Elisabeth Itzerott, Bemerkungen zu Friedrich Hebbels Tagebuchaufzeichnungen im Lichte christlicher Weltanschauung. Berlin, Leipzig: B. Behrs Verlag/Friedrich Feddersen 1927. 3356 S.


Das Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar ist gewiß nicht schön. Was würde man aber sagen, wenn einer kommt und behauptet, es sei nur die nach außen getretene Gebärde, der verkörperte Geist des Goethe-Schillerschen Briefwechsels. Gewiß, der Mann übertreibt. Aber es ist viel Wahres in seinen Behauptungen. Und jedenfalls dies: daß nur selten das würdigste Standbild des Künstlers von ihm selber gemeißelt wird. Hat er es aber einmal unternommen, dann versteht die Nachwelt mit den verunglückten Statuen im Hain der Klassik so wenig Spaß wie mit der Siegesallee. Daher käme auch heute noch jemand, der sich unmißverständlich zum Goethe-Schillerschen Briefwechsel, zu Stifters Korrespondenz, zu den Hebbelschen Tagebüchern zu äußern gedächte, nicht glimpflich davon.

Dennoch sind bei dieser Gelegenheit einige Worte zu jenen Tagebüchern selbst, die hier die sonderbarste Exegetin gefunden haben, nicht zu umgehen. Es ist – und damit kommt man dem vorliegenden Werke schon näher – verständlich, daß gerade ein innig und unbekümmert vor sich hin denkender Mensch, wie die Verfasserin dieser »Bemerkungen« es ist, auf das Buch dieses gleich weit durch Leidenschaft wie durch Mangel an Disziplin von dem Denken der Schulen entfernten Mannes verfallen konnte. Weil aber dieses Denken kleinbürgerlich in seinem Kern war, so mußten gerade Leidenschaft und Tiefe es zu abstrusen, roh improvisierten, ja brutalen Gebilden führen. »Am Feierabend« steht mit großen Lettern über dem Hebbelschen Denken geschrieben. Nach Tages Müh' und Arbeit zieht es Hebbel, den Tagebuchverfasser, in eine Laubenkolonie des Denkens, wo Grübelei sich an spiraligen Sophismen ums Spalier rankt. Hemdsärmlig, polternd oder maulend, macht er sich ans Werk. Und niemals ist man den größten Gegenständen breitspuriger, unzarter nahegetreten.

Darum läßt es, so gern mans versuchte, sich schwerlich verkennen: Mit diesem Buche ist ihm bitteres Recht geschehen. Im »Lichte christlicher Weltanschauung« hat hier ein frommes, aber süffisantes Gemüt seine Glossen zu Hebbel gemacht. Ein Autor ohne alle Einsicht in die Theologie und ohne alle Kenntnis des christlichen Denkens, das historisch auf diesen Namen ein Recht hat, ganz an vagen Gemeinplätzen des erbaulichen Schrifttums und gegen einen schemenhaften Pantheismus ausgerichtet. Häßliche Bleistiftstriche, wie man in zerlesenen Bänden sie findet, haben sich hier unleidlich artikuliert. Und wenn es schon im Charakter der Hebbelschen Tagebücher begründet ist, Leser wie die Verfasserin anzuziehen, so bleibt denn doch der doppelt peinliche Eindruck, die große alte Form des religiösen Denkens, die Interpretation, so sinnlos gehandhabt und Hebbel einem so belanglosen und schulmeisterlichen Traktate verquickt zu sehen.


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