Kausalität - Demokrit, Platon, Aristoteles


Zunächst wird der Kausalbegriff dogmatisch (s. d.) verwendet und bestimmt. Daß der Kausalität der Dinge in letzter Linie etwas Geistiges zugrunde liegt, meinen EMPEDOKLES (s. Kraft), ANAXAGORAS (s. Geist), HERAKLIT (s. Logos). Nach ihm beruht alles Geschehen auf vernünftiger Notwendigkeit (panta de kath' heimarmenên, Stob. Ecl. I, 5, 178). Auch PYTHAGORAS betont die in allem herrschende Notwendigkeit. DEMOKRIT spricht zum erstenmal das Kausalgesetz aus: nichts geschieht von ungefähr, sondern alles aus einem notwendigen Grunde (ouden chrêma matên gignetai, alla tanta ek logou te kai hyp' anankês, Stob. Ecl. I, 4, 160). PLATO unterscheidet zwei Arten von Ursachen: aitiai prôtai (die Ideen, s. d.), die vernünftig wirkenden Gründe, und aitiai deuterai oder xynaitiai (Mitursachen), die im Materiellen liegen, gezwungen, blind, vernunftlos wirken, aber von der Vernunft geleitet werden können (Tim. 46 C-E, 56 C, 69 A). Alles Gewordene hat eine Ursache: anankaion einai panta ta gignomena dia tina aitian gignesthai (Phileb. 26 E). ARISTOTELES versteht unter Ursache (Grund, aition, aitia) besonders das, wovon die Veränderung sich herleitet (hothen hê archê tês metabolês), ferner das »Weswegen« (hou heneka) der Veränderung (Met. V 2, 1013 a 29 squ.), auch das »Woraus« (ex hou); der Stoff (hylê), die Form (eidos), der Grund (logos) gehören zu den Ursachen (Met. V 2, 1013 a 24 squ.). Er faßt auch bewegende, Zweck- und formale Ursachen in eins zusammen und stellt sie dem Stoffprinzipe gegenüber (Phys. II 6, 198 a 24 squ.). Es gibt absolute und bloß beziehentliche (zufällige, akzidentielle) Ursachen (kath' hauto, kata symbebêkos, Met. XI 8, 1065 a 29). Erstere sind bestimmt (hôrismenon), letztere unbestimmt (aoriston), entziehen sich der Erkenntnis (Phys. II 5, 196 b 28; Met. XI, 8, 1065 a 7, VI 2, 1027 a squ.), liegen in der Materie (l.c. VI 2, 1027 a 13). Die Stoiker betonen den strengen Kausalzusammenhang der Dinge, die heimarmenê, die davon herstammt, daß eine Kraft als Vernunft (logos) und Vorsehung (pronoia) im All waltet; aller Zufall ist nur scheinbar (Plut., De fato 11, 574; 7, 572). Die Urkraft (pneuma, s. d.) gestaltet den Stoff, indem sie ihn durchdringt als das allein Tätige, Wirkende (to men oun paschon einai tên apoion ousian tên hylên, to de poioun ton en autê logon ton theon, Diog. L. VII, 134). Die göttliche Weltkraft wirkt als Einheit der Vernunftkeime (logoi spermatikoi, Diog. L. VII, 148). Das Schicksal hält alles in fester Ordnung zusammen (Diog. L. VII, 149). »Causa autem, id est ratio, materiam format et quocunque vult versat, ex illa varia opera producit; esse ergo debet, unde aliquid fiat, deinde a quo fiat« (SENECA, Ep. 65, 2). CHRYSIPP unterscheidet (nach CICERO, De fato 41) einen Teil der Ursachen als »perfectae et principales« von den »causae adiuvantes et proximae«. EPIKUR erklärt, aus nichts werde nichts (ouden ginetai ek tou mê ontos), denn sonst könnte aus allem alles werden (pan gar ek pantos eginet' an, Diog. L. X, 38). Ohne irgend welches göttliches Eingreifen (leitourgountos tinos, Diog. L. X, 76) hat ein Vorgang einen andern notwendig zur Folge. Aber nur Körperliches ist wirksam, weil alles Wirksame körperlich ist (l.c. 67). Nur ursprünglich weichen die Atome (s. d.) von der strengen Kausalordnung ab. LUCREZ betont gleichfalls, »nullam rem e nilo gigni«, »nam si de nilo fierent, ex omnibus rebus omne genus nasci posset« (De rer. nat. I, 150, 159 f.). Die Skeptiker hegen Bedenken gegen die Geltung des Kausalbegriffs. »Ursache« ist ein Relationsbegriff, bezieht sich notwendig auf Wirkung; da aber das Relative nur im Denken besteht (epinoeitai monon), so hat die Ursache keine Existenz (ouch hyparchei, Sext. Empir. adv. Math. IX, 207 f.). Ferner kann die Ursache weder gleichzeitig mit der Wirkung sein, da sonst kein Erzeugungsverhältnis bestände; noch kann sie ihr vorangehen, weil ohne die Wirkung nichts »Ursache« ist; noch nachfolgen, denn das ist unsinnig. Ursache und Wirkung setzen einander gegenseitig voraus, jede Kausalerklärung führt zu einer Diallele (s. d.). Auch kann Gleichartiges weder auf Gleichartiges, noch auf Ungleichartiges wirken (l.c. IX, 241; Pyrrh. hyp. III, 3; Diog. L. IX, 98 f.). PLOTIN führt die Kausalität auf das Wirken der logoi spermatikoi (noerai dynameis,), der vernünftigen Kräfte (»Begriffe« »Gründe«), in den Dingen zurück (Enn. III, 2). Alles Endliche hat seine Ursache, es gibt kein Ursachloses (Enn. III, 1). Die natürlichen (empirischen) Ursachen müssen zunächst aufgesucht werden (ib.).

Die Scholastiker unterscheiden verschiedenartige Ursachen (s. causa), legen ihnen innere Kräfte, »verborgene Qualitäten«, »substantielle Formen« (s. d.), zugrunde und betonen, daß Gott der Urgrund, die Seinsursache sei. So auch die Motakallimûn und AVERROËS: »Intellectus divinus est causa rerum... et principium in omnibus et ubique causans est« (bei ALBERTUS MAGNUS, Sum. th. I, 60, 4). THOMAS betont (wie AUGUSTINUS), die Ursächlichkeit bestehe nicht im Überführen einer Qualität von einem Dinge zum andern, sondern in der Verwirklichung einer Möglichkeit (im Sinne des ARISTOTELES).

»Agens naturale non est traducens propriam formam in alterum subiectum, sed reducens subiectum quod patitur de potentia in actum« (De pot. 3, 13). In gewisser Weise strebt jedes Wirksame »suam similitudinem in effectum inducere, secundum quod effectum capere potest« (Contr. gent. II, 45). Gott ist der letzte Grund der Dinge, nur durch ihn vermögen sie zu wirken. »Deus est causa rei non solum ad formam, sed etiam quantum ad materiam, quae est principium individuationis« (Sent. II, dist. III, 2, 3). »Deus non solum dat rebus virtutem, sed etiam nulla res potest propria virtute agere, nisi agat in virtute ipsius« (Contr. gent. III, 89).


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