Kraft - Aristoteles, Descartes, Leibniz, Kant


Der animistische (s. d.) Ursprung des Kraftbegriffes zeigt sich noch bei THALES (s. Hylozoismus). ANAXAGORAS bestimmt als Urkraft den »Geist« (s. d.). EMPEDOKLES betrachtet als Naturkräfte Liebe (philia) und Streit (neikos), welche die Dinge (Elemente, s. d.) bald zusammen-, bald auseinanderbringen (Aristot., Met. II 4, 1000a 27; Sext. Empir. adv. Math. VII, 115). HERAKLIT betrachtet den »Kampf« (s. d.) als die Kraft, der alle Veränderung entspringt. PLATO schreibt zuweilen den Ideen (s. d.) Kräfte zu. ARISTOTELES erblickt in den »Formen« (s. d.) die von innen gestaltenden Naturkräfte. Die dynamis ist Prinzip der Bewegung (archê kinêseôs, Met. V 12, 1019a 15). Es gibt dynamis tou poiein und tou paschein (l.c. IX 1, 1046a 20), alogoi und meta logou dynameis (l.c. IX 1, 1046b 3). Die Stoiker betrachten die Kraft (to poioun) als das Wesentliche des pneuma (s. d.), das aber zugleich Stoff ist. In den Dingen sind die logoi spermatikoi (s. d.) als Ausflüsse der göttlichen Urkraft (Diog. L. VII, 134). PLOTIN bestimmt die Ideen (s. d.) als noerai dynameis Geistige Kräfte sind ferner die henades (s. d.) bei PROKLUS, die Äonen (s. d.) der Gnostiker (s. d.). (Nach BASILIDES emaniert die dynamis mit der sophia aus der phronêsis, Iren. I, 24.) Die Atomisten kennen nur äußere, nur Bewegungskräfte (vgl. Atom).

Die Scholastiker betrachten als Kräfte die »formae substantiales« (s.d.) und »qualitates occultae« (s. d.). Kraft- und Vermögensbegriff (s. d.) werden nicht scharf voneinander geschieden. Die »potentia« ist nach THOMAS »principium operationis« (Sum. th. I, 25, 1 ob. 3). Es gibt »potentia activa« und »passiva« (l.c. I, 77, 3c), »potentia cum ratione« und »irrationalis« (l.c. I, 79, 12a).

Innere Kräfte nehmen PARACELSUS, J. B. VAN HELMONT u. a. an. Nach TELESIUS sind Wärme und Kälte die elementaren Naturkräfte (s. Prinzip). Nach CAMPANELLA ist die »facultas« »potestativae essentialis virtus ad actum et actionem energens« (Dial. I, 6). G. BRUNO erblickt in der göttlichen Natur (s. d.) die Urkraft (De la causa III).

GALILEI bestimmt die Kraft (impetus) als stetige Folge momentaner Impulse (Dial. delle nuove science III, 2). Den mechanischen Kraftbegriff hat DESCARTES. »Hic vero diligenter advertendum est, in quo consistat vis cuiusque corporis ad agendum in aliud, vel ad actioni alterius resistendum: nempe in hoc uno, quod unaquaeque res tendat, quantum in se est, ad permanendum in eodem statu, in quo est, iuxta legem... Hinc enim id, quod alteri coniunctum est, vim habet nonnullam, ad impediendum ne disiungatur; id, quod disiunctum est, ad manendum disiunctum; id, quod quiescit, ad perseverandum in suo motu, hoc est, in motu eiusdem celeritatis, et versus eandem partem. Visque illa debet aestimari tum a magnitudine corporis, in quo est, et superficiei, secundum quam istud corpus ab alio disiungitur; tum a celeritate motus, ac natura, et contrarietate modi, quo diversa corpora sibi mutuo occurrunt« (Princ. philos. II, 43). SPINOZA schreibt jedem Wesen einen »conatus«, »in suo esse perseverare« zu (vgl. Erhaltung). NEWTON definiert die Kraft als »eine auf den Körper geübte Tätigkeit, um seinen Zustand der Ruhe oder gleichförmigen Bewegung in gerader Richtung zu ändern« (Nat. philos. princ. math. II, def. 4).

LEIBNIZ sieht in der Kraft (force, effort, acte, entelechie) das Wesen der Substanz (s. d.), »le constitutif de la substance«, »le principe d'action«, sie »rend la matière capable d'agir et de résister« (Gerh. IV, 472). Sie ist kein leeres Vermögen, sondern ein Mittleres zwischen dem Vermögen zu wirken und dem Wirken selbst. Sie enthält eine entelecheia (s. d.), ein Streben, eine Actualität, die nur der Beseitigung des Hindernisses bedarf (wie bei dem gespannten Bogen), um von selbst zu wirken (Erdm. p. 121). Die klarste Vorstellung von Kraft haben wir durch innere Erfahrung (Nouv. ESS. II, ch. 21, § 4). Der Kraftbegriff selbst wird nicht durch »imaginatio«, sondern durch den »intellectus« gebildet (Erdm. p. 124). Ihrer inneren Natur nach ist die Kraft etwas Psychisches, ein Streben von einem Vorstellungszustand zum andern (Monadol. 15). Es gibt »primitive« und »abgeleitete« Kräfte (Gerh. VI, 236). Die passive Kraft ist der Widerstand (die antitypia, s. d.), durch den ein Körper sowohl der Durchdringung als auch der Bewegung widersteht (Math. Schrift. ed. Pertz III, 100). Die aktive Kraft schließt die Tendenz zur Handlung ein (l.c. S. 101). Die derivative Kraft ist der Impetus, die Tendenz zu einer bestimmten Bewegung (l.c. S. 102). »Lebendige« Kraft ist die in der actuellen Bewegung sich äußernde Kraft (l.c. S. 235). Die Kraftsumme im All ist konstant (Erdm. p. 775). - CHR. WOLF definiert: »Die Quelle der Veränderungen nennt man eine Kraft« (Vern. Ged. I, § 115). Kraft ist »dasjenige, worinnen der Grund von der Bewegung zu finden« (l.c. § 623). »Alle Kräfte bestehen in einer festen Bemühung, etwas zu tun oder den Zustand eines Dinges zu ändern« (l.c. § 624). »Quod in se continet rationem sufficientem actualitatis actionis, vim appelamus« (Ontolog. § 722). »Posita vi ponitur actio« (l.c. § 723). Die Kraft besteht »in continuo agendi conatu« (l.c. § 724). »Vis continuo tendit ad mutationem status subiecti« (l.c. § 725). CRUSIUS bestimmt: »Die Möglichkeit eines Dinges B, welche an ein anderes Ding A verknüpft ist, heißt in dem Dinge A in dem weitesten Verstande eine Kraft« (Vernunftwahrh. § 29). In den Substanzen sind mehrere Grundkräfte (Met. § 73). Nach MENDELSSOHN ist die »Kraft« so viel wie »die beständigen Eigenschaften des A, oder das Fortdauernde in demselben« (Morgenst. I, 2). PLATNER sieht in der Kraft das Konstituens der Substanz (s. d.). In einer Substanz gibt es eine »Grundkraft«, von welcher die übrigen Kräfte abhängen (Philos. Aphor. I, § 930 ff., 932). Kraft oder Vermögen im weiteren Sinne ist ein Name für die »bleibenden Bestimmungen, Eigenschaften«, in welchen die Möglichkeit aller Richtungen der substantiellen Kraft gegründet ist (l.c. § 934). - BONNET bemerkt: »Les parties de la matière sont liées entr' elles, et cette liaison suppose nécessairement une force qui l'opère; car les parties de la matière sont indifférentes par elles-mêmes à toute liaison ou à toute situation particulière. De plus, la matière résiste, et cette résistance suppüose encore un force qui l'opère« (Ess. analyt. VI, 46). Nach HUME ist »Kraft« für uns nichts als der unbekannte Umstand, wodurch das Maß oder die Größe der Wirkung eines Gegenstandes bestimmt wird (Inquir. VII, 1; Treat. III, sct. 14). LAPLACE erklärt: »La force n'étant connue que par l'espace qu'elle fait décrire dans un temps déterminé, il est naturel de prendre cet espace pour sa mesure« (Mécan. céleste I, 1, C. 2).


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