Die Verbrecher-Gesellschaft


Peachum ist seit der Dreigroschenoper gewachsen. Vor seinen unbetrüg­lichen Blicken liegen die Bedingungen seiner erfolgreichen wie die Fehler seiner mißglückten Spekulationen. Kein Schleier, nicht die mindeste Illusion verhüllt ihm die Gesetze der Ausbeutung. Damit beglaubigt sich dieser alt­modische, kleine weitabgewandte Mensch als ein höchst aktueller Denker. Er könnte sich ruhig mit Spengler messen, welcher gezeigt hat, wie unbrauch­bar die humanitären und philanthropischen Ideologien aus den Anfängen des Bürgertums für den heutigen Unternehmer geworden sind. Die Errungen­schaften der Technik kommen eben in erster Linie den herrschenden Klassen zugute. Das gilt von den fortgeschrittenen Denkformen so gut wie von den modernen Bewegungsformen. Die Herren im Dreigroschenroman haben zwar keine Autos, aber sie sind sämtlich dialektische Köpfe. Peachum zum Beispiel sagt sich, daß Strafen auf Morden stehen. »Aber auf dem Nichtmorden«, sagt er sich, »stehen auch Strafen und furchtbarere ... Ein Herunterkommen in die Slums, wie es mir mit meiner ganzen Familie drohte, ist nicht weniger als ein Inszuchthauskommen. Das sind Zuchthäuser auf Lebenszeit!«

Der Kriminalroman, der in seiner Frühzeit bei Dostojewski viel für die Psychologie geleistet hat, stellt sich auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung der Sozialkritik zur Verfügung. Wenn Brechts Buch die Gattung erschöpfender verwertet als Dostojewski, so kommt das unter anderem daher, daß darin – wie in der Wirklichkeit – der Verbrecher sein Auskommen in der Gesellschaft, die Gesellschaft – wie in der Wirklichkeit – ihren Anteil an seinem Raub hat. Dostojewski ging es um Psychologie; er brachte das Stück Verbrecher, das im Menschen steckt, zum Vorschein. Brecht geht es um Politik; er bringt das Stück Verbrechen, das im Geschäft steckt, zum Vorschein.

Bürgerliche Rechtsordnung und Verbrechen – das sind nach der Spielregel des Kriminalromans Gegensätze. Brechts Verfahren besteht darin, die hoch­entwickelte Technik des Kriminalromans beizubehalten, aber dessen Spiel­regel auszuschalten. Das Verhältnis zwischen bürgerlicher Rechtsordnung und Verbrechen wird in diesem Kriminalroman sachgemäß dargestellt. Das letztere erweist sich als ein Sonderfall der Ausbeutung, die von der ersteren sanktioniert wird. Gelegentlich ergeben sich zwischen beiden zwanglose Übergänge. Der nachdenkliche Peachum stellt fest, »wie die komplizierten Geschäfte oft in ganz einfache, seit urdenklichen Zeiten gebräuchliche Hand­lungsweisen übergehen!... Mit Verträgen und Regierungsstempeln fing es an und am Ende war Raubmord nötig! Wie sehr bin gerade ich gegen Mord!... Und wenn man bedenkt: daß wir nur Geschäfte miteinander gemacht haben!«

Es ist natürlich, daß in diesem Grenzfall des Kriminalromans der Detektiv nichts zu suchen hat. Die Rolle, die ihm der Spielregel nach als Sachwalter der gesetzlichen Ordnung zufällt, übernimmt hier die Konkurrenz. Was sich zwischen Macheath und Peachum abspielt, ist ein Kampf zweier Banden und ein gentlemen's agreement das happy end, das die Verteilung der Beute notariell festlegt.


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