Louis Dimier, De l'esprit à la parole. Leur brouille et leur accord.
Paris: Editions Spes 1937. 248 S.


Der Leser, den dieses Buch auf den Gedanken brächte, der klassische Rationalismus der Franzosen habe im Felde einer Kritik der Sprache (wenn ein Meister sie übt) mehr Chancen als in dem der Historie und Philosophie, wäre nicht so schlecht beraten. Wenn er mit Dimier im Einklang bleiben will, so dürfte er freilich nicht ins Besondere gehen und etwa von einer erhöhten Eignung der französischen Sprache für eine rationalistische Behandlung re­den wollen. Für Dimier gibt es kein wesenhaftes Geprägtsein einer Sprache durch den Gedanken, so wenig wie ein wesenhaftes Geprägtsein des Gedan­kens durch eine Sprache. Diese Überzeugung gibt Dimiers Vernunftbegriff seine eigentümliche Schwungkraft mit. Es gehe nicht an, aus Grammatiken Kategorien zu schöpfen, die in irgendeinem Sinne solche der Logik wären. »Verständige Leute glauben immer noch, daß das Denken den Abdruck der Sprache trage, deren es sich bedient.« (S. 51 f.) Dimiers Meinung nach steht der Wahrheit nichts mehr entgegen als eine solche Betrachtungsweise. Um sie und die spekulativen Gedankengänge, zu denen sie beinahe unfehlbar führen muß, ein für allemal aus dem Weg zu räumen, hat er sich eine Sprach­theorie zurecht gezimmert, die ein wenig behelfsweise mag entstanden sein.

Die Vernunft hat, wie Dimier meint, nicht die Vollmacht, ihre Einheit den Sprachen zu proponieren (wie bei einem Böhme oder Hamann die Offenba­rung sie hat). Sie hat aber ihren Statthalter auf der Erde; ihre Einheit und ihre Notwendigkeit werden nach Fug und Recht vertreten; nur daß dieses Amt nicht »der Sprache« zufällt. Die Gebärde hat es, nach Dimier, inne. Und – sei sie lautlich oder gestisch – die Zeichensprache der Tiere gäbe den besten Begriff von ihr. Sie schwebt Dimier als eine Art Muttersprache der Kreatur vor. »Diese Sprache ist eine universale. Ohne allen Sprachunterricht verstehen die Tiere einander, und was wir uns von ihrer Sprache zu eigen machen, richtet sich an die ganze Menschheit. Aber diese Zeichen gelten nur der Leidenschaft und dem Bedürfnis. Sie sind daher nur den Tieren ganz angemessen.« (S. 35) Der Mensch muß, diese Entwicklungsstufe im Rücken lassend, jene Zeichen artikulieren lernen, um zum Gedanken und zur Reflexion durchzudringen. »Die Etappen und die Stufung dieser Artikulation sind nicht mehr von der Natur vorgezeichnet. Daraus folgt, daß hier eine Wahl stattfindet, deren Ergebnis verschiedenartig ausfallen kann; aus dieser Besonderung gehen die unterschiedlichen Charaktere der Sprachen hervor.« (S. 37)

Die Stärke des Buches liegt nicht in diesen Thesen. Sie haben ihr Inter­esse vor allem dadurch, daß sie einen Begriff von der Robustheit geben, mit der der Verfasser seinem Rationalismus Raum schafft, um ihn sodann höchst subtil zu handhaben. Die Lektüre des Buches ist erfrischend, und nirgends mehr, als wo man den Quellen dieses Rationalismus am nächsten ist. Nicht viele Schriften, die heute noch einen Abglanz von der Gelassenheit und der Souveränität bewahrt haben, deren eine rationalistische Geschichtstheorie fähig ist – sie mag so idealistisch sein, wie sie immer will. Dimiers Buch zählt zu diesen wenigen. Unter der Überschrift »Wie die Grammatik sich mit dem Rassenwahn zusammentut, um den Geist in Fesseln zu schlagen« gibt Dimier eine vergleichende Sprachgeschichte des Neugriechischen. Er schreibt zugleich die Geschichte des griechischen Freiheitskampfes, der Byron und die Romantiker inspirierte. Aber er tut es vom Standpunkte der Besiegten aus. Und für ihn sind das nicht sowohl die Türken als die Phanarioten – das heißt diejenigen griechischen Verwaltungsbeamten, Forscher und Schriftsteller, welche seit der Eroberung Konstantinopels die byzantinische Tradition und mit ihr die lebendige Sprache des Volkes gehütet hatten. Sie hatten den Befreiungskampf vorbereitet. Die Umstände, unter denen er ausbrach, gaben aber den Pallikaren – »Banditen und Polizeimannschaften« – die Führung. »Jede Vorstellung vom alten Griechenland war ihnen fremd. Nichtsdestowe­niger machten sie sehr viel Wesens von seiner wiedererwachten Tradi­tion.« (S. 219 f.) In der Wendung, die der griechische Freiheitskampf derart nahm, brachte sich vor dem betörten Europa der Wahn zur Geltung, der heute unwiderstehlich zu werden droht – der Wahn »daß die Völker ... als fertige Wesenheiten zur Welt kommen, daß ihr Prinzip des Daseins von Anfang an und vor aller Geschichte vorhanden sei und daß es seinen Sitz in den Massen habe... Den Historiker... macht eine solche Chimäre lachen;1) das Jahrhundert aber verfiel ihr und ist ihr bis heute hörig. Denn sie ent­spricht seinem besinnungslosen Drange nach dem ›Natürlichen‹, das angeb­lich durch alles folgerechte ... Reflektieren verdorben werde. Im Politischen kommt das schließlich darauf hinaus, die geschichtlich gewordenen Nationen so anzusehen als hätten sie den Platz derer usurpiert, die von Gnaden der Natur entstanden sind, und die Geschichte erscheint dergestalt als ein fortgesetztes Attentat der Politik gegen das Volkstum; wir aber hätten das wieder gutzumachen.« (S. 218/19) Die Griechen brachten mit der byzantinischen Tradition – nach Dimier ihrer wirklich lebendigen – damals dem Wahn ihre Sprache selbst zum Opfer. Die im Volke gesprochene verfiel dem Bann; sie wurde an allen Enden im Sinne Homers und Hesiods geschurigelt; sie verlor ihre Spannkraft und ihren Halt.

Wer dächte bei diesem Triumph des Purismus nicht an neuere Triumphe der Reaktion, bei denen die romantische Verklärung des Volkes mit der Verwüstung seiner Sprache Hand in Hand geht! Neben der Schärfe des Verstandes und der Lauterkeit des Gefühls hat Dimiers Buch die Aktualität für sich.

 

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1) Man findet einen Widerhall dieses Lachens in Betrachtungen, die Gabriel Audisio vor nicht langer Zeit in seinem »Sei de la mer« der Mittelmeerkultur widmete. Es heißt da: »Das Leben stellt uns sozusagen nichts ›Reines‹ dar – weder Menschenrassen noch Gattungen der Tierwelt, noch Edelmetalle.« »Kein euro­päisches Land weist mehr Blutmischung auf als Italien ... Ich denke an die Goten, an die Normannen, an die Araber; ich denke an die afrikanischen Juden, die sich in Neapel, Sizilien, Genua und Livorno niederließen ... Und ich sage, daß es für Italien ein Glücksfall war, so viele ›Metöken‹ assimiliert zu haben, wie es ein Glücksfall für Frankreich ist.« (Gabriel Audisio, Jeunesse de la Méditerrannée II. Sel de la mer, Paris 1936, S. 87 und S. 108.).


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