Hugo von Hofmannsthal, Briefe 1890-1901. Berlin: S. Fischer Verlag (1935). 352 S.


Die Auswahl der Briefe Hofmannsthals reicht bis zum Jahr 1901. Sie stellt ein Gegenstück zu der ebenfalls dem Nachlaß entnommenen Gedicht­sammlung dar, die vor derselben Jahresschwelle haltmacht. Die Briefe geben einen Einblick in das Verhältnis des Dichters zum Elternhaus; sie sind weiter ein Zeugnis seiner frühesten literarischen Relationen. Mehrere Briefe – darunter ein besonders schöner, der von H[ofmannsthal]s erster, so folgen­reicher Begegnung mit Otway erzählt, – haben Leopold von Andrian zum Adressaten. Mehrere sind dem Briefwechsel mit Schnitzler entnommen. Andere, von den interessantesten, hat Hermann Bahr empfangen, dem be­sonders wichtige Mitteilungen über H[ofmannsthal]s umfassende, aber seit jeher reservierte Beziehungen zu Frankreich gewidmet sind. 1900 tritt H[ofmannsthal] mit Rodin, Maeterlinck und Jules Renard in Verbindung, und gleichzeitig berichtet er Bahr über den Jugendstil, der damals in Paris herrschte. Weiterhin findet man in diesen Briefen Motive, die aus dem späteren Leben des Dichters bekannt sind, oft in besonders unverstellter Fassung. So kommt eine der Unterweisungen, welche der junge Mann aus vornehmem Hause bei Goethe fand oder zu finden glaubte, gelegentlich der Lektüre von »Dichtung und Wahrheit« in diesem Satze zum Ausdruck: »Es tut einem eben völlig genug, wenn man in großer Art darüber belehrt wird, daß gewisse Dinge eben nicht gut sind und einfach ignoriert werden müssen.« Die Lebensluft der österreichischen Aristokratie macht sich in diesen Blättern auch sonst geltend. Bald sind es Manöverberichte, die mit den Wendungen ihres kultiviertesten Nachfahren ein Bild von der Daseinsweise des Offiziers­korps geben, bald Briefe an hohe Gönner, deren diplomatische Abfassung eine Vorstellung davon gibt, wie sich die gesellschaftliche Elite des Landes um 1900 mit Kulturfragen auseinandersetzte. Besonders aufschlußreich sind die Briefe, die auf H[ofmannsthal]s Habilitationsabsichten Bezug haben. Lei­der sucht man in den spärlichen Anmerkungen, die dem Bande beigegeben sind, über diesen wie zahlreiche andere Sachverhalte vergebens Aufschluß. Eine Einleitung vermißt man gleichfalls, und selbst von der Nennung des Herausgebers ist abgesehen worden. Zu ihren Ungunsten sticht die Edition dieser wichtigen und schönen Briefe von den treuen und respektvollen Briefausgaben ab, an die uns das 19. Jahrhundert gewöhnt hatte.


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