C(arl) G(ustav) Carus, Reisen und Briefe. Ausgewählt von Eckart von Sydow. 2 Tle. Leipzig: E. Haberland [1926]. 224 S., 285 S. (Das Wunderhorn. 33/34, 35/36.)


Wenn »das Grundprinzip der Klassik in der Vollendung und das der Romantik in der Unendlichkeit liegt, so darf man den Sachverhalt der Problematik von Carus' Leben bildlich so umreißen, daß man sagt, Carus habe in seiner Art beide vereinigt, indem er auf sein heimliches Grunderlebnis der romantischen Unendlichkeit den offenbaren Stempel der klassischen Vollendung drückte«. So der Herausgeber, der hiernach Carus als das unvergleichlichste Genie verehren müßte. Doch damit ist es, Gott sei Dank, ihm selbst nicht ernst und dieser Schlußapotheose geht eine maßvolle, verständige Würdigung vorher. Es kann freilich deren Sache nicht sein, das auszusprechen, was sich für den Leser dieser beiden Bände letzthin ergibt: wie schal und bitter noch jede »Nachfolge Goethes« geschmeckt hat, ob die einstige eines Eckermann oder Carus oder die gegenwärtige eines Hauptmann. Peinliche Nachbildungen Goetheschen Memorialstils sind diese Reiseberichte, so sehr, daß dort, wo inhaltliche Ähnlichkeiten hinzutreten – in den Notizen aus Italien 1828 – sie einen gewissen Kuriositätswert erhalten. Nichts ist melancholischer als jene überreife Klassik, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts langsam den Wohnsitz Goethes in die Residenz der Goethe-Gesellschaft überführte. Carus ist einer ihrer lautersten, autorisiertesten Vertreter, seine »Symbolik« Frucht eines edleren Epigonentums als etwa die Novellistik des späten Tieck. Zumal die »Briefe über Landschaftsmalerei« und die »Fragmente eines malerischen Tagebuchs«, von denen einiges in dieser Auswahl zu finden ist, sind auf wirklich schöne Weise sentimental und ein nie zu erreichender Text zu Caspar David Friedrich und Otto Runge. Darum ist diese ganze Produktion doch um nichts weniger historisch und eine Neuausgabe zumal der »Reisen« beschwört eine geistige Haltung herauf, von welcher Deutschland nichts mehr zu erwarten hat.


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