Hermann Blackert, Der Aufbau der Kunstwirklichkeit bei Marcel Proust, aufgezeigt an der Einführung der Personen in »A la recherche du temps perdu«. Berlin: Junker und Dünnhaupt 1935. 134 S. (Neue deutsche Forschungen. 45; Abt. Romanische Philologie, Bd. 2.)


Blackerts Marburger Dissertation hat die modisch nächstliegende Auffas­sung ihres Gegenstandes – eine Zersetzung der Lebenserscheinung durch die ratio als Charakteristikum von Prousts Werk zu erweisen – mit Einsicht und Mut vermieden. Da sie andererseits aber den gesamten Komplex dieses Werks selbständig nicht zu bewegen vermochte, so erhält dessen positive Auslegung etwas Gewaltsames. Sie kommt bisweilen einer erbaulichen Betrachtung allzu nah. Sie ist mit umso größerem Vorbehalt aufzunehmen, als der Verf[asser] seine auf den Kern von Prousts Schaffen gerichteten Fragen ausschließlich auf Grund formaler Analysen glaubt beantworten zu können. Dazu führt ihn ein schemenhafter Begriff vom Kunstwerk, das durch die Be­zeichnung »Kunstwirklichkeit« nicht greifbarer wird. In der Tat ist ein Haupt­zug dieser »Kunstwirklichkeit« das Vermögen, »sich gegen jede wirkende Wirklichkeit abzusperren«. Der Autor hängt gänzlich von den ästhetischen Theorien des deutschen Idealismus ab. Ihn »interessiert nicht, was Proust gesehen und dargestellt hat, sondern wie er es dargestellt hat«. – Das formale Gesetz von Prousts Werk erblickt der Verf[asser] in einer dem Roman bisher unbekannten Bestimmung seines gesamten Blickfeldes durch das schreibende und zudem unter der Arbeit in Entwicklung befindliche Ich. Man wird ihm nicht zugeben können, daß die damit eröffneten Einsichten wesentlich über die von Curtius in seiner Darstellung des Proustschen Perspektivismus gegebenen hinausgehen; B[lackert]s Verdienst liegt allenfalls in einer stärkeren Betonung des zeitlichen Elements. Wenn er sich im übrigen gegen jede psychologische Interpretation jenes Ichs verwahrt, so scheint er nicht abgeneigt, ihm eine existentielle angedeihen zu lassen. In ihr sucht er den aufbauenden, gleich weit vom Intellektualismus wie vom Impressionismus entfernten Charakter des Werks von Proust. Es »ist Form gewordene neue Wirklichkeitsexistenz ..., eine Weltanschauung jeder menschlichen Existenz überhaupt«. Wenn schließlich in solchen Gedankengängen das Werk in die Nachbarschaft der Action Française gerückt wird, so muß man sich fragen, ob dieser Versuch, die tiefste Schicht in Proust aufzuweisen, geglückt ist.


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