Ein neues Gesicht


Der Soldat Fewkoombey, dem im Vorspiel in einem Verschlage Peachums »die Bleibe« angewiesen und dem im Nachspiel in einem Traum »das Pfund der Armen« offenbart wird, ist ein neues Gesicht. Oder vielmehr kaum eines sondern »durchsichtig und gesichtslos« wie die Millionen es sind, die Kaser­nen und Kellerwohnungen füllen. Hart am Rahmen ist er eine lebensgroße Figur, die ins Bild zeigt. Er zeigt auf die bürgerliche Verbrechergesellschaft im Mittelgrund. Er hat in dieser Gesellschaft das erste Wort, denn ohne ihn würde sie keine Profite machen; darum steht Fewkoombey im Vorspiel. Und er steht im Nachspiel, als Richter, weil sie sonst das letzte behalten würde. Zwischen beiden liegt die kurze Frist eines halben Jahrs, die er hintrödelt, während deren aber gewisse Angelegenheiten der Oberen sich so weit und so günstig entwickelt haben, daß sie mit seiner Hinrichtung enden, die von keinem »reitenden Boten des Königs« gestört wird.

Kurz vorher hat er, wie gesagt, einen Traum. Es ist der Traum von einer Gerichtsverhandlung, in der es sich um ein »besonderes Verbrechen« dreht. »Weil niemand einen Träumer davon abhalten kann zu siegen, wurde unser Freund Vorsitzender des größten Gerichts aller Zeiten, des einzig wirklich notwendigen, umfassenden und gerechten ... Nach langem Nachdenken, das allein schon Monate dauerte, beschloß der Oberste Richter, den Anfang mit einem Mann zu machen, der, nach Aussage eines Bischofs in einer Trauerfeier für untergegangene Soldaten, ein Gleichnis erfunden hatte, das zweitausend Jahre lang von allerlei Kanzeln herab angewendet worden war und nach Ansicht des Obersten Richters ein besonderes Verbrechen darstellte.« Diese Ansicht beweist der Richter, indem er die Folgen des Gleichnisses namhaft macht und die lange Reihe von Zeugen vernimmt, die über ihr Pfund aussagen sollen.

»›Hat Euer Pfund sich vermehrt?‹ fragte der Oberste Richter streng. Sie erschraken und sagten: ›Nein.‹ ›Hat er‹ – es ist von dem Angeklagten die Rede – »gesehen, daß es sich nicht vermehrte?‹ Auf diese Frage wußten sie nicht gleich, was sie sagen sollten. Nach einer Zeit des Nachdenkens trat aber einer vor, ein kleiner Junge ... ›Er muß es gesehen haben; denn wir haben gefroren, wenn es kalt war, und gehungert vor und nach dem Essen. Sieh selber, ob man es uns ansieht oder nicht.‹ Er steckte zwei Finger in den Mund und pfiff, und ... heraus ... trat eine Frauensperson und glich genau der Kleingewerbetreibenden Mary Swayer.« Als dem Angeklagten nun angesichts einer so belastenden Beweisaufnahme ein Verteidiger bewilligt wird – »Aber er muß zu Ihnen passen« sagt Fewkoombey – und Herr Peachum als solcher sich vorstellt, präzisiert sich die Schuld des Klienten. Er muß der Beihilfe bezichtigt werden. Weil er, sagt der Oberste Richter, seinen Leuten dieses Gleichnis in die Hand gegeben hat, das auch ein Pfund ist. Anschließend verurteilt er ihn zum Tode. – Aber an den Galgen kommt nur der Träumer, der in einer wachen Minute begriffen hat, wie weit die Spuren der Verbrechen zurückführen, denen er und seinesgleichen zum Opfer fallen.


 © textlog.de 2004 • 16.06.2019 07:06:02 •
Seite zuletzt aktualisiert: 05.04.2011 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright