierung eine Folge des Expressionismus, vor allem aber der sprachlichen Umwertungen gewesen, die von der Denkungsweise Georges ausgingen.

Gerade das wird auch in diesen jüngsten Forschungen deutlich. Paul Hankamer hat sie in einem Buche niedergelegt, dessen Erscheinen sehr zu begrüßen ist. Es war eine Notwendigkeit, an den »Schwulst« der barocken Dichter endlich mit der genauen Frage nach dem geheimen Wollen, den bedachten Überzeugungen, die sich in dieser Sprachform prägten, heranzu­treten. Das ist mit völliger wissenschaftlicher Zuverlässigkeit und einem Takt, wie Wissenschaft in sprachlichen Dingen ihn nicht immer aufbringt, geschehen.

Aber gerade weil dieses Buch, auf lange hinaus, maßgeblich seine Stelle in der Sprachgeschichte jenes Zeitraums ausfüllt, braucht man nicht zu verschweigen, wo es dennoch zu kritischem Bedenken Anlaß geben kann. Die Arbeit führt vorzüglich in die Quellen und in ihr tieferes Verständnis ein. Und doch kann man nicht sagen, daß sie – im höchsten Sinn gesprochen – sie erforsche. Sie setzt sich vielmehr, wie es in den meisten, auch besten literarhistorischen Büchern die Regel ist, am Ende des behandelten Zeitraums im Werke eines Mannes oder einer Schule – es ist in diesem Falle das des Jakob Böhme – einen Punkt, auf welchen zu die Fluchtlinien der Deutung laufen, statt perspektivisch in das Innerste der Zeit zu führen. In histori­schen, geistesgeschichtlichen Werken ist die Tendenz auf etwas, was »im Wesenskerne heute gültig und immer« ist, wenn es nicht aus geschichtlicher Deutung der Quellen erzeugt, sondern in ihrem Wortlaut ihnen entnommen wird, stets eine etwas arbiträre Halbheit. Wenn dieses ausgezeichnete Buch hin und wieder im Innern sich Widerstände erzeugt, so trägt daran die Schuld die Erscheinung von Böhme, welche ein wenig aus den historischen Schranken – die sind in diesem Falle aber das Gerüst der Deutung – ins vage Absolute hinausgreift. In ganz genau dem gleichen Sinne lassen sich Einwände gegen die kosmisch-naturphilosophische Bestimmung der barocken Sprachphilosophie, so wie sie beim Verfasser sich darstellt, erheben. In diesen fraglos notwendigen, im einzelnen oft treffenden Ausführungen ist eine unerläßliche Vorsicht verabsäumt worden. Der Begriff des Kosmischen und der der Natur scheint allzu sehr in einem modernen, in einem geläufigen Sinne verstanden. Es ist die sehr entscheidende gegenreformatorische, mit einem Wort: die eigentlich barocke Prägung im Naturbegriff des XVII. Jahrhunderts durchaus nicht zu ihrem Rechte gekommen. Barock wird die Sprachtheorie jener Zeit im Zeichen der Lehre von der »Natursprache« erst durch die völlig unverwechselbare Gestalt, die der Naturbegriff damals gewinnt. (Die »Säkularisierung« alles Zeitlichen im Raume ist ihr Schema.) Das »Unendliche«, vor allem das »All-Wirkliche« sind Ausdrücke, die im Zusammenhang dieses Jahrhunderts nicht angebracht sind. Der Einsicht, in der Sprachbewegung des Barock liege ein Element der Gegenreformation, kommt der Verfasser sehr nahe, spricht sie auch wohl gelegentlich aus. Aber eine erschöpfende Deutung der Quellen würde darin ihr Hauptinstrument sehen, würde erkennen, wie sich Wort und Schriftwort aus theologischer Isoliertheit lösen – der Isoliertheit, in der sie Luther verdeutschte – und wie sie sich als Schrift zu säkularisieren, sich emblematisch im Naturraum niederzuschlagen streben.

Seinen Abhandlungen über das Barock, dem seine eigentliche Liebe zu gelten scheint, hat der Verfasser einen großen Abschnitt über den Sprachbegriff im XVI. Jahrhundert vielleicht nur propädeutisch vorangeschickt. Und dennoch liegt möglicherweise in ihm das höchste wissenschaftliche Verdienst der Arbeit. Der spröden, undichterischen Materie, den Schriften Wyles, Eybs, Brants, Murners hat der Autor glänzende Analysen abgewonnen. Wo man vorher nur die sprachliche Silhouette der Zeit sah, entdeckt sein scharfes Auge auf dem dunklen Grunde Sprachbau und sprachliche Gewandungen in den zartesten Strichen.


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