Julien Benda, Un régulier dans le siècle. Paris: Gallimard (1937). 254 S.


Gerät man auf Formulierungen, wie sie C[aillois] in dem Text von »Mesures« zum besten gibt: »Il faut ... rappeler que le royaume des cieux et de la connaissance n'appartient qu'aux violents, que les portes ne s'en ouvrent pas par un mot magique et qu'il est nécessaire de les forcer« (S. 10), so kann man sich nicht erwehren, mit Vergnügen an einen Appell von Benda zurückzudenken: »Clercs de toutes les nations ... allez au fond de vous-mêmes et vous reconnaîtrez que l'idée de création implique nécessairement l'idée de violence, de discontinuité, de chose imposée au monde par un acte arbitraire. Le dieu créateur qu'adore la Bible devait devenir nécessairement le dieu des armées... Vous ne ferez une terre de paix qu'en proclamant, avec les Grecs, que la sublime fonction des dieux n'est pas d'avoir créé le monde, mais, sans plus rien créer, d'y avoir porté de l'ordre, d'avoir fait un Cosmos.« (Benda, Discours à la Nation Européenne, Paris 1933.)

In dem soeben erschienenen Buch sucht B[enda] die vorbildlichen und die typischen Züge des clerc an seinem eigenen Leben zu statuieren. Exemplarisch erscheint ihm ein Konflikt, in den die oben berufenen griechischen Ideale des clerc mit den jüdischen treten. Während ihm die ersten die mönchische Lebensführung als Leitbild vor Augen stellen, nötigen ihn die andern, sich innerhalb des Säkulums für die Gerechtigkeit einzusetzen. Da in der Welt ohne Kompromisse nichts zu erreichen ist, so beeinträchtigt der Kampf für die moralischen Werte die präzise Formulierung der intellektuellen. – Hiernach ist es kaum nötig anzumerken, daß B[enda] von jeder dialektischen Konzeption weit entfernt ist. Die Freude an der Etablierung reinlicher Gegensätze kommt auf die kindlichste Art zu Geltung und entschädigt den Denker reichlich für alle Unstimmigkeiten, welche sie in sein Leben tragen. Es geht so beschaulich in diesem Leben zu, daß seine Darstellung fast unausweichlich einige Selbstgefälligkeit in sich schließt. Ihrerseits vermehrt die letztere seine Bereitschaft, die inneren Widersprüche seines Denkens in Kauf zu nehmen. In der Tat ist die Virtuosität seines Stils der Fadenscheinigkeit seines Denkens verpflichtet. Indem er beide an seinem Lebenslauf zur Schau stellt, hat das Buch, wie nicht oft eines, seinen Lohn und seine Strafe zugleich dahin.

Ziemlich spaßhaft ist zu verfolgen, wie die weitausgreifenden Veranstal­tungen zur Schärfung des intellektuellen und des moralischen Gewissens auf die Feststellung hinauslaufen, daß für den clerc ein Sonderfall existiere: ein Land, in dem er, ohne seinem Beruf allzu untreu zu werden, seine Nation akzeptieren kann. Es trifft sich, daß es die französische ist (S. 143). Will man sich vergewissern, wie das zu verstehen ist, so hat man nur eine Seite zurückzublättern, um zu erfahren, daß – sollte Frankreich eines Tages dem Faschismus verfallen – B[enda] niemals, wie es die Art der Emigranten ist, im Ausland, in das er sich alsdann begeben wolle, gegen die Regierung seines Landes wirken werde. Diese Behutsamkeit der eigenen Regierung gegenüber hat ihr Komplement in der etwas rauheren Behandlung des fremden Volkes. »Je tiens que, par sa morale, la collectivité allemande moderne est une des pestes du monde et si je n'avais qu'à presser un bouton pour l'exterminer tout entière, je le ferais sur-le-champ.« (S. 153.) Der Köhlerglaube an »peuples qui, en tant que peuples, sont avides d'expansion« (S. 170), geht bei B[enda] mit dem Anspruch auf mathematischen Rigorismus des Denkens Hand in Hand. Kurz, die Dialektik kommt ohne sein Zutun zu ihren Ehren, indem dieses ritterliche, ja donquichotteske Eintreten für die unbefleckten Prinzipien sich als der umständlichste Konformismus der Welt entpuppt. B[enda] lehnt es der herrschenden Klasse gegenüber ab, demagogische Aufgaben zu übernehmen; er zieht es vor, sich bei ihr um den Posten eines chef du protocole zu bewerben.

Dazu stimmt, daß der Verfasser, der angeblich an Personen gar kein Interesse nimmt – denn für ihn zählen nur Ideen! – sein Buch mit einer Fülle von Anekdoten ausstattet. Sie sind wertvoller als seine Gedankengänge und manchmal sehr aufschlußreich. Wenn er z.B. von dem culte de la blague bei Sorel spricht, so trifft er auf eine Ader, die man heute bei einem Adepten des Faschismus wie Céline ebenso deutlich zutage liegen sieht wie bei seinen Wortführern Rosenberg oder Goebbels. – Die Animosität gegen die Romantik, die Findigkeit, die ihren wirklichen, die Hypochondrie, die ihren vorgeblichen Einfluß aufspürt, verbindet B[enda] mit dem Baron Seillière.


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