Henri-Irénée Marrou, Saint Augustin et la fin de la culture antique.
Paris: E. de Boccard 1938. XV, 620 S.


Marrou beschäftigt sich mit der Technik der geistigen Arbeit in der Zeit der lateinischen Dekadenz. Es zeigt sich, daß der Gegenstand fruchtbar werden kann. Die Schulpraxis des vierten und fünften nachchristlichen Jahrhunderts fordert gewiß Vorurteile heraus. Daß der Verfasser der Beziehung nachgeht, die zwischen ihr und dem Schaffen des heiligen Augustin bestanden hat, beweist, daß er ihnen entgangen ist. Er beschönigt darum die Dinge nicht. Er weist auf, daß der Begriff der Wissenschaft im empirischen Sinn verloren gegangen war; die ›Wissenschaft‹, die man vor Augen hatte, bestand aus Stäubchen von ›Wissenswertem‹. Die Natur fesselte die Aufmerksamkeit nur durch ihre mirabilia; die Geschichte nur durch Begebenheiten, die sich in Reden als Illustration bewährt hatten. Niemand dachte an eine Einheit der Wissenschaft, geschweige an mögliche Fortschritte der letzteren. Die Kritik war auf dem Tiefpunkte angelangt: man wußte eine Antwort auf jede Frage. – In der Theorie sollte dem Unterricht der Zyklus der sieben freien Künste zu­grundeliegen. In Wahrheit kamen bereits im vierten Jahrhundert die Gram­matik und die Rhetorik allein zur Geltung. Marrou gibt eine genaue Darstel­lung der Unterweisung in diesen Fächern. Er spricht von den Lesestunden, die darum von besonderer Bedeutung waren, weil das Manuskript keine Interpunktion aufwies. Er zeigt, daß der rhetorische Unterricht einen Teil seiner Substanz aus den Abweichungen der verschiedenen Manuskripte untereinander bezog, wie die Schüler sie sich hatten beschaffen können. Er läßt erkennen, daß die Kritik an den Texten eklektisch gehandhabt wurde und die Vorstellung von einer ›authentischen Überlieferung‹ unbekannt war.

Zu den fesselndsten Teilen des Werkes gehört das Kapitel »Die Bibel und die Literaten der Dekadenz«. Die Technik der allegorischen Auslegung, in der Augustin für die Bibel Meister gewesen ist, war gleichzeitig für das profane Schrifttum, z. B. den Vergil, gebräuchlich. Sie hat aber an der Bibel einen spezifischen Gegenstand, weil das, was in den heiligen Schriften berichtet wird, nicht allein als im allegorischen Sinne bedeutsam, sondern auch als im buchstäblichen zutreffend betrachtet wurde. Bedenkt man, daß auf der andern Seite jedwede Bibelstelle das Anrecht auf allegorische Auslegungen mit sich führte, so war von da nur ein Schritt zu der Annahme, daß Gott gewisse biblische Begebenheiten allein um ihrer allegorischen Bedeutung willen veranstaltet habe. Diesen Schritt hat Augustin zurückgelegt. Und noch bemerkenswerter ist, daß die biblischen loci bei Augustin (wie die überdeterminierten Elemente des Traums bei Freud) einer zwei-, drei- und mehrfachen Auslegung fähig sind. Sie können aber stets nur das strikte Dogma, kein abgesondertes Mysterium beinhalten. Marrou gibt von dieser eigentümlichen sakralen Philologie eine sehr gute Vorstellung. – Der Leser könnte sich die Frage stellen, ob diese Rezeption der Texte eine Verwandt­schaft mit der gleichzeitigen Rezeption von Werken bildender Kunst erkennen läßt. Auf Riegl, der diese letztere so meisterhaft in der »Spätrömischen Kunstindustrie« analysiert hat, nimmt Marrou im Vorbeigehen wohl Bezug. Aber den Hinweisen auf die augustinische Ästhetik, die bei Riegl zu finden sind, geht er nicht nach. Die besondere Struktur der literarischen Rezeption auf einen »psychischen Atomismus« zurückzuführen, wie der Verfasser es unternimmt, hat vermutlich ebenso wenig Wert wie jede ähnliche, historisch unvermittelte – d.h. rein psychologische – Auswertung. Läßt Marrou die Korrespondenz außer acht, die zwischen der literarischen und künstlerischen Rezeption der Epoche bestehen könnte, so finden sich unter seinen exakten Feststellungen über den Schulbetrieb solche, die Interesse für das Verständ­nis damaliger Kunst haben könnten. So z.B. die folgende Charakteristik der Privatlektüre: »Ein Zeitgenosse des heiligen Augustin versetzte sich im Geiste in einen Hörsaal und ging an das Buch, das er in Händen hielt, mit der Frage heran, was bei seiner lauten Verlesung aus ihm herausgeholt werden könne.«

Unbeschadet der analytischen Methode, in deren Schranken Marrous Arbeit sich hält: (die eine thèse ist), bleibt ihm der synthetische Kern seines Gegenstandes durchaus bewußt. Er hebt ihn heraus, wenn er am Schluß die Frage aufwirft, ob nicht die Dekadenz eine wesentliche, d. h. positive Bedingung der Herausbildung eines von Grund auf Neuen gewesen ist. Der Verfasser ist nicht weit entfernt davon, dem heiligen Augustin selbst eine solche Ansicht der Sache beizulegen. Augustin sei der erste Kirchenvater ge­wesen, dem der Niedergang der antiken Kultur als geschichtliches Phänomen gegenwärtig gewesen sei; der erste, der sich trotz aller technischen Abhän­gigkeit von dieser Kultur fremd in ihr gefühlt und sich von ihr desolidarisiert habe. Die Senkung ihres Niveaus sei von ihm planmäßig gefördert worden. »Wann immer Augustin sich über Bildungsprobleme vernehmen läßt, es sei über Fragen der Philosophie oder der geistlichen Erudition, geschieht das mit einer beunruhigenden Fülle stillschweigender Vorbehalte. Er bemüht sich, die Anforderungen an die Lernenden zurückzuschrauben und dem Übergang auf ein tieferes Niveau Rechnung zu tragen.« Seine Unterweisung schließt sich weniger an die der Rhetoren als an die elementare der Grammatiker an. – Marrous Werk ist von der Académie des Inscriptions et Belles Lettres preisgekrönt worden.


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