Kraft - Kant, Schelling, Schopenhauer


KANT erklärt, die Kraft sei nur die Beziehung der Substanz A zu etwas anderem B. Man darf keine ursprüngliche Kraft als möglich annehmen, wenn sie nicht von der Erfahrung gegeben ist (De mund. sens. sct. V, § 28). Die »wahrhaft lebendige Kraft« wird nicht von draußen im Körper erzeugt, sondern ist »der Erfolg der bei der äußerlichen Sollicitation in dem Körper aus der innern Naturkraft entstehenden Bestrebung« (WW. I, 168). Später bestimmt Kant die Kraft als eine »Prädikabilie« (s. d.) des reinen Verstandes, als (apriorischen) Verstandesbegriff, der nur für Erscheinungen (s. d.) Geltung hat. »Bewegende Kraft« ist »die Ursache einer Bewegung«. Durch eine solche Kraft erfüllt die Materie (s. d.) den Raum (Met. Anf. d. Naturwiss. S. 33). Anziehende, abstoßende (Zurückstoßungs-)Kraft, Flächenkraft, durchdringende Kraft werden definiert (l.c. S. 34 f., 67). Doch ist es »über dem Gesichtskreis unserer Vernunft gelegen, ursprüngliche Kräfte a priori ihrer Möglichkeit nach einzusehen, vielmehr besteht alle Naturphilosophie in der Zurückführung gegebener, dem Anscheine nach verschiedener auf eine geringere Zahl Kräfte und Vermögen« (l.c. S. 104). (Natur-)»Kraft« ist etwas den Phänomenen Angehörendes, ein notwendiger Begriff unseres Denkens, um die Objekte der Erfahrung logischphysikalisch miteinander zu verknüpfen. - Nach KRUG kommt der Materie (s. d.) eine ursprünglich »bewegende« Kraft zu (Handb. d. Philos. I, 336).

Nach SCHELLING ist »jeder immanente Grund von Realität aus dem Begriff« Kraft; die »absolute Identität« ist Kraft (WW. I 4, 145). Kraft ist »Extensität, bestimmt durch Intensität«. Die Intensität einer Kraft »kann nur gemessen werden durch den Raum, in dem sie sich ausbreiten kann, ohne =0 zu werden« (Syst. d. transcend. Ideal. S. 217). Die Dinge sind Producte von Kräften. Denn »Kraft allein ist das Nichtsinnliche an den Objekten« (Naturphilos. S. 308). Kraft ist ein Verstandesbegriff, kann nicht unmittelbar Gegenstand der Anschauung sein. Die Grundkräfte der Materie (s. d.) sind verstandsmäßige Ausdeutungen des An - sich der Dinge (l.c. S. 322). Die Materie als solche ist selbst Kraft (l.c. S. 327). Nach STEFFENS ist die Kraft »die Identität der Intensität und Extensität« (Grdz. d. philos. Naturwissensch. S. 23). Im Sinne HEGELS (vgl. Log. II, 170) erklärt K. ROSENKRANZ: »Jedes Wesen faßt als Ganzes seine Teile in sich zusammen und ist die Möglichkeit ihrer Vermehrung oder Verminderung. Als das In-sich-sein des Wesens, welches seine Unterschiede einfach in sich geschlossen hält, ist es die Kraft. Die Kraft ist nicht eine neue Qualität des Daseins oder ein apartes Wesen, sondern das Wesen selber, wie es sich als Erscheinung aus sich als dem Grund setzt und in seinem Erscheinen als Gesetz und Inhalt und Totalität derselben tätig ist« (Syst. d. Wissenschaftsl. S. 71). C. H. WEISSE betrachtet die Kraft (die dynamis) als das Substantiale des Körpers (Grdz. d. Met. S. 420 f.).

Nach SCHOPENHAUER ist die Kraft von der Ursache (s. d.) völlig verschieden, sie ist »das, was jeder Ursache ihre Kausalität, d.h. die Möglichkeit zu wirken, erteilt« (W. a. W. u. V. II. Bd., C. 4; Vierf. Wurz. C. 4, § 20). Die Naturkräfte sind von allem Wechsel ausgenommen, außer aller Zeit, stets und überall vorhanden (Vierf. Wurzel C. 4, § 20). Jede echte, ursprüngliche Naturkraft ist qualitas occulta, physikalisch unerklärbar (ib.). Die Materie (s. d.) manifestiert sich nur durch Kräfte, jede Kraft inhäriert einer Materie (Parerga II, § 75). Kraft ist »jede Ursache, die man willkürlich oder gezwungen als eine letzte betrachtet« (Anmerk. S. 20). »Wir sind genötigt, bei Kräften zuletzt stehen zu bleiben, weil die Kategorie der Kausalität in aufsteigender Linie Befriedigung sucht, d.h. von der Wirkung zur Ursache fortschreitet; wo sie die Ursache nicht mehr findet, setzen wir eine Kraft... gleichsam ein Merkzeichen, das wir anheften, um anzudeuten, wie weit wir im Regreß gekommen« (l.c. S. 144). Die Naturkräfte sind Erscheinungen des Willens (s. d.). »Die einzelne Veränderung hat immer wieder eine ebenso einzelne Veränderung, nicht aber die Kraft zur Ursache, deren Wirkung sie ist. Denn das eben, was einer Ursache immer die Wirksamkeit verleiht, ist als solche grundlos, d.h. liegt ganz außerhalb der Kette der Ursachen und überhaupt des Gebietes des Satzes vom Grunde und wird philosophisch erkannt als unmittelbare Objektität des Willens, der das An-sich der gesamten Natur ist« (W. a. W. u. V. I. Bd., § 26; Parerga II, § 75). »Daß das Wesen der Kräfte in der unorganischen Natur identisch mit dem Willen in uns ist, stellt sich jedem, der ernstlich nachdenkt, mit völliger Gewißheit und als erwiesene Wahrheit dar« (Neue Paralipom. § 163). - Zu metaphysischen Processen setzen den Kraftbegriff direkt oder indirekt auch folgende Philosophen in Beziehung. HERBART erklärt: »Vermittelst des Zusammen eines Wesens mit einem andern wird... auf jedes Accidenz das Sein bezogen, welches außerdem unmöglich wäre. Aber das Zusammen verdankt jedes Wesen dem andern, mit ihm darin begriffenen. Insofern sind die Accidenzen des einen zuzuschreiben dem andern, als einer Kraft« (Hauptp. d. Met. S. 38). Ursprünglich, für sich, ist kein Wesen Kraft, es ist es erst im »Zusammen« (s. d.) mit andern, in welchem die Wesen einander »stören« und sich selbst »erhalten«, was in unserer »zufälligen Ansicht« (s. d.) als Wirksamkeit sich darstellt. Ein Wesen kann auf unendlich vielerlei Art sich als Kraft äußern, »es hat aber gar keine Kraft, am wenigsten eine Mehrheit von Kräften« (l.c. S. 43; Allgem. Met. II). BENEKE versteht unter Kraft »das Wirkende in dem Geschehen«. Es gibt in der Seele ursprüngliche »Urkräfte«, auf deren Grundlage alle übrigen Kräfte erzeugt werden (Lehrb. d. Psychol.3, § 19). In den Dingen sind die Kräfte das Ursprüngliche, für die Erkenntnis ist es umgekehrt, denn wir müssen von der Erfahrung erst auf Kräfte schließen (l.c. § 20). In der Seele gibt es eine Vielheit von Urkräften, die aber in inniger Verbindung miteinander stehen (ib.), sie sind, vor ihrer »Erfüllung«, Strebungen (l.c. § 25; vgl. Seelenvermögen). Eine Eigenschaft der »sinnlichen Urvermögen« ist die Kräftigkeit, d.h. die Vollkommenheit, mit der die Reize angeeignet worden sind (l.c. § 33; vgl. Syst. d. Met. S. 311 ff.). J. H. FICHTE erklärt: »Das reale Wesen wird zur ›Kraft‹ und zu ›Kräften‹ erst durch die Verbindung mit anderen realen Wesen und die dabei eintretende Behauptung seiner Qualität der unterschiedenen Qualitäten des andern gegenüber« (Psychol. I, 6 f.). »Potentielle« Kraft ist das Maß von Intensität, welches jedem Realwesen eignet. »Lebendige« Kraft ist »die, welche an der einzelnen Gegenwirkung in bestimmter, aber nicht veränderlicher Stärke hervortritt«. Die potentielle Kraft ist »das Gesamtkraftmaß eines realen Wesens, welches in einem gegebenen Zustande desselben unveränderlich und unüberschreitbar dasselbe bleibt« (l.c. I, 7). Nach ULRICI ist die »Widerstandskraft« die »erste fundamentale Bestimmung des Seienden als Seienden«. Das Seiende als solches ist die »Kraft des Bestehens«, an welche alle andern Kräfte gebunden sind (Leib u. Seele S. 37). »Kein Körper, keine Substanz, also auch kein Atom wirkt für sich allein, selbsttätig, unabhängig; keinem Stoffe kommt an und für sich eine Kraft oder Tätigkeit zu, die er unmittelbar und unbedingt ausübte« (Gott u. d. Nat. S. 59). Nach M. CARRIERE ist die Kraft »die Substanz der Dinge«. Das All ist ein »System von Kräften«. Es gibt »selbstlose« und »selbstseiende« Kräfte (Sittl. Weltordn. S. 32, 69). In der Kraft gibt es »das Vermögen, das ihr für sich zukommt« und die »Energie, die sie übt, sobald die Bedingung dazu eintritt« (l.c. S. 133). Nach O. CASPARI sind die Kräfte das Dauernde, das Wesen der Dinge. Die Kraft ist etwas Relatives, bedingt einen Widerstand (Zusammenh. d. Dinge S. 5, 10, 14 ff., 17, 21). Caspari lehrt einen »Kraft-Konstitutionalismus« (l.c. S. 22). E. V. HARTMANN nennt die Kraft ein »spiritualistisches Prinzip« (Philos. d. Unbew.3, S. 464). Sie ist Streben (actus) und zugleich Ziel des Strebens (l.c. S. 484). Ihrem inneren Wesen nach ist sie Wille (l.c. S. 485). Die Atomkräfte sind »individuelle Willensakte« (l.c. S. 486). »So wenig der subjektiv ideale Stoff einen Widerstand leisten kann, ebensowenig kann das Ich als subjektiv ideale Erscheinung eine Kraft entfalten oder auf den Stoff einwirken. Wenn das Bewußtsein die Willensintensität selbst zu erfassen meint, so erfaßt es in Wahrheit doch nur die Gefühlsintensität der durch das unbewußte, bewußtseinstranszendente Wollen ausgelösten Spannungsgefühle, also einen subjektiv idealen Widerschein der dynamisch-thelistischen Aktivität« (Kategorienlehre S. 346). Nach H. SPENCER ist die unerkennbare Urkraft das Absolute, Gott (s. d.). Spencer spricht von der »inscrutable power manifested to us through all phenomena« (First princ. § 31). MAINLÄNDER bemerkt: »Die Welt, die Gesamtheit der Dinge an sich, ist ein Ganzes von reinen Kräften, welche dem Subjekt zu Objekten werden« (Philos. d. Erlös. S. 23). Alle Kräfte als solche sind entstanden (l.c. S. 44). Im Selbstbewußtsein erfassen wir die Kraft als »Willen zum Leben« (l.c. S. 44). Es gibt ein Gesetz der »Schwächung der Kraft« im Universum, Wille (s. d.) ist die Kraft an sich nach BAHNSEN, C. PETERS u. a. Nach WALLACE sind alle Kräfte wahrscheinlich Willenskräfte (Beitr. zur Theor. d. nat. Zuchtwahl 1870). Nach R. HAMERLING ist der Wille die allem Sein innewohnende Triebkraft (Atomist. d. Will. I, 263; II, 50). L. NOIRÉ erklärt: »Alles, was uns von außen als Kraft erscheint, ist innerlich Wille« (Einl. u. Begr. ein. monist. Erk. S. 193). Auch nach WUNDT liegen den Kräften Willenseinheiten (s. d.) zugrunde (s. unten). NIETZSCHE sieht das innere Wesen der Kraft als »Willen zur Macht« (s. d.) an (WW. XV, 280, 296). Die Dinge sind »dynamische Quanta, in einem Spannungsverhältnis zu allen anderen dynamischen Quanten«, sie bestehen aus Kraftcentren, »Herrschaftsgebilden«, »Willens-Punktationen, die beständig ihre Macht mehren oder verlieren« (WW. XV, 297, 299 f.). Nach LACHELIER ist Kraft Tendenz nach einem Ziele, nach Realisation; die Welt besteht aus einfachen geistigen Kräften. Ähnlich nach RENOUVIER (s. Monaden). Nach FOUILLÉE wirken in der Welt »idées-forces« (s. d.). Nach DROSSBACH ist Kraft »das auf Realisierung des Ideals, auf Vollkommenheit der Verhältnisse, mithin auf ein Ziel gerichtete Streben« (Üb. d. Obj. d. sinnl. Wahrnehm. S. 141). Nach F. ERHARDT ist die Kraft (Das Bewegliche im Raume, Wechselwirk. zwisch. Leib u. Seele S. 101 ff.) das Ding an sich der Materie (Met. I, 575, 577). Sie ist selbst die Substanz, bedarf keines Trägers (l.c. S. 580 f.). Nach L. DUMONT ist die Kraft die Menge der Kausalität, durch welche das Sein sich offenbart; von »innen« ist sie bewußt (Vergn. u. Schm. S. 163 f.). R. WAHLE schreibt die wahre Kraft den »Urfaktoren« zu. Die phänomenale Welt ist unkräftig (Erkl. d. Eth. Spinoz. S. 193). - Nach ÜBERWEG sind Kraft und Materie zweifache Auffassungen einer »untrennbaren Einheit« (Log. S. 84). Nach E. HAECKEL sind sie »nur verschiedene unveräußerliche Erscheinungen eines einzigen Weltwesens, der Substanz« (Der Monism. S. 14; Welträts.). Nach L. BÜCHNER bilden Kraft und Stoff eine Einheit. Die Kräfte sind Eigenschaften der Stoffe (Kr. u. St.15, S. 31). Die Kraft muß man betrachten »als einen Tätigkeitszustand oder als Bewegung des Stoffes oder der kleinsten Stoffteilchen oder auch als eine Fähigkeit hierzu, oder noch genauer als einen Ausdruck für die Ursache einer möglichen oder wirklichen Bewegung« (l.c. S. 10). - Nach HAGEMANN sind Kraft und Stoff für sich genommen nur Abstrakta. »Betrachten wir nämlich die Körper in ihrem wirkungslosen Dasein als das Raumerfüllende, Beharrliche, was aus sieh nicht zur Bewegung oder zur Ruhe kommt, so nennen wir dieses Stoff oder Materie. Dasjenige hingegen, was den verschiedenen Eigenschaften und Wirkungsweisen der Körper zugrunde liegt, nennen wir die Kräfte derselben« (Met. S. 65).


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