Verstand - Platon, Leibniz, Kant, Locke...

Unter dianoia, dianoeisthai versteht PLATO oft das reine, begriffliche Denken, den reinen Verstand (vgl. Phaed. 189D squ.. Theaet. 160D, 185 A). - In der mittelalterlichen Philosophie bedeutet meist »ratio« das, was man später unter Verstand meint. So ist nach SCOTUS ERIUGENA der Verstand ein begrifflich vermitteltes Denken (De div. nat. II, 23). Nach ISAAK VON STELLA ist die »ratio« »ea vis animae, quae rerum corporearum incorporeas percipit formas. Abstrahit enim a corpore, quae fundantur in corpore, non actione, sed consideratione« (vgl. Stöckl I, 386 f.). WILHELM VON CONCHES erklärt: »Ratio... est vis animae, qua diiudicat homo proprietates corporum et differentias earum, quae illis insunt« (Comment. ad. Tim. f. 56. vgl. Hauréau I, 438). Nach THOMAS geht die »ratio« auf die Deduktion der Prinzipien im Schließen (1 anal. 44. vgl. Vernunft). JOH. GERSON definiert: »Ratio est vis animae cognoscitiva deductiva conclusionum ex praemissis, elicitiva quoque insensatorum ex sensatis et abstractiva quidditatum, nullo organo in operatione sua egens« (De myst. theol. 11).

Nach NICOLAUS CUSANUS ist der Verstand (ratio) diskursiv (s. d.), er erhebt sich nicht über die Gegensätze (s. d.) des Gegebenen, vermag nicht »transilire contradictoria« (De coniect. I, 11. II, 16. De doct. ignor.).

LOCKE bemerkt: »The power of thinking is called the understanding« (Ess. II, ch. 6, § 2). Nach BERKELEY heißt der Geist Verstand, sofern er Ideen perzipiert (Princ. XXVII). - Nach LEIBNIZ ist der Verstand das Vermögen, deutliche Ideen zu haben, zu reflektieren, zu deduzieren (Gerh. V, 245). Nach TSCHIRNHAUSEN ist der Verstand (intellectus) das Vermögen, etwas zu begreifen und das Gegenteil nicht zu begreifen (Med. ment.). Nach CHR. WOLF ist der Verstand »facultas, res distincte repraesentandi« (Psychol. empir. § 275). Der Verstand ist »das Vermögen, das Mögliche deutlich vorzustellen« (Vern. Ged. 1, § 277. Vern. Ged. von d. Kr. d. menschl. Verst. S. 23). Nach G. F. MEIER ist der Verstand »dasjenige Erkenntnisvermögen, wodurch wir imstande sind, uns eine deutliche Vorstellung von einer Sache zu machen« (Met. III, 249). Durch den Verstand begreifen wir (l. c. S. 252). PLOUQUET bestimmt: »Intellectus consistit in vi plura ita intuendi, ut unum in altero vel ex altero repraesentetur, seu est vis plures ideas in se conferendi« (Princ. de subst. et phaenom. 1753, p. 75). CRUSIUS definiert: »Die ganze Kraft zu denken in einem Geiste heißet zusammengenommen der Verstand« (Vernunftwahrh. § 441). Nach FEDER ist der Verstand »das Vermögen, allgemeine Begriffe zu fassen und deutlich sich vorzustellen« (Log. u. Met. S. 39). - Ähnlich EBERHARD (Philos. Magaz. I, 295). Der abstrahierenden Vernunft erscheint der Verstand untergeordnet bei Tetens. Nach PLATNER ist der Verstand das Erkenntnisvermögen, wiefern es »Vorstellungen anerkennt unter Begriffen« (Log. u. Met. S. 83). Es besteht eine Einheit von Sinnlichkeit und Verstand (Philos. Aphor.3, § 697). Nach GARVE ist der gesunde Verstand »eine nicht sehr tiefsinnige, aber doch richtige Vernunft, die sich an den gewöhnlichen Gegenständen der menschlichen Kenntnisse geübt hat« (Samml. ein. Abhandl. I, 84). - Nach HOLBACH ist der Verstand »la faculté d'apercevoir ou d'être modifié tant par les objets extérieurs, que par lui-même« (Syst. de la nat. I, ch. 8, p. 115). ROBINET definiert: »L'entendement est la faculté d'apercevoir un objet, d'en avoir l'idée, par l'ébranlement d'une fibre intellectuelle« (De la nat. I, 288).

KANT stellt den Verstand der Sinnlichkeit (s. d.) als aktive Geistestätigkeit, als »Spontaneität« (s. d.) der Erkenntnis, »das Vermögen, Vorstellungen selbst hervorzubringen« gegenüber (Krit. d. rein. Vern. S. 76) Er ist »das Vermögen, den Gegenstand sinnlicher Anschauung zu denken« (l. c. S. 77), das »Vermögen zu urteilen« (1. o. S. 88), das Vermögen der Begriffe, Urteile oder Regeln (Vorles. üb. Met. S. 157), das »Vermögen zu reflektieren« (Reflex. II, 146). Der Verstand erzeugt Begriffe, ist die Quelle der Kategorie n (s. d.). »Die Einheit der Apperzeption in Beziehung auf die Synthesis der Einbildungskraft ist der Verstand, und eben dieselbe Einheit, beziehungsweise auf die transzendentale Synthesis der Einbildungskraft, der reine Verstand« (Krit. d. rein. Vern. S. 129). Er ist »vermittelst der Kategorien ein formales und synthetisches Prinzipium aller Erfahrungen« (l. c. S. 130). Der Verstand ist »das Vermögen der Regeln«, d.h. er ist »jederzeit geschäftig, die Erscheinungen in der Absicht durchzuspähen, um an ihnen irgend eine Regel aufzufinden« (l. c. S. 139:). so wird er zur »Gesetzgebung für die Natur« (l. c. S. 135. Krit. d. Urt. Einl. IV). Der gemeine, gesunde Menschenverstand reicht zur Philosophie nicht aus (vgl. WW. II, 375 f.. III, 8 f., 147 ff.. VII 2, 102). Vgl. REINHOLD, Vers. ein. Theor. S. 158. Was ist Wahrh.? 1820, S. 62.


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