Alain, Stendhal. Paris: Les Editions Rieder 1935. 108 S.


Alains Buch setzt Bekanntschaft mit Stendhal voraus. Es entwickelt Überlegungen, die aus jahrelangem vertrauten Umgang mit seinen Schriften erwachsen sind. Diese Überlegungen sind um einige wenige Motive gruppiert. »Der Ungläubige«, »Der honnête homme«, »Der Politiker«, »Der Liebhaber«, »Der Dilettant« und »Der Schriftsteller« machen sechs Portrait­studien, die A[lain] seinem Modell abgewinnt. Von ihrer Meisterschaft mögen einige Reflexionen über den Politiker Stendhal zeugen. A[lain] konfrontiert dessen Verfahren am Beispiel der »Chartreuse de Parme« mit dem der landläufigen Historiker, die über die Kunst verfügen, »furchtbare Vorfälle zu berichten, ohne an sie zu glauben, ja ohne auch nur an sie zu denken«. Demgegenüber gibt es in der »Chartreuse« – das zeigt A[lain] – kaum ein Geschehen, ja kaum eine Haltung, der nicht das Brandmal von dem aufge­drückt ist, was eine Despotie aus dem Menschen macht. Stendhal erweist sich als politischer Physiognom, der die Gewalt der Herrschaftsverhältnisse noch in der Art und Weise zum Ausdruck bringt, in der eine Bettlerin ihr Almosen entgegennimmt. Sie tut es bei Stendhal mit Worten, die, wie A[lain] sagt, »gewiß nie gesprochen wurden, die aber in dem Verhalten stecken«. Und weiter diese, die Kunst Stendhals im Zentrum treffende Maxime seines Auslegers: »Die Überlegungen (des politischen Romanciers) haben von dem auszugehen, was laut nie gesagt werden wird.« Weiterhin sieht A[lain], daß dies Nie-Gesagte in Stendhals Sinn weniger geheimnisvolle Vorgänge des Innenlebens als geheimgehaltene Pläne betrifft. Damit stößt der Verf[asser] auf das Militärische in Stendhals Ingenium, das eine Wahlverwandtschaft zwischen ihm und Napoleon, den er bewundert hat, stiften mag. »Niemals vielleicht – um mich genau zu fassen: seit Platon nicht – hat es einen Autor gegeben, der seine eigenen Argumente mit derart militärischer Strenge Revue passieren läßt.« In ähnliche Richtung weist dieses Wort: »Die unverwechselbare Genialität des Romanciers Stendhal steckt zunächst darin, daß sämtliche Figuren seiner Bücher von Hause aus als gleich vor ihm stehen.« Die eigene politische Schulung hat A[lain] in den Stand gesetzt, dem Politiker Stendhal die aktuellsten Aufschlüsse abzugewinnen. Dafür mag dieser letzte Beleg zeugen: »Es scheint mir sehr beachtenswert, daß die Herrschaft der Despoten so wie deren beständige Konspiration untereinander ... hier nicht als Folge eines ungeheuerlichen Hochmuts dargestellt wird, nein, sie erscheinen lediglich als strikte Notwendigkeit derjenigen, die ihre Privilegien aufrecht erhalten wollen.«


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