Alte Bekannte


Jene Figuren traten also von neuem vor ihren Dichter. – Da ist Peachum, der immer den Hut aufbehält, weil es kein Dach gibt, von dem er nicht gewärtigt, daß es ihm über dem Kopfe zusammenstürzt. Er hat seinen Instrumentenladen vernachlässigt und ist einem Kriegsgeschäft mit Trans­portschiffen nähergetreten, in dessen Verlauf seine Bettlergarde in kritischen Augenblicken als »erregte Volksmenge« Verwertung findet. Die Schiffe sollen im Truppentransport während des Burenkriegs eingesetzt werden. Da sie morsch sind, gehen sie mit der Mannschaft unweit der Themsemündung zugrunde. Peachum, der es sich nicht nehmen läßt, zu der Trauerfeier für die ertrunkenen Soldaten zu gehen, hört dort mit vielen anderen, unter denen auch ein gewisser Fewkoombey ist, eine Predigt des Bischofs über die biblische Mahnung, mit dem anvertrauten Pfunde zu wuchern. Vor bedenklichen Folgen des Lieferungsgeschäfts hat er sich zu diesem Zeitpunkt bereits durch Beseitigung seines Partners gesichert. Doch begeht er den Mord nicht selbst. Auch seine Tochter, der Pfirsich, streift kriminelle Verwicklungen – aber nur so, wie es für eine Dame sich machen läßt: in einer Abtreibungssache und einem Ehebruch. Wir lernen den Arzt kennen, dem sie den Eingriff zumutet, und aus seinem Mund eine Rede, die ein Gegenstück zu der des Bischofs ist.

Der Held Macheath stand in der Dreigroschenoper seinen Lehrjahren noch sehr nahe. Der Roman rekapituliert sie nur kurz; er ehrt das Schweigen über ganzen »Gruppen von Jahren ..., das die Biographien unserer großen Geschäftsleute auf vielen Seiten so stoffarm macht«, und er läßt es dahingestellt, ob am Anfang der Verwandlungen, in deren Abfolge aus dem Holzhändler Beckett der Großkaufmann Macheath geworden ist, der Raubmörder Stanford Sills, genannt »Das Messer«, gestanden hat. Klar ist nur so viel, daß der Geschäftsmann treu zu gewissen früheren Freunden steht, die den Weg in die Legalität nicht gefunden haben. Das trägt seinen Lohn in sich, da diese durch Diebstahl die Warenmengen beschaffen, die der Ladenkonzern von Macheath konkurrenzlos billig vertreibt.

Macheath' Konzern bilden die B-Läden, deren Inhaber – selbständige Existenzen – nur zur Abnahme seiner Ware und zur Zahlung der Ladenmiete an ihn verpflichtet sind. In einigen Zeitungsinterviews hat er sich über »seine entscheidende Entdeckung des menschlichen Selbständigkeitstriebes« geäußert. Allerdings stehen sich diese selbständigen Existenzen schlecht, und eine von ihnen geht in die Themse, weil Macheath aus geschäftlichen Gründen die Warenzufuhr zeitweilig einstellt. Es kommt Mordverdacht auf; es entsteht eine Kriminalsache. Aber diese Kriminalsache geht bruchlos in den satirischen Vorwurf ein. Die Gesellschaft, die nach dem Mörder der Frau sucht, welche Selbstmord begangen hat, wird niemals imstande sein, ihn in Macheath zu erkennen, der nur seine vertraglichen Rechte ausgeübt hat. »Die Ermordung der Kleingewerbetreibenden Mary Swayer« steht nicht nur in der Mitte der Handlung, sie enthält auch deren Moral. Die ausgemergelten Ladeninhaber, die Soldaten, die auf lecken Schiffen verstaut werden, die Einbrecher, deren Auftraggeber den Polizeipräsidenten bezahlt – diese graue Masse, die im Roman den Platz des Chors in der Oper einnimmt – stellt den Herrschenden ihre Opfer. An ihr üben sie ihre Verbrechen aus. Ihr gehört Mary Swayer an, die man zwingt, ins Wasser zu gehen, und aus ihrer Mitte ist Fewkoombey, der zu seinem Erstaunen wegen Mordes an ihr gehängt wird.


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Seite zuletzt aktualisiert: 05.04.2011 
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