Joseph Gregor, Die Schwestern von Prag und andere Novellen.
München: R. Piper u. Co. Verlag (1929). 244 S.


Joseph Gregor ist Theaterfachmann und hat als solcher eine Anzahl materialreicher Schriften über die Bühne erscheinen lassen, bei denen man über das auffallend schlechte Deutsch zur Tagesordnung übergehen konnte. Angesichts der vorliegenden Novellen ist das leider nicht möglich und auch der Theaterfachmann verrät sich in ihnen nur wie der Teufel am Pferdefuß. Sie sind nämlich ganz und gar im Kostüm und Dekor erstickt und in was für einem, davon macht der Leser sich einen Begriff, wenn er erfährt, wie in dieser preziösen und bis zum Schwachsinn feierlichen Prosa, in der das Wort »Schlafwagen« keinen Platz hat, ein solcher beschrieben wird: »Es war das Milieu der eleganten, konventionellen Vereinsamung, das, rasend durch die Nacht, keinem Weltmenschen fremd ist.« Das Wort »Knabenfreundschaft«, geschweige »Päderastie« darf in diesem Vokabular nicht vorkommen. Das wird, in sechster Besetzung sozusagen, folgendermaßen gegeben: »eine jener rätselhaften Freundschaften, der man im Zeitalter Platons Rosen wand und die man heute psychoanalysiert.« Nirgends wird man Orgien beschrieben finden wie hier, es sei denn in den Inseraten der Nachtlokale, denen aber die Wendung vom Nackttanz, der »die Sinne einer Millionenstadt zur Explosion brachte«, nicht entstammt, und die verglichen mit solcher Schilderung eines Spieltischs – »Gelbe Hände flatterten Verzweiflung über dem grünen Tuche, die Kugel surrte in der Rouletteschale« – stilistische Kunstwerke sind. Die Geschichten sind lang und nicht nur aus sprachlichen Gründen unlesbar. Schade, denn die Vereinigung mondäner und dämonischer Züge, die ihr Motiv ist, wäre genau, was die Nuttenköpfe auf dem Umschlag der Magazins ihren Lesern versprechen.


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