Paul Binswanger, Die ästhetische Problematik Flauberts. Untersuchung zum Problem von Sprache und Stil in der Literatur. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann Verlag (1934). 183 S.


Unter den Romanciers des vergangenen Jahrhunderts hat keiner, wenn nicht durch sein Werk so durch seine Lehren, eingreifender auf seine Nachfolger gewirkt als Flaubert. Daß diese Wirkung eine apokryphe war, die selten eingeräumt, nie zur Debatte gestellt worden ist, macht die Darstellung jener Lehren nur wünschenswerter. Zu wünschen bleibt sie auch heute noch. Sie insbesondere – leider nicht sie allein – läßt Binswangers Studie zu wün­schen übrig. Denn – um es kurz zu sagen – der Verfasser, der nirgends die geschichtliche Bedingtheit Flauberts erkannt hat, war eben darum außer­stande, seine geschichtliche Tragweite zu erfassen. Nun mag es allenfalls für einen Ausleger der »Madame Bovary« oder »Salammbô« angehen, sie aus der geschichtlichen Bedingtheit, der sie in Flaubert entstammen, zu entrücken er wird dabei nicht viel ausrichten, aber auch nicht viel versehen können. Für einen Interpreten des Flaubertschen Denkens mußte die Sache sehr viel böser ausgehen. Abstand in dergleichen Untersuchungen ist ja nicht nur ein methodisches, sondern ein moralisches Erfordernis. Ihr Mangel macht sie nicht allein wissenschaftlich unergiebig; er entstellt sie. Denn nichts ist unerfreulicher als Impotenz, die sich den Schein der Kraft zu geben sucht. Binswanger, dem die wahre Kraft geschichtlicher Erkenntnis abgeht, gibt sich diesen Schein. Wie – das erraten wir. Denn sein Verfahren wurde je und je von denen praktiziert, die eines Gegenstandes der Geschichte sich ohne Abstand zu versichern suchten: sie modernisieren ihn. Binswanger modernisiert Flaubert; er glaubt, in seine Ästhetik neues Licht zu bringen, indem er sie in die Sprache der Existentialphilosophie überträgt. In Wahrheit setzt er ihr nur Lichter auf; flackernde und beirrende, die freilich noch hell genug sind, um die zahllosen Gebrechen des Sprachleibs, in den Flauberts Denken hier entstellt wird, aufdringlich zu machen. Möglich, daß es den regen aber primitiven philosophischen Interessen des Verfassers entspricht, mitten im neunzehnten Jahrhundert mit dem Schaffen Flauberts das düstere Zeitalter der Moderne anbrechen zu lassen. Das kann uns nicht dafür entschädigen, daß er nicht den Schatten eines Grundes für diese erstaunliche Chronologie anführt. Plötzlich, in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, ist die Naivität der früheren Zeiten verwichen. »In welcher Weise auch der Dichter, gleich dem Menschen jener noch eben nahen und nun plötzlich verwichenen Zeiten, an die Dinge des Lebens rühren ... mochte, er trat damit noch ungezwungen ein, fand aus sich heraus und wies hinüber in die werthafte Welt der Dinge, die in ihrem schauplatzmäßigen Vorhandensein, in ihren Vorfällen und Ereignissen, auch die gemeinschaftlich wirkliche, in ihrem Grund unwandelbare war, die irgend positiv oder negativ betont zur Wirklichkeit hinstand oder in Sage, Märchen, Fabel sie umspann.« An dieser sonderbaren Zeitenwende erhebt sich das Werk Flauberts, in dem wir es »mit einem epochalen künstlerischen Vorstoß in das Ganze des Lebens zu tun haben..., der, nur recht zur Anschauung gebracht, wohl geeignet ist, das gesamte literarische Schaffen des Jahrhunderts unter neuen hier anrührenden Gesichtspunkten erscheinen und sich rein in sich selbst abschatten zu lassen«. Diesen Vorstoß jedoch verdanken wir nach dem Verfasser einer Gabe, die er als selten darstellt, die es aber gewiß nicht halb so sehr ist wie die Gabe, sie zu entdecken, die dem Autor eignet. Kurz Flauberts Leistung beruht, nach Binswanger, auf einer »existentiellen Veranlagung«, welche es dem Dichter gestattet, die Welt – nein, keineswegs, vielmehr: »diese gegenständliche Welt, diese gemeinschaftliche Welt der Gegenstände, noch so wie sie als Wirklichkeit ist« – zu überschauen. Darin begründen sich schließlich, nach Binswanger, die Tendenzen von Flauberts Persönlichkeit, »die, in der Weise einer eigentümlich bewußten Erhobenheit zu einer großen Sache wie auch zugleich in einer unverkennbaren Versteifung im Obliegen und in der Vertretung dieser Sache« zu denken geben müssen. Freilich dürfte das Nachdenken über diese Probleme noch unfruchtbarer sein als das über den, der sie stellt, welches man getrost den Lesern seiner Schrift überlassen kann.


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