Friedrich Heinrich Jacobi, Die Schriften. In Auswahl und mit einer Einleitung hrsg. von Leo Matthias. Berlin: Verlag »Die Schmiede« 1926. 227 S.


Von Weishaupt, dem Begründer des Illuminatenordens, hat Jacobi gele­gentlich einmal bemerkt, er sei für den Versuch viel zu gut, »aus dem Geist unserer Zeit, der ein Gespenst ist, ein lebendiges handelndes Wesen zu ma­chen. Aber selbst bei diesem Mißgriff hat er sich genommen wie ein Mann.« Jacobi hat dies Gespenst – den Zeitgeist der Aufklärung zu exorzieren versucht. Man kann nicht durchaus sagen, daß er sich als Mann dabei »genommen« hätte. Aber die Texte dieser Exorzismen bleiben denkwürdig. Jacobi hat Religion nicht aus orthodoxer Beschränktheit gepredigt. Früher als andere, mit Bewußtsein, hat er gesehen, was Religion der Ordnung des profanen Lebens bei den einzelnen wie bei den Völkern bedeutet. Er hat, wie das Matthias sehr gut darlegt, als erster eine menschliche und zugleich poli­tische Nötigung zu »glauben« gesehen, selbst dieser Nötigung nicht wahr­haft zu folgen vermocht und, mit einem antirationalistischen Puppentheater, gewissermaßen, die Disputationen Dostojewskischer und Kierkegaardscher Menschen vorbereitet. Sein bestes Wissen blieb stets ein »Wissen, daß nicht ...«, es ist kein Zufall, daß die Kritik des kantischen Kritizismus von allem, was er schrieb, am tiefsten gewirkt hat. Was er dagegen positiv zu sagen wußte, fiel in gefährlichem Sinne beschränkt und privat aus, ohne sich innerlich so durchzubilden, daß wie bei Hamann dem ursprünglichen Protest in der Fülle der sprachlich-stilistischen Variationen die besten Gedanken erst zufielen. Als Philosoph der Systemlosigkeit bleibt Hamann Jacobi, dem systematischen Streiter gegen Systeme, sehr überlegen. Hamann ist ebenso sehr männlich, satyrhaft, wie Jacobi weiblich und weibisch. Diese Weiblichkeit ist nicht ohne Sinn für das Schöne, im Tiefsten aber unsicher gewesen. Und eine Unsicherheit, die dem männlich ringenden Denker Ursprung von wahrem Pathos hätte werden müssen, wird in dem weiblichen Ingenium, das die aufgeklärte Despotie des Gefühls zu errichten strebt, etwas sehr Peinliches. Oder, wie Friedrich Schlegel in der Besprechung von Jacobis »Woldemar« zu dessen Vorsatz, »Menschheit, wie sie ist, erklärlich oder unerklärlich, aufs gewissenhafteste vor Augen zu legen«, bemerkte, im Gründe sei »hier unter ›Menschheit‹ nur die Ansicht eines Individuums von derselben verstanden ... und daß es also eigentlich heißen sollte: ›Friedrich-Heinrich-Jacobiheit, wie sie ist, erklärlich oder unerklärlich, aufs gewissenhafteste vor Augen zu legen‹«. Das ist mit dieser Auswahl vorbildlich geschehen und die meisten werden sie heute dem »Woldemar« vorziehen.


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