Vorstellung - Brentano, Husserl, Lipps...

BRENTANO rechnet das Vorstellen zu den einfachen, ursprünglichen psychischen Funktionen. Vorgestellt wird, »wo immer etwas erscheint« (Psychol. I, 261, s. Objekt, Intentional). F. HILLEBRAND erklärt: »Der Vorstellungsakt wird durch seinen Inhalt spezifiziert und bildet mit ihm zusammen eine einzige psychische Realität« (Die neuen Theor. d. kategor. Schl. S. 37). Nach A. HÖFLER sind Vorstellungen Vergegenwärtigungen von Objekten, von Gegenwärtigem oder Vergangenem (Psychol.. Grundlehr. d. Log. S. 4). TWARDOWSKY erklärt: »Ein Gegenstand ist ›vorgestellt‹ kann heißen, daß ein Gegenstand neben vielen anderen Relationen... auch an einer bestimmten Beziehung... zu einem erkennenden Wesen teilhat... In einem anderen Sinn aber bedeutet der vorgestellte Gegenstand einen Gegensatz zum wahrhaften Gegenstand, den Inhalt der Vorstellung« (Zur Lehre vom Inh. u. Gegenst. d. Vorstell. S. 15. vgl. Objekt). UPHUES definiert: »Unter Vorstellungen können... nur Empfindungen, wieder auflebende oder ursprüngliche, verstanden werden, die uns Gegenstände vertreten, d.h. mit denen ein ruhendes Wissen um etwas von ihnen Verschiedenes, von ihnen Unabhängiges verbunden ist, das wir jederzeit wieder lebendig machen können« (Vierteljahrsschr. f. wissensch. Philos. 21. B., S. 464 f.). Nach L. RABUS ist Vorstellen »dasjenige Denken, welches den Gegenstand durch Unterscheidung desselben in sich und durch Beziehung der Unterschiede aufeinander als etwas setzt: Vorstellen ist Eines als Anderes Denken« (Log. S. 79). Nach B. ERDMANN sind Vorstellungen »die Bewußtseinsvorgänge, durch die wir Gegenstände setzen« (Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. 10. Bd., S. 313). Jeder intellektuelle Bewußtseinsvorgang ist Vorstellung (l. c. S. 311). »Vorstellen umfaßt alle diejenigen Bewußtseinsinhalte, in denen uns das im Bewußtsein Vorhandene als Gegenstand bewußt ist. Dieser Gegenstand ist das Vorgestellte« (Log. I, 36. vgl. S. 171). Die »Perzeptionsmasse« ist nicht Vorstellung, nicht im Bewußtsein (Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. 10. Bd., S. 336 ff.). Nach HUSSERL ist die Vorstellung 1)»ein Akt (bezw. eine eigenartige Aktqualität) so gut wie Urteil, Wunsch, Frage u.s.w.«, 2) »die Aktmaterie, welche die eine Seite des intentionalen Wesens in jedem vollständigen Akte ausmacht« (Log. Unters. II, 427). Auch jeder Akt ist Vorstellung, »in welchem uns etwas in einem gewissen engern Sinne gegenständlich wird« (l. c. S. 430). »Jeder Akt ist entweder selbst eine Vorstellung, oder er ist in einer oder mehreren Vorstellungen fundiert« (l. c. B. 431 f.. vgl. B. 463 ff.). LIPPS nennt jeden Bewußtseinszustand Vorstellung (Grundtats. d. Seelenleb. S. 25). »Ich stelle ein Objekt vor, indem ich ein Bild von ihm erzeuge und ›vor mich hinstelle‹. In der Erzeugung des Bildes oder... des ideellen Objektes besteht die Vorstellungstätigkeit« (l. c. S. 29).

Nach H. STEINTHAL ist Vorstellung »jeder begriffliche Faktor, insofern er Gegenstand der psychologischen Untersuchung ist« (Einl. in d. Psychol. S. 111). GLOGAU bestimmt die Vorstellung als »die aus den räumlich-zeitlichen Beziehungen herausgelösten, mehr oder weniger verdichteten Inhalte« (Abr. d. philos. Grundwiss. I, 201. vgl. Psychol.). Jede Vorstellung ist ein Verband, der aus Teilvorstellungen besteht (Grundwiss. I, 203. über »Verflechtungen« vgl. S. 207 ff.). Nach LAZARUS sind die Vorstellungen »Repräsentationen, Vertretungen eines in unserer Seele vorhandenen Gedankeninhalts«. Die Vorstellung ist (wie nach Steinthal) »Anschauung der Anschauungen«, »innerlich wiederholte und dadurch fixierte Auffassung des Objekts«, »die durch das Wort bewirkte Apperzeption irgend eines ursprünglichen Denkinhalts« (Leb. d. Seele II2, 249 ff.). Nach TEIHMÜLLER sind Vorstellungen »die an die Worte mit ihrem zugehörigen Empfindungskreis angeknüpften Erkenntnisse« (Neue Grundleg. S. 133).

Als Synthese faßt die Vorstellung auf E. v. HARTMANN. Sie ist »ein unbewußter Aufbau aus relativ unbewußten Willenskollisionen« (Kategorienlehre S. 48). Die absolut unbewußte Vorstellung (ein Attribut des Unbewußten, s. d.) ist »ideale Antizipation eines zu realisierenden Willenserfolges«, ist »unsinnlich- übersinnlich« (Mod. Psychol. S. 79), konkret, singulär, rein aktiv und produktiv, logische Intellektualsfunktion, intellektuelle Anschauung, Idee (l. c. 79 f.). Aus einer Synthese leitet die Vorstellung SIGWART ab (Log. I2, 330), so auch SERGI (Psychol. p. 156), MARTY, Nach welchem die Vorstellung eines Qualitätenkomplexes das »Resultat einer vor aller Reflexion vollzogenen Synthese« ist (Üb. Subjektlose Sätze, Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. 19. Bd., S. 79). Nach WUNDT sind die Vorstellungen Verschmelzungen (s. d.) von Empfindungen (Log. I2, 16). Vorstellung ist »das in unserem Bewußtsein erzeugte Bild eines Gegenstandes oder eines Vorgangs der Außenwelt« (Grdz. d. physiol. Psychol. II4, 1. vgl. I4, 281). Die Vorstellungen sind psychische Gebilde (s. d.), »die entweder ganz oder vorzugsweise aus Empfindungen zusammengesetzt sind« (Gr. d. Psychol.5, S. 111). Es gibt drei Hauptformen von Vorstellungen: 1) intensive, 2) räumliche, 3) zeitliche Vorstellungen (l. c. S. 112). »Eine Verbindung von Empfindungen, in der jedes Element an irgend ein zweites genau in derselben Weise wie an jedes beliebige andere gebunden ist, nennen wir eine intensive Vorstellung. In diesem Sinne ist z.B. der zusammenklang der Töne d f a eine solche.« Die intensiven Vorstellungen sind »Verbindungen von Empfindungselementen in beliebig permutierbarer Ordnung« (1. G. S. 112 ff.). »Von den intensiven unterscheiden sich die räumlichen und zeitlichen Vorstellungen unmittelbar dadurch, daß ihre Teile nicht in beliebig vertauschbarer Weise, sondern in einer fest bestimmten Ordnung miteinander verbunden sind, so daß, wenn diese Ordnung verändert gedacht wird, die Vorstellung selbst sich verändert. Vorstellungen mit solch fester Ordnung der Teile nennen wir allgemein extensive Vorstellungen« (l. c. S. 124 ff.). Die Vorstellungen sind keine beharrenden Wesenheiten, sondern »fließende Vorgänge, von denen ein nachfolgender niemals irgend einem vorangegangenen in jeder Beziehung gleichen wird, und die darum nie als ganze Vorstellungen, sondern immer nur in den Elementen, die sie zusammensetzen, miteinander verbundenen sind« (Log. I2, 24. s. Reproduktion). Die Vorstellung ist ursprünglich selbst Objekt (s.d.), später wird sie zu einem Symbol, das auf ein reales Objekt hinweist (Syst. d. Philoa.2, S. 153). Die Vorstellungen sind Produkte der Konflikte von Willenseinheiten (s. Voluntarismus). Ähnlich wie Wundt lehrt u. a. G. VILLA (Einl. in d. Psychol. S. 341, 372). Er bemerkt: »Wenn wir... die Vorstellung betrachten, als könnte sie für sich, unabhängig von uns, bestehen, darum nimmt sie die Form des ›Objekts‹ an. wenn hingegen die Vorstellung einzig als psychische Tatsache angesehen wird, so, als wenn sie auch ohne die äußern Objekte existieren könnte, dann nennen wir sie eigentlich ›Vorstellung‹« (l. c. S. 402). - Nach R. WAHLE besteht alles Psychische aus Vorstellungen (Kurze Erkl. S. 176), aus Vorstellungsreihen (Das Ganze d. Philos. S. 352). Es gibt nicht Vorstellungen und davon verschiedene Objekte, sondern »es stehen einfach Gegenstände da oder es stehen einfach Vorstellungen, physische Phänomene da« (l. c. S. 354). Es gibt kein Vorstellen neben den Vorstellungen (l. c. S. 355). Abstrakte Vorstellungen (Begriffe) sind solche, »durch welche jedwede beliebige, an sich als Ganzes verschiedene Einzelerscheinug aus einer Gruppe unter einander ähnlicher Erscheinungen erfaßt wird« (l. c. S. 362). »Was man eine generelle Vorstellung nennt, ist mehr die generelle Behandlung einer konkreten Vorstellung« (l. c. S. 363). »Sie wird es dadurch, daß das Ich, indem es sie besitzt, auch seine Bereitschaft weiß, zu andern ähnlichen Vorstellungen überzugehen« (l. c. S. 365 f.). Nach J. SOCOLIU ist die Grundbedingung, der Vorstellung »die unmittelbare Beziehung zum Objekt« (Grundprobl. d. Philos. S. 196).

Nach FOUILLÉE ist die Vorstellung (idee) »l'effet conscient, l'expression d'un certain état total de l'esprit, en relation avec telle ou telle action extérieure: c'est un rapport déterminé et constant du moi au non -moi« (Psychol. d. id.-forc. I, 197). Die Vorstellungen sind zugleich Triebkräfte, »appétitions«, als solche sind sie Kraftideen, »idées-forces« (l. c. p. VII ff.). - Vgl. die Schriften von RENOUVIER (Psychol.), RIBOT (L'évol. des idées generales u. a.), MERCIER, BERGSON, JANET, HODGSON, BRADLEY, GREEN, FERRIER, MANSEL u. a.. B. ERDMANN, Vierteljahrsschr. f. wissensch. Philos. X, 1886, S. 307. - Vgl. Perzeption, Wahrnehmung, Repräsentation, Gedächtniss, Reproduktion, Idee, Objekt, Allgemeinvorstellung, Begriff, Gedanke, Voluntarismus, Unbewußt, Assoziation, Verbindung, Verschmelzung, Hemmung, Statik, Idealismus, Vorstellungs- Vorstellungen.


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