Henry Poulaille, L'enfantement de la paix. Roman.
Paris: Bernard Grasset 1926. 266 S.


Henry Poulaille hat sein letztes Buch Heinrich Mann gewidmet. Er bestätigt so das Gefühl der tiefen Verwandtschaft beider Autoren, das sich dem Leser sehr bald ergibt. Es handelt sich um mehr als um die stofflichen Analogien ihrer Werke. Immerhin besagen aber bei diesen Autoren die stofflichen Ana­logien mehr als sonst. Beide gehören dem aktivistischen Typ an; beide sind Dichter, die in der Darstellung dem Gegenstand zum Maximum seiner Wirkung verhelfen. Da dieser Gegenstand das Proletariat ist, so ist die Wirkung dieser Bücher revolutionär. Poulaille setzt ein, wo Heinrich Manns Romanfolge, in de­ren Mitte der deutsche Bürger im Zeitalter des Wilhelminischen Imperialismus stand, aufhört: mit dem Kriege. Genauer gesagt, mit dessen Ende. Man wird sogar finden, daß dieser Roman sogleich im Eingang die Höhe seines ge­schichtlichen Gegenstandes erreicht. Es ist ein guter und echt epischer Ge­danke, den letzten Morgen des Weltkrieges zum Ausgang einer Erzählung zu machen. Sie stellt in ihrem weiteren Gange die ganze Bitterkeit des Friedens dar. Es braucht nicht der Kritik der diplomatischen Instrumente, an der die bürgerliche Presse sich nicht genug tun kann, um darzulegen, wie die Lügen­welt des Krieges im Frieden ihr Dasein weitergefristet hat: man kann auch ohne ökonomische Kritik der Inflation und des Wiederaufbaus am Schicksal von Proletariern das anschaulich machen. Poulaille hat in seiner Erzählung die niederschlagendste Rechenschaft von der Entrechtung und der Ohnmacht der »Heimgekehrten« gegeben. Umsonst versuchen sie, im Innern sich zu sammeln und die Fühlung, die die Front ihnen aufzwang, im Angesicht des Klassengegners zu behaupten. Mit der Strategie des Verrats und des Ver­gessens tritt die Gesellschaft ihnen entgegen und es ergibt sich, daß – für den Augenblick zumindest – sechs Jahre des imperialistischen Krieges sie nicht gestählt sondern erschlafft haben. Jeder verfällt seinem Einzelgeschick. Ohne dem Gang seines gradlinigen Berichts untreu zu werden, hat Poulaille es verstanden, diese Geschicke in ihrer gesellschaftlichen Struktur zu zeigen. Er läßt in ihr wie ein Triebwerk geöffnetes Innere schauen und man gewahrt die Funktion der einzelnen Teile: den Transmissionsriemen »Ehe«, der die sozialen, kollektiven Energien an tausend Kettchen und Rädchen des Alltags abgibt, das Zahnrad »Hunger«, das in die Fugen der »Angst« greift, den großen Heizkessel »Schande«, dessen Manometer niemals auf Explosion zeigt. Wann endlich dies Triebwerk in den Millionen von isolierten, einander entfremdeten Menschen zum Stehen wird gebracht werden können, darauf eröffnet sich hier freilich kein Ausblick, geschweige, daß irgend ein Schleich­weg, eine private Versöhnung gilt. Das Buch erzählt die Dinge wie sie sind. Während aber der Realismus der alten Schule sich daran genug tat und so, auf einem Umweg, auf ein l'art pour l'art (nur ein banales, schwächliches) hinauslief, hat Poulaille diese Dinge unter den Gesichtspunkt ihres wirkenden Ausdrucks gestellt, und seine große Erzählergabe ist ihnen nichts schuldig geblieben.


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