Guillaume Apollinaire, Le flâneur des deux rives.
Paris: Gallimard 1928. 116 S.


Zugegeben, daß diese Besprechung ein Vorwand ist. Da aber diese Rubrik es nur mit Neuerscheinungen halten will, so bleibt ihr nichts übrig, als vom »Flâneur des deux rives« zu sprechen, wenn sie es unternimmt, die Aufmerksamkeit nachhaltiger auf Guillaume Apollinaire zu lenken. Und doch besteht noch ein tieferes Recht von dieser Sammlung kurzer Plaudereien zu handeln. Apollinaire war Dichter, ja Mensch, à propos de tout et rien. Er hat sich mit so angespanntem Fühlen an den Augenblick verloren und doch, zugleich, so eigenwillig im Vergangenen sich behagt, daß er viel eher als irgendwelchen Dichtern oder Künstlern den großen anonymen Schöpfern der Pariser Mode vergleichbar ist. In der Tat, solange dieser Mann lebte, ist keine radikale, exzentrische Mode in Malerei oder Schrifttum erschienen, die er nicht geschaffen oder zumindest lanciert hat. Mit Marinetti gab er, in seinen Anfängen, die Losungen des Futurismus aus; dann propagierte er Dada; die neue Malerei von Picasso bis zu Max Ernst; zuletzt den Surrealismus, dem er in der Vorrede seines letzten Dramas »Les Mamelles de Tirésias« den Namen schenkte. Das Eigentümliche aber war, daß im Stil seines Schreibens und seines Daseins all diese Theorien und Parolen schon wie bereit lagen. Er holte sie aus seiner Existenz wie ein Zauberer aus dem Zylinderhut, was man gerade von ihm verlangt: Eierkuchen, Goldfische, Ballkleider, Taschenuhren. Er war der Bellachini der Literatur.

Um seine Dichterstimme rangen sein Lebtag ein Prophet und ein Charlatan. Namenlos und melancholisch der eine, frech und besessen der andere. Derselbe Mann, der vor den dumpfen Instinkten der Masse zittert, in seiner Dichter-Apokalypse sie die Poeten massakrieren sieht, spekulierte in pornographischen Schriften auf ihre Kauflust. Derselbe, dem das Leben im Schützengraben unter den Tausenden unbekannter Soldaten unvergeßliche Verse eingibt und dem der Feldpostbrief zur Stegreifdichtung wird, kann noch als Heimgekehrter sich von seiner Uniform nicht trennen und hat an seinen Epauletten einen neuen Lorbeer.

Aber dieser »côté galon«, der seine Freunde bei Apollinaire gekränkt hat, konnte die Bürger nicht mit ihm aussöhnen. Wenn etwas ihn noch zweideutiger erscheinen ließ als seine Schriften, war es sein Umgang. Als die Mona Lisa gestohlen wurde, fiel der Verdacht auf Apollinaire. So verfemt war er. So viel traute man ihm zu. Und mit Recht. Das Lächeln der Mona Lisa, das hätte nur er vor Tucholsky auffangen können und vielleicht zu schallendem Lachen gesteigert. Von dieser Fähigkeit, Kitsch, Klatsch und Kunst in einem und demselben Lebensraume, dem seines eigenen Daseins, zu organisieren, zeugt dieser Nachlaßband. Man muß ihn neben die »Anecdotiques« stellen, in der die Glossen gesammelt sind, die der Dichter längere Zeit regelmäßig im »Mercure de France« veröffentlicht hat. Dazu den »Apollinaire vivant« von Billy und den kleinen »Apollinaire« von Soupault. Die Gedichte aber, in denen die Essenz seiner Kunst am unvermischtesten ruht, wird man suchen, von einem zu hören, der sie noch von ihm selber vernommen hat. Wenn man nicht in Paris sich die Platte verschafft, in welche eines Tages Apollinaire zu seinem Stolze einige Verse hineinsprechen durfte. Da hatte sich ein Punkt seines großen Programms erfüllt: die Lyriker hätten heutzutage nicht Bücher zu hinterlassen, sondern Schallplatten.

Diese Gedichte sind für seine Generation entscheidend geworden. Das Zentrum ihrer Inspiration ist an Reinheit und Schärfe am besten mit dem Mallarmés vergleichbar. Doch ihm strikt gegensätzlich. Mallarmés Gedicht ist die »tour d'ivoire«, der elfenbeinerne Turm, so weiß und blendend, daß er kaum mehr sichtbar im schweigenden Äther badet. Und der Dichter ist zu einem Reflex in seinem höchsten Fenster geworden. Von Apollinaires Versen dagegen möchte man sagen, sie steigen aus einem geselligen Lärmen auf, enthalten Seelen von Gesprächen, baden ganz in jenem Alltag, an den sich der Dichter verlor. Sie sind so unfeierlich, beschämen die Prosa. Man kann sie lesen wie ein leises Summen, das dem »Flâneur des deux rives« über die Lippen kommt, wenn er abends am Kai entlang schlendert.


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