Kraft - Gallilei, Locke, Condillac, Hume


GALILEI erblickt den Ursprung der Kraft im Bewußtsein unserer Muskelkraft (Dial. delle nuove science III). Nach LOCKE entspringt die Vorstellung der Kraft (power) der Erfahrung, daß wir Körper bewegen, daß wir unseren Vorstellungslauf verändern können, zugleich auch aus der Wahrnehmung der Wirkungen der Körper aufeinander (Ess. II, ch. 7, § 8; ch. 21, § 1). Es gibt eine tätige und eine leidende Kraft (l.c. II, ch. 21, § 2). Die Kraft schließt eine Relation ein (l.c. § 3). Die Sinnesqualitäten sind Wirkungen der Körperkräfte auf uns (ib.). Die klarste Idee der tätigen Kraft entlehnen wir von unserem Geiste (l.c. § 4). LEIBNIZ sieht das Urbild aller Kraft in dem Streben des Ich (s. Monade). CONDILLAC erklärt: »Il y a en nous un principe de nos actions, que nous sentons, mais que nous ne pouvons définir: on l'appelle force. Nous sommes également actifs par rapport à tout ce que cette force produit en nous ou au dehors. Nous le sommes, par exemple, lorsque nous réfléchissons ou lorsque nous faisons mouvoir un corps. Par analogie nous supposons dans tous les objets qui produisent quelque changement une force que nous connaissons encore moins, et nous sommes passifs par rapport aux impressions qu'ils font sur nous« (Trait de sens. I, ch. 2, § 11). J. J. ENGEL leitet den Kraftbegriff aus dem »sens musculaire« ab (Mémoire sur l'orig. de l'idée de la force 1802). Nach FEDER ist Kraft das »Etwas, worin dasjenige enthalten ist, womit das Sein eines andern Dinges verknüpft ist«. »Wir empfinden etwas in uns, welches sich äußern muß, wenn gewisse Dinge, wie wir begehren, geschehen sollen. Dies ist unsere Kraft. Wir empfinden vieles, was wir nicht unserem Wirken zuschreiben können, was wir leiden müssen, und wodurch wir die Kräfte anderer Dinge kennen lernen« (Log. u. Met. B. 246 f.). G. E. SCHULZE betont: »Das Bewußtsein der Selbsttätigkeit unseres Geistes hat... auf die Bestimmung der Natur der den Dingen beigelegten Kräfte großen Einfluß gehabt. Es wird nämlich unter der Kraft etwas Inneres, Unkörperliches, den Hindernissen... Überlegenes und in dieser Hinsicht der Macht des menschlichen Wollens Ähnliches gedacht« (Üb. d. menschl. Erk. S. 138 f.). Der Kraftbegriff hat objektive Gültigkeit (l.c. S. 140). Nach BOUTERWEK ist die Quelle des Kraftbegriffs die Kraft des Ich, die Individualität (Apodikt. II, 53 f.). Eine »Naturkraft« ist eine »gedachte Ursache« (l.c. II, 57). MAINE DE BIRAN leitet den Kraftbegriff ab aus der »apperception interne immédiate ou conscience d'une force qui est moi et qui sert de type exemplaire à toutes les notions générales et universelles de causes, de forces« (Oeuvr. III, 5). Die Vorstellung der Kraft gewinnen wir aus dem »effort voulu« des Ich (l.c. II, 117).

Auf die innere Erfahrung weist auch E. H. WEBER hin (Tastsinn u. Gemeingef. S. 85). Wie J. ST. MILL und A. BAIN sieht H. SPENCER die Quelle des Kraftbegriffes in der durch die Muskelspannung bestimmten Widerstandsempfindung. Unserer Begriff von Kraft ist eine Verallgemeinerung jener Muskelempfindungen (Psychol. II, § 348, § 350). Nach DOIS-REYMOND hat der Kraftbegriff im Bewußtsein des Willens als Ursache seine Quelle (Reden I, S. 243). Nach ÜBERWEG fassen wir die Naturkraft nach Analogie unserer eigenen Willenskraft auf (Log. S. 84). O. SCHNEIDER leitet den Kraftbegriff aus dem Bewußtsein der gewollten Bewegung, dem Gefühl der Anstrengung bei Überwindung eines Widerstandes ab (Transcendentalpsychol. S. 148 f.). Nach LIPPS entstammt er unserem Kraftgefühl oder Gefühl der nicht vergeblichen Anstrengung (Gr. d. Log. S. 81). Ähnlich DILTHEY (Einl. 467), ERHARDT u. a. RIEHL erklärt: »Wir haben die Begriffe von Kraft und Arbeit aus der gewollten Muskelbewegung abstrahiert und auf die äußeren Bewegungserscheinungen übertragen« (Philos. Kritic. II 1, 243). Kraft ist die Substanz nach ihrem Wirken, nach ihrem Dasein ist sie Materie (l.c. S. 271). HAGEMANN erklärt: »Wir übertragen... den an uns gewonnenen Begriff der Kraft und Wirksamkeit auf die Außendinge, und wir haben allen Grund dazu« (Met.2, S. 55). SIGWART bemerkt: »Wir sind uns bewußt, daß wir eine Handlung vollziehen können, sobald wir nur wollen... dies ist der Ursprung des Begriffs eines Vermögens, einer Kraft« (Log. II2, 144 f.). Dieser Begriff wird später zum abstracten Relationsbegriff. Kraft ist die »Substanz, als etwas Unveränderliches gedacht« (l.c. S. 156). WUNDT betont: »Unsere Muskelempfindungen sind der Ursprung der Kraftvorstellung« (Beitr. zur Theor. d. Sinneswahrn. S. 429). Allmählich wird der anthropomorphe Charakter des Kraftbegriffs abgestreift. Kraft ist dann nichts als die an die Substanz gebundene Kausalität (Syst. d. Philos.2, S. 279 ff.; Log. I2, S. 583 f., 614 ff., 625; II2 1, 327 ff.; s. unten). TH. ZIEGLER: »Der Begriff der Kraft ist... nichts anderes als die Übertragung unserer eigenen, in allerlei Gefühlen sich uns offenbarenden und uns zum Bewußtsein kommenden Aktivität und Kausalität auf das Wirken der Dinge in der Außenwelt und auf die Art, wie wir uns dasselbe vorstellen« (Das Gef.2, S. 72). Auf die Introjektion des subjektiven Kraftgefühls in die Dinge führt den Kraftbegriff P. RÉE zurück (Philos. S. 171 ff.). Ähnlich NIETZSCHE: (WW. VIII 2, S. 93; XV, S. 298; s. unten). SIMMEL erklärt: »Die Gefühle der physisch-psychischen Spannung, des Impulses, der Willenshandlung projicieren wir in die Dinge hinein, und wenn wir hinter ihre unmittelbare Wahrnehmbarkeit jene deutenden Kategorien setzen, so orientieren wir uns eben in ihnen nach den Gefühlserfahrungen unserer Innerlichkeit« (Philos. d. Geld. S. 507). Nach W. JERUSALEM wird im primitiven Urteilsacte jeder Vorgang in der Umgebung nach Analogie unserer selbst auf einen Willen als Ursache zurückgeführt. Indem dann das Subjektswort zum »Träger von Fähigkeiten« schlechthin wird, verliert das Urteil seinen grob anthropomorphischen Charakter. »Der Wille, der im Subjekte die durch das Prädikat bezeichnete Tätigkeit hervorgebracht, wird zur Kraft, die ebenso im Dinge wohnt und nur des persönlichen Charakters entbehrt« (Urteilsfunkt. S. 140 f.). »Was einmal die Subjektsfunktion übernimmt, ist Kraftzentrum, und zwar objektiv vorhandenen Kraftzentrum, und als dessen potentielle oder aktuelle Wirkungen werden die Vorgänge, die Tatsachen, die Gesetze des Geschehens gefaßt« (l.c. S. 156).

Nach HUME entspringt der Begriff der Kraft (power, force, energy, efficacy, agency; Treat. III, sct. 14) weder aus der Vernunft (l.c. S. 213), noch aus der Sinneswahrnehmung (l.c. S. 216), noch kann uns die innere Erfahrung von der Wirksamkeit unseres eigenen Willens die Kraft begreiflich machen (l.c. S. 218). Die Notwendigkeit (s. d.), die wir der Kraft zuschreiben, ist nichts als die subjektive Nötigung, von der »Ursache« zur »Wirkung« überzugehen (l.c. S. 225; vgl. Inquir. VII; s. unten). -


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